SMI-Schwergewichte - Machen Google und Co. schon bald Jagd auf Roche und Novartis?

Die britische HSBC warnt in einer Branchenstudie vor dem Vorstoss mächtiger Technologiekonzerne in die Medikamentenherstellung - Und: Ist Roche überhaupt noch ein attraktives Langfrist-Investment?
11.10.2017 12:30
cash Insider
Machen Google und Co. schon bald Jagd auf Roche und Novartis?
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

+++

Mit der milliardenschweren Übernahme von Whole Foods durch Amazon hat das Detailhandelssterben jenseits des Atlantiks einen traurigen Höhepunkt erreicht. Reihenweise sind kleinere Ladeninhaber gezwungen, ihre Geschäftstätigkeit aufzugeben. Gegen den mächtigen Versandhändler scheint kein Kraut gewachsen.

Der Vorstoss der Amerikaner ins Geschäft mit Nahrungsmitteln sollte auch anderen Wirtschaftszweigen eine Warnung sein. Denn immer öfter nutzen Tech-Giganten wie Amazon, Googleund Co. ihre Milliarden von Dollar, um sich neue Märkte zu erschliessen.

Darf man dem Pharmaanalysten der britischen HSBC Glauben schenken, dürfen sich selbst die Pharmahersteller ihrer Sache nicht länger sicher sein. Der koreanische Grosskonzern Samsung mache es vor, so mahnt er in einer Studie.

Dabei spielt der Studienautor - er gilt als ein profunder Branchenkenner - auf den beeindruckenden Aufstieg von Samsung BioLogics zum einem der führenden Auftragsfertiger für biopharmazeutische Wirkstoffe. Dass die Tochtergesellschaft von der Börse gerademal sechs Jahre nach ihrer Gründung mit nahezu 20 Milliarden Dollar bewertet wird, spricht Bände.

Aktien der Google-Mutter Alphabet (rot) im 12-Monats-Vergleich mit den Genussscheinen von Roche (grün) (Quelle: www.cash.ch).

Nicht weniger erfolgreich ist Samsung Bioepis, eine auf biotechnologische Nachahmermedikamente spezialisierte Tochter der Koreaner. Vor fünf Jahren gegründet, vertreibt sie bereits fünf dieser Präparate in Nordamerika und Europa.

Dem Analysten zufolge forscht auch Alphabet, das Mutterhaus von Google, mit den beiden Tochtergesellschaften Verily und Calico an neuartigen Wirkstoffen. Bei Calico konnte Alphabet gar den früheren Genentech-Chef mit an Bord holen.

Für den Studienautor steht deshalb fest: In den kommenden Jahren stehen Firmen wie der Basler Pharma- und Diagnostikkonzern Roche vermehrt im Wettbewerb mit mächtigen Technologieunternehmen. Dasselbe könnte für die Lonza Group oder Bachem zum Thema werden, sieht der Pharmaanalyst nach Samsung doch auch den amerikanischen Mischkonzern General Electric in die Auftragsfertigung für biopharmazeutische Wirkstoffe vorstossen - mit weitreichenden Folgen für die Preisentwicklung für Medikamente.

Die hiesigen Pharmahersteller wie Roche oder Novartis sehen sich schon heute zahlreichen Herausforderungen gegenübergestellt. Da müsste es eigentlich nicht sein, dass ihnen auch noch Google und Co. das Leben schwer machen.

+++

Zwei Wochen ist es her, dass die Pharmaanalystin von BNP Paribas einen Tabubruch beging. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion stufte sie die Genussscheine von Roche von "Neutral" auf "Underperform" herunter und strich das Kursziel auf 235 (zuvor 250) Franken zusammen.

Als Henri B. Meier noch Finanzchef des Pharma- und Diagnostikkonzerns aus Basel war, wäre bei ihrem Vorgesetzten vermutlich umgehend ein Telefonanruf eingegangen. Doch das war einmal...

In einer mir aus London zugespielten Unternehmensstudie tritt ihr für Liberum tätiger Berufskollege nun nach. Er stuft die Valoren zwar weiterhin mit Hold ein, reduziert jedoch das Kursziel auf 250 (bisher 262) Franken. Wäre das Börsengeschehen ein Fussballspiel - der Studienautor bekäme vom Schiedsrichter womöglich die gelb-rote Karte gezeigt.

Die Genussscheine von Roche (rot) hinkt dem weit hinterher SPI (grün) (Quelle: www.cash.ch).

Er warnt davor, den drohenden Umsatzzerfall bei den drei Schlüsselmedikamenten Herceptin, Rituxan und Avastin auf die leichte Schulter zu nehmen. Bis in fünf Jahren liegen die bankeigenen Umsatzschätzungen für diese drei Präparate um gesamthaft 9 Prozent unter den Erwartungen anderer Analysten. Die Annahmen für den operativen Gewinn (EBIT) bewegen sich immerhin noch um 4 bis 8 Prozent darunter.

Für den Studienautor steht deshalb fest: Selbst auf lange Sicht sind die Genussscheine von Roche alles andere als ein Kauf.

Ich kann mich noch gut an eine Zeit zurückerinnern, als es hiess, dass die Valoren des Basler Pharma- und Diagnostikkonzerns nur am Tag des Kaufes teuer seien. Übertrieben teuer sind sie heute zwar nicht mehr - aber das hat durchaus seine Gründe.
 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.