Sieben Jahre nach der Börsen-Baisse

Sieben Jahre nachdem der Schweizer Aktienmarkt im Zuge der Börsen-Baisse seine Talsohle durchschritten hat, nimmt der cash Insider eine Standortbestimmung vor.
30.03.2016 12:30
cash Insider
Sieben Jahre nach der Börsen-Baisse

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Siebe Jahre ist es her, dass der Schweizer Aktienmarkt als Folge der Finanzkrise seine Talsohle durchschritten hat. Im März 2009, auf dem Höhepunkt des zermürbenden Ausverkaufs, lag der Swiss Performance Index (SPI) bei gerade einmal 3625 Zählern.

Die Angst vor einem Kollaps des Finanzsystems liess die Anleger auch hierzulande in Scharen aus den Aktien flüchten. Es gehörte schon sehr viel Mut und Dreistigkeit dazu, damals "in fallende Messer" zu greifen.

Denn so sehr in der Öffentlichkeit auch immer über die beiden Schweizer Banken hergezogen wird: Sie sind und bleiben das Rückgrat unserer Wirtschaft. Ohne sie geht nichts. Gerade deshalb wäre es wünschenswert, UBS, Credit Suisse und Co. würden sich wieder auf ihre traditionelle Rolle zurückbesinnen und gewagte Finanzmarktwetten auf eigene Rechnung, aber mit fremdem Geld (vor allem jenem der Einleger) sein lassen. Schliesslich trat Letzteres die Krise überhaupt erst los...

Heute wissen wir: Die Welt ging damals nicht unter. Obschon die Bankenrettung zu einem sprunghaften Anstieg der Staatsverschuldung und dadurch zur Schuldenkrise führte, liess sich mit Schweizer Aktien in den vergangenen Jahren viel Geld verdienen. Im Frühsommer 2013 notierte der SPI erstmals höher als vor der Finanzkrise und näherte sich letzten August sogar der magischen Marke von 10'000 Punkten. Davon ist das Börsenbarometer zwar zurückgefallen. Allerdings hat es sich seit den Tiefstständen von vor sieben Jahren noch immer weit mehr als verdoppelt. Die Aktien vieler kleinerer und mittelgrosser Unternehmen schnitten sogar noch besser ab.

Zu verdanken haben wir das den führenden Zentralbanken und ihrer "Politik des billigen Geldes". Stand auf dem Höhepunkt der Finanzkrise die Stabilisierung des Finanzsystems im Vordergrund, so entlud sich diese zumindest bei uns in Europa in einer Schuldenkrise der öffentlichen Hand, worauf auch diese gerettet werden musste. Noch heute hallt die Warnung der Europäischen Zentralbank (EZB) nach, gegebenenfalls mit der geldpolitischen "Bazooka" aufzufahren.

Seither nimmt die Politik der EZB immer groteskere Formen an. Erst vor wenigen Wochen richtete sie unter dem Vorwand der Bekämpfung deflationärer Kräfte "mit der grossen Kelle" an. Nicht nur, dass den Geschäftsbanken auf ihren Einlagen neu ein Strafzins von 0,4 Prozent belastet wird, auch der Refinanzierungssatz wurde auf null gesenkt. Darüber hinaus sollen die Wertpapierkäufe ab April von monatlich 60 auf 80 Milliarden Euro ausgebaut und auf Unternehmensanleihen erweitert werden.

Der Forderung nach einer Übernahme notleidender Bankkredite kam die EZB zwar genausowenig nach wie jener nach einer Ausweitung der Wertpapierkäufe auf europäische Aktien. Das könnten ihr nun aber ausgerechnet die Unternehmen selber in Form von anleihenfinanzierten Aktienrückkäufen nach amerikanischem Vorbild abnehmen. Einmal mehr hätte dann die Geldpolitik versagt, wenn es darum geht, die Investitionstätigkeit anzukurbeln.

Die Zeche bezahlen die Sparer sowie die heute schon angeschlagenen Sozialwerke. Hier beisst sich die "Politik des billigen Geldes" endgültig in den eigenen Schwanz. Denn führende Wirtschaftsnationen aber auch viele europäische Länder sind heute deutlich höher verschuldet als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vor sieben Jahren. Das überrascht nicht, lässt sich dank der von den Zentralbanken verfolgten Politik doch ungeniert "sündigen". Die schon vor Jahren angekündigten Strukturreformen und die Sanierung der Staatshaushalte - das alles bleibt bis heute ein Lippenbekenntnis.

Die Probleme sind die gleichen geblieben wie vor sieben Jahren, wenn sie nicht sogar gewachsen sind. Allerdings gibt es gegenüber dem Höhepunkt der Börsen-Baisse vom März 2009 einen entscheidenden Unterschied: Damals wies der Schweizer Aktienmarkt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwas mehr als 10 auf. Roche, Nestlé und Novartis waren für rund das 12-fache des damaligen Jahresgewinns zu haben. Und obschon sich die Unternehmensgewinne in den ersten Jahren nach der Krise erholt haben und seither stagnieren, errechnet sich mittlerweile ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16 für den SPI. Im vergangenen Sommer waren Anleger sogar bereit, das 19-fache der diesjährigen Gewinne zu bezahlen. Auch die Bewertung der drei Indexschwergewichte liegt heute deutlich höher als damals.

Dennoch gibt es aufgrund der historisch tiefen Zinsen kein Vorbeikommen an Aktien - auch wenn das Dividendenargument nicht gegen vorübergehende Kursrückschläge schützt. Die durchschnittlich zwischen 3 und 3,5 Prozent liegende Rendite ist erfahrungsgemäss schnell aufgebraucht, wenn die Kurse ins Rutschen geraten. Sorgen bereitet mir vor allem die amerikanische Leitbörse. Denn alt eingesessene Börsenfüchse wissen: Husten die Marktakteure in New York zweimal laut, verschlägt es jene bei uns mit einer schweren Grippe ins Bett.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf meine Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2016 sowie auf die im Januar erkorenen Dogs of the SMI. Am kommenden Freitag ziehe ich bei beiden Aktienkörben das nächste Mal Bilanz.
 

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