Schweizer Börse - Schleichender Kurszerfall bei beliebten Aktien

In den letzten Jahren stets beliebt, kranken einige Schweizer Aktien an einem zermürbenden Kurszerfall. Der cash Insider mit den Hintergründen oder Erklärungsversuchen.
14.03.2018 12:30
cash Insider
Schleichender Kurszerfall bei beliebten Aktien
Bild: fotolia.com

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Die Flut hebt alle Boote, so lautet eine alte Börsenweisheit. Doch liess sich am Schweizer Aktienmarkt längst nicht mit allen Aktien gleich viel Geld machen.

Eine goldene Nase verdiente sich, wer auf die beiden Pharmazulieferer Lonza und Bachem, die Bankensoftwareschmiede Temenos, den Schliesstechnikspezialisten Dormakaba, den Vermögensverwalter EFG International, den Spezialitätenchemiehersteller Clariant, den Weltmarktführer Straumann oder den aufstrebenden Börsendebütanten Idorsia setzte.

Die Kurse aller dieser Unternehmen erfuhren in den letzten Jahren eine Vermehr- wenn nicht gar eine Vervielfachung. Und noch etwas eint die genannten Aktien: sie alle leiden seit wenigen Wochen an einem schleichenden Kurszerfall.

In einigen Fällen lässt sich dieser Kurszerfall mit firmenspezifischen Gründen erklären - doch längst nicht in allen acht.

Bei Lonza steht die Jahresergebnisveröffentlichung am Anfang des Kursknicks. Die Aktien des Basler Pharmazulieferers trennen mittlerweile 17 Prozent von den Höchstkursen von Ende Januar.

Die milliardenschwere Übernahme von Capsugel bremst die Wachstums- und Margenentwicklung beim Mutterhaus stärker, als Analysten erwartet hatten. Das wiederum weckt Ängste, wonach Lonza den Firmenkauf überzahlt haben könnte.

Keine offensichtlichen Erklärungen gibt es für die Formschwäche der Valoren von Bachem. Beim Pharmazulieferer aus Bubendorf hat sich seit den ersten Januar-Tagen ein Minus von gut 22 Prozent aufgestaut.

Die Aktien von Bachem (rot) und Lonza (grün) im 12-Monats-Vergleich mit dem SPI (gelb) (Quelle: www.cash.ch)

Am kommenden Freitag wird der Lonza-Rivale der Weltöffentlichkeit sein Jahresergebnis präsentieren. Dann dürfte sich zeigen, ob Bachem zu Unrecht von der Börse in Sippenhaft genommen wurde.

Nicht weniger heftig erwischte es die Aktien von Clariant. Bei ihnen errechnet sich seit den Mehrjahreshöchstkursen von Mitte Januar ein sattes Minus von 19 Prozent.

Seit die oppositionelle Aktionärsgruppe White Tale ihr Aktienpaket in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gewinnbringend der saudischen Sabic weiterverkauft hat, tendiert die Wahrscheinlichkeit einer Unternehmenszerschlagung bei Clariant gegen null. Das Nachsehen haben die Trittbrettfahrer - und das zu Recht.

Wie bei Lonza offenbarte auch bei Clariant das Jahresergebnis gewisse Schwächen. Eine höhere Kapitalbindung beim Umlaufvermögen liess den freien Cash Flow im Schlussquartal regelrecht einbrechen.

Nichts zu lachen haben die Aktionäre von Dormakaba. Als der Schliesstechnikspezialist am Dienstag vor einer Woche ein schwaches Halbjahresergebnis vorlegte und bei den Zielsetzungen für das Gesamtjahr zurückkrebste, reagierte die Börse gnadenlos: Die Aktien verloren an diesem Tag zeitweise 13 Prozent. Wer Mitte September bei über 1000 Franken beherzt zugriff, bei dem dürften Verluste von bis zu 25 Prozent aufgelaufen sein.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass Dormakaba halt doch kein Wachstumsunternehmen ist und auch nicht so bewertet werden darf (siehe auch "Ehemalige Bank Coop legt sich mit der mächtigen UBS" an vom 13. Dezember).

Steil nach unten ging es auch für die Aktien von EFG International. Dass beim Vermögensverwalter in der zweiten Hälfte letzten Jahres Kundenvermögen abgezogen wurde, kam überhaupt nicht gut an. Innerhalb von gerademal sechs Wochen büsste das Unternehmen rund 30 Prozent an Börsenwert ein.

Die Valoren von Temenos erreichten im Januar im Zuge von Übernahmespekulationen neue Höchstkurse (siehe "Was ist dran an den Gerüchten um Temenos?" vom 26. Januar).

Allerdings sollte alles ganz anders kommen: Anstatt von Softbank oder Microsoft übernommen zu werden, gab die Bankensoftwareschmiede aus Genf ein milliardenschweres Angebot für die britische Fidessa ab.

Beeindruckender Höhenflug der Temenos-Aktien über die letzten fünf Jahre (Quelle: www.cash.ch)

Die Grossübernahme verwässere die Wachstumsaussichten von Temenos, sagen die einen - der berüchtigte Hedgefonds Elliott poche bei Fidessa auf eine Offertnachbesserung, die anderen (siehe "Berüchtigter Hedgefonds macht Temenos das Leben schwer" vom 23. Februar).

Bei Idorsia und Straumann lassen sich hingegen bloss Vermutungen hinsichtlich der mysteriösen Kursschwäche anstellen. Für die Valoren von Straumann wird aktuell gut 14 Prozent weniger als noch Ende November bezahlt. Schon seit Wochen berichten mir Händler immer wieder davon, dass grosse Fonds als Verkäufer in Erscheinung treten.

Die Aktien von Idorsia trennen gar 21 Prozent von den Höchstkursen von Ende Januar. Erst vor wenigen Tagen nahm der für Vontobel tätige Stefan Schneider sein Anlageurteil von "Buy" auf "Hold" zurück und strich das Kursziel auf 24 (zuvor 32) Franken zusammen.

Dass die Kursziele für die Valoren von 7 bis 24 Franken reichen zeigt, wie schwer Analysten die wahrscheinlichkeitsgewichtete Bewertung der einzelnen Forschungs- und Entwicklungsprojekte fällt.

Lehrbüchern lässt sich per Definition folgendes entnehmen: Von einer Baisse ist dann die Rede, wenn ein Aktienindex oder eine Einzelaktie um 20 oder mehr Prozent von den Höchstständen zurückfällt.

Die acht genannten Aktien befinden sich alle in einer sogenannten Distributionsphase. Von einer solchen spricht man, wenn langjährige Aktionäre Kasse machen und an Anleger weiterverkaufen, welche die markanten Kurssteigerungen der letzten Jahre verpasst haben und in den zuletzt tieferen Kursen eine günstige Einstiegsgelegenheit sehen.

Wie schnell und ob die in den letzten Monaten erklommenen Höchstkurse überhaupt irgendwann wieder erreicht werden, lässt sich nur schwer abschätzen. Fakt ist: die Kasse machenden langjährigen Aktionäre sind in einer deutlich vorteilhafteren Situation als ihre jeweilige(n) Gegenpartei(en). Denn im historischen Kontext sind die acht Aktien noch immer alles andere als ein Schnäppchen.

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