Stratege senkt den Daumen für Schweizer Aktien

Ein viel beachteter Stratege erteilt den Pharmawerten und dem Schweizer Aktienmarkt eine klare Absage - Analyst der Citigroup beweist bei Straumann Mut - Und: Steht auch die Novartis-Tochter Alcon zum Verkauf?
06.09.2016 12:30
cash Insider
Stratege senkt den Daumen für Schweizer Aktien
Bild: fotolia.com

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Keine Woche ist es her, dass die Strategen von Barclays Capital ihre Anlagekundschaft auf den Verkauf teurer Qualitätsaktien wie jene von Nestlé, Roche und Novartis einschwor. Der Grund: Sie sehen in den milliardenschweren Umschichtungen in Richtung konjunkturabhängiger Aktien und Sektoren der vergangenen Wochen erst die Spitze des Eisbergs. Alleine schon das Jahresendziel von gerade mal 7800 Punkten für den Swiss Market Index (SMI) lässt tief blicken.

Noch einen Schritt weiter geht der für Kepler Cheuvreux tätige Berufskollege und stuft nicht nur den europäischen Pharmasektor, sondern aus taktischen Gründen auch gleich den Schweizer Aktienmarkt von "Neutral" auf "Underweight" herunter. Wäre das Börsengeschehen ein Fussballspiel - der Schiedsrichter würde wohl nicht lange zögern und ihm gleich in beiden Fällen wegen Nachtretens die rote Karte zeigen.

Für die Pharmawerte ist der Stratege aufgrund der öffentlichen Debatte über zu hohe Medikamentenpreise negativ gestimmt. Er befürchtet, dass diese im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen vom November medienwirksam ausgeschlachtet wird. Was den Schweizer Aktienmarkt anbetrifft, so bläst der Experte ins selbe Horn wie seine Kollegen von Barclays Capital. Seines Erachtens sind Grossinvestoren noch immer überdurchschnittlich stark in den Aktien von Nestlé, Roche und Novartis engagiert. Das werde den hiesigen Markt ausbremsen, so schreibt er weiter.

Wie mir aus London berichtet wird, haben mächtige angelsächsische Marktakteure in den letzten Wochen bereits kräftig Geld aus den defensiven Indexschwergewichten und aus der Schweiz abgezogen. Wenn ich in meiner bisherigen Tätigkeit als Börsenkommentator und -kolumnist aber etwas gelernt habe, dann dies, dass solche Trends für gewöhnlich länger andauern als gedacht...

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Mut beweist heute der Medizinaltechnikanalyst der Citigroup. Während viele seiner Berufskollegen die beliebten Aktien von Straumann als Kauf einstufen, spricht er für diese eine Verkaufsempfehlung aus. Das 314 Franken lautende Kursziel lässt ein Rückschlagspotenzial von knapp 18 Prozent erahnen.

Obschon der Experte die Marktanteilsgewinne der letzten Jahre durchaus zu würdigen weiss, erachtet er die Erwartungen an den Dentalimplantatehersteller als ambitioniert. Diese liessen keine Fehler zu, so lautet seine Einschätzung.

Die Börse reagiert heute denn auch verstimmt und watscht die Aktien von Straumann zur Stunde mit einem Minus von 2,5 Prozent auf 375 Franken ab.

Der Zeitpunkt für die Verkaufsempfehlung scheint klug gewählt: Erst vergangene Woche trennte sich mit GIC ein langjähriger Grossaktionär von Teilen seines Beteiligungspakets. Der Staatsfonds von Singapur hatte die Aktien im November vor vier Jahren Thomas Straumann, dem Enkel des Firmengründers zu einem Viertel des heutigen Kurses abgekauft.

Ich kann mich gut erinnern, dass Konzernchef Marco Gadola noch vor wenigen Jahren viel Kritik für sein sowohl auf das Tief- als auch auf das Hochpreissegment abgestützte Geschäftsmodell einstecken musste. Dank diesem konnte Straumann der Konkurrenz seither allerdings im grossen Stil Marktanteile abjagen. Dennoch wäre es grobfahrlässig, den Erfolg der letzten Jahre linear in die Zukunft zu extrapolieren - wie es gewisse Analysten, wie wir wissen, gerne machen.

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Die Entscheidungsträger am Hauptsitz von Novartis in Basel sind gefordert, wollen sie den jüngsten Kurszerfall der eigenen Aktien stoppen. Seit Jahresbeginn errechnet sich ein Minus von 8 Prozent, seit den Höchstkursen vom Frühsommer letzten Jahres sogar eines von knapp 25 Prozent.

Schon seit Wochen wird an der Börse gemutmasst, wie ein solcher Befreiungsschlag aussehen könnte. Wurde Novartis bisweilen ein Interesse am britischen Rivalen AstraZeneca sowie eine Suche nach Käufern für das an Roche gehaltene Aktienpaket nachgesagt, so gehen die Spekulationen neuerdings sogar noch einen Schritt weiter. Sogar ein Ausstieg beim Sorgenkind Alcon sei mittlerweile kein Tabuthema mehr, so heisst es gerüchteweise.

Insgesamt zahlte Novartis dem Mehrheitsaktionär Nestlé und den Publikumsaktionären in mehreren Etappen rund 50 Milliarden Dollar. Ein Verkauf brächte diese Summe heute womöglich nicht mehr ein. Sollte sich das Basler Mutterhaus tatsächlich von seiner Tochter trennen, wäre ihm ein milliardenschwerer Abschreiber so gut wie sicher.

Ich vermute, dass ein Verkauf von Alcon erst nach Abschluss des in Angriff genommenen Turnaround-Prozesses zu einem Thema wird - wenn überhaupt.

 

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