Stratege betitelt Notenbanker als «Wahnsinnige»

Stratege hält die deflationären Kräfte für eine Nebenwirkung der Geldpolitik - Nun erwärmt sich auch die MainFirst Bank für die Aktien von Nestlé - Und: Givaudan droht erstmals wieder ein Margenrückgang.
21.09.2016 12:30
cash Insider
Stratege betitelt Notenbanker als «Wahnsinnige»
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

***

Am vergangenen Donnerstag jährte sich der Untergang der mächtigen Investmentbank Lehman Brothers zum achten Mal. Mit den Folgen dieses geschichtsträchtigen Ereignisses haben die Zentralbanken führender Wirtschaftsnationen bis heute zu kämpfen.

Mit der Politik des billigen Geldes liess sich das Bankensystem zwar stabilisieren. Der von Experten befürchtete Dominoeffekt konnte so abgewendet werden. Allerdings hatte das - wie alles im Leben - seinen Preis: Die Währungshüter sind zu Gefangenen der eigenen Politik geworden. Weltweit hat sich die Geldmenge in all den Jahren nicht weniger als versiebenfacht.

Weil weder gegen die wirtschaftliche Wachstumsflaute noch gegen deflationäre Kräfte ein Kraut gewachsen ist, hilft nur eines: Die Währungshüter verkaufen Illusionen.

In einer Strategiestudie mit dem unmissverständlichen Titel "Wahnsinnige sind an der Macht" (in Anlehnung an eine Aussage von John Maynard Keynes) geht der für das Cross Asset Research von Kepler Cheuvreux tätige Autor mit den Zentralbanken und ihren Vertretern hart ins Gericht.

Der amerikanischen Notenbank sei es selbst nach sieben Jahren Nullzinspolitik nicht gelungen, der Wirtschaft nachhaltige Wachstumsimpulse zu verleihen.

Doch auch die Bank of Japan und die Europäische Zentralbank (EZB) bekommen in der Studie ihr Fett weg. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass ihre Wertpapierkäufe in den vergangenen 12 Monaten an Wirkung eingebüsst haben.

Der Stratege macht die Geldpolitik der Zentralbanken führender Wirtschaftsnationen selber für die Wachstumsflaute und die deflationären Kräfte verantwortlich. Es sei nichts als logisch, dass sich die Teuerung in Richtung der bei Null oder gar darunter liegenden Zinsen bewegen, so schreibt er. Der Experte verspricht sich deshalb von den zuletzt heiss diskutierten fiskalpolitischen Lockerungsmassnahmen Linderung.

Unsere Schweizerische Nationalbank (SNB) bleibt auf Gedeihen und Verderben von der EZB und deren Geldpolitik abhängig. Anders als in anderen Teilen Europas sind die jüngsten Erhebungen für die Entwicklung des hiesigen Bruttoinlandprodukts zwar sehr ermutigend. Doch auch in der Wirtschaft gilt: Eine Schwalbe macht noch lange keinen Frühling.

Wie lange sich die Finanzmarktakteure noch den geldpolitischen Illusionen hingeben, bleibt abzuwarten. Die Uhr tickt jedenfalls...

***

Nicht selten wird den Erwartungen an der Börse ein höheres Gewicht eingeräumt als den harten Fakten. Nur so lässt sich erklären, weshalb schon seit Wochen immer neue Kaufempfehlungen für die als langweilig verschrieenen Aktien von Nestlé eintreffen.

Neuerdings kann sich nämlich auch der Analyst der MainFirst Bank für die Papiere des traditionsreichen Nahrungsmittelkonzerns aus Vevey erwärmen. In einer Branchenstudie stuft er diese mit einem Kursziel von 100 Franken von "Neutral" auf "Outperform" herauf.

Unter dem zukünftigen Konzernchef erwartet der Studienverfasser Bereichsverkäufe im Gegenwert von nicht weniger als 50 Milliarden Franken, wovon 42 Milliarden Franken reinvestiert werden sollten.

Je näher die Rochade an der Spitze von Nestlé rückt, desto mehr wird Ulf Mark Schneider mit Vorschusslorbeeren überschüttet. Die wohl grösste Herausforderung des zukünftigen Konzernchefs wird sein, den ambitiös hohen Markterwartungen gerecht werden zu können (siehe auch Kolumne vom 14. September).

***

In den vergangenen Jahren liess sich mit den Aktien von Givaudan gutes Geld verdienen. Bei den im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Unternehmen belegte der Aromen- und Riechstoffhersteller aus Genf jedenfalls regelmässig einen der oberen Plätze auf der Liste der Jahresbesten.

Das dürfte nun allerdings ein Ende haben. Dieser Meinung ist zumindest der für Bernstein Research tätige Chemieanalyst. Er nimmt die Erstabdeckung der bei den Anlegern beliebten weil dividendenstarken Aktien von Givaudan mit "Underperform" und einem Kursziel von gerademal 1750 Franken auf.

Er sieht einen Sturm in Form stark anziehender Rohmaterialkosten und steigender Lagerbestände aufziehen. Während vieler seiner Berufskollegen im kommenden Jahr mit weiteren Margenverbesserungen erwarten, rechnet der Experte mit Margendruck. Seine nächstjährigen Prognosen für den operativen Gewinn (EBITDA) liegen denn auch um 6 Prozent unter den Konsensschätzungen.

Man kann von Bernstein Research halten was man will - immerhin ist sich die amerikanische Investmentbank nicht zu schade, Verkaufsempfehlungen auszusprechen. Und das in einer Zeit, in welcher andere Banken eine solche Empfehlung nach der anderen schliessen (siehe Kolumne vom 14. September).

 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.