SMI-Aktien - Leerverkäufer auf dem Rückzug

Amerikanische Leerverkäufer ziehen sich aus ihren Wetten gegen mehrere Vertreter aus dem Swiss Market Index wie Nestlé, Roche, UBS und Credit Suisse zurück. Eine Aktie hat es ihnen jedoch weiterhin angetan.
15.08.2018 12:30
cash Insider
Leerverkäufer auf dem Rückzug
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

+++

Wenn sich ein für seine aktive Einflussnahme berüchtigter Finanzinvestor bei einem börsenkotierten Unternehmen einnistet, ist er auf weitere Verbündete im Aktionariat angewiesen. Nicht selten sucht er deshalb mit seinen Forderungen ziemlich rasch die Öffentlichkeit.

Anders der Leerverkäufer. Er meidet den grossen Auftritt und greift ein Unternehmen meist aus dem Hinterhalt an. Wenn es darum geht, den Kurs einer Aktie in den Boden zu reiten, scheint ihm fast jedes Mittel recht. Um die Zukunft der Mitarbeiter, Kunden und Zulieferer schert sich der Leerverkäufer einen Teufel.

Doch so unterschiedlich die beiden Spezies auch sein mögen - die Gier nach dem schnellen Geld eint sie.

In der Schweiz können sich die Leerverkäufer unter dem Deckmantel der Anonymität bewegen. Zu erkennen geben müssen sie sich nur dann, wenn sie mit 3 oder mehr Prozent gegen ein börsenkotiertes Unternehmen  spekulieren.

Zum Vergleich: Im nördlichen Nachbarland Deutschland müssen schon kleinste Leerverkaufspositionen gemeldet werden, wo sie schon wenige Tage später öffentlich zugänglich sind.

Grosse Schweizer Unternehmen und ihre Aktionäre müssen sich wohl oder übel an die Statistik der New York Stock Exchange (NYSE) halten - oder findigen Beratungsfirmen wie Markit viel Geld für auf Schätzungen basierende Erhebungen bezahlen.

Nachteile der Erhebungen der Börsenbetreiberin in New York: Sie veröffentlicht die Statistik nur alle zwei Wochen und umfasst aus Schweizer Sicht nur diejenigen Unternehmen, die ihre Aktien dort handeln lassen.

Die neuste Erhebung zeigt, dass sich die Leerverkäufer in New York auf dem Rückzug befinden - auch bei den Aktien vieler Vertreter aus dem Swiss Market Index (SMI).

Den stärksten Rückgang verzeichneten die Wetten gegen Nestlé. Ende Juli spekulierten die Leerverkäufer beim Nahrungsmittelhersteller aus Vevey mit 207'000 American Deposit Receipts (ADRs) auf rückläufige Kursnotierungen. Das sind 25 Prozent weniger als bei der Erhebung zwei Wochen zuvor.

Für die Aktien von Nestlé ging es in den letzten Tagen wieder nach oben. (Quelle: www.cash.ch)

Über die Beweggründe lassen sich bestenfalls Mutmassungen anstellen. Allerdings dürfte die im Raum stehende Forderung des Grossaktionärs Third Point eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Der Hedgefonds des amerikanischen Milliardärs Dan Loeb fordert eine Aufspaltung Nestlés in drei voneinander unabhängige Unternehmen (siehe Ist eine «zerschlagene» Nestlé 110 Franken je Aktie wert? vom 5. Juli und Wer ist der geheimnisvolle Käufer von Nestlé-Blöcken vom 6. August).

Beim Pharma- und Diagnostikkonzern Roche reduzierte sich die Anzahl leeverkaufter ADRs um 24 Prozent auf 1,39 Millionen Aktien. Nach dem überraschend starken Zahlenkranz für die erste Jahreshälfte und der erneuten Erhöhung der diesjährigen Wachstumsvorgaben scheinen sich die amerikanischen Leerverkäufer ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher, wie der seit Wochen beobachtete Rückzug zeigt.

Ein neues Opfer haben sie im Platzrivalen Novartis gefunden. In New York schwollen die Wetten gegen den ebenfalls in Basel beheimateten Gesundheitskonzern auf 2,6 Millionen Aktien an. Das sind fast fünfmal so viel wie bei der letzten Erhebung zwei Wochen zuvor (siehe Ein SMI-Schwergewicht hat es den Leerverkäufern angetan vom 30. Juli).

Diese tiefgehende Skepsis überrascht, werden die Papiere von Novartis in  amerikanischen Analystenkreisen doch sehr viel häufiger zum Kauf empfohlen als jene von Roche. Das lässt sich mitunter damit erklären, dass die Kontroverse rund um ausufernde Medikamentenpreise Roche stärker treffen könnte. Schliesslich gelten die Basler als Weltmarktführer in der Krebsbehandlung. Dank der auf günstigere Nachahmerpräparate spezialisierten Tochter Sandoz könnte Novartis gegebenenfalls sogar von der besagten Kontroverse profitieren.

Das scheint die amerikanischen Leerverkäufer allerdings nicht zu beeindrucken - geschweige denn, von aggressiven Wetten gegen Novartis abzuhalten.

Die Genusscheine von Roche (rot) im Zwei-Wochen-Vergleich mit den Aktien von Novartis (grün). (Quelle: www.cash.ch)

Auf dem Rückzug befinden sich die Leerverkäufer hingegen bei den beiden Schweizer Grossbanken UBS (-22 Prozent auf 8,69 Millionen ADRs) und Credit Suisse (-11 Prozent auf 2,7 Millionen ADRs) sowie bei ABB (-9 Prozent auf 3,45 Millionen ADRs).

Im Wissen um die Unzufriedenheit im Aktionariat von ABB ist die Wahrscheinlichkeit eines strategischen Befreiungsschlags grösser geworden - etwas, das den Leerverkäufern womöglich substanzielle Verluste bescheren könnte (siehe Ist ABB-Chef Spiesshofer «realitätsfremd»? vom 7. August).

Die jüngsten Entwicklungen rund um die in New York gehandelten Aktien der Unternehmen aus dem SMI sind ermutigend. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die amerikanischen Leerverkäufer ihre Wetten - wie zuletzt jene gegen Novartis - jederzeit wieder kräftig ausbauen können...
 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.