Suche nach dem Schuldigen - Hat wirklich ein Hedgefonds Schuld am SMI-Rückschlag?

Der cash Insider verrät, weshalb der Hedgefonds Bridgewater fälschlicherweise zum Sündenbock für die Börsenkorrektur gemacht wird - Und: Um Novartis ranken sich wilde Spekulationen.
21.02.2018 12:30
cash Insider
Hat wirklich ein Hedgefonds Schuld am SMI-Rückschlag?
Bild: fotolia.com

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Auf der Suche nach den Schuldigen für die jüngste Korrektur an den Aktienmärkten stossen die (Finanz-)Medien auf immer neue Verdächtige.

Zuerst hiess es, eine Kapitulation der Leerverkäufer bei der Volatilität habe zum Kursrutsch geführt. Als Anbieterin eines bei Leerverkäufern beliebten Konstrukts geriet dabei auch die Credit Suisse in die Schlagzeilen. Dann mussten der Programmhandel und zuletzt der Hedgefonds Bridgewater den Kopf herhalten.

Die Amerikaner gerieten mit milliardenschweren Wetten gegen europäische Einzelaktien - unter anderem gegen Unilever, SAP oder Allianz - in die Schlagzeilen. "Bridgewater wettet gegen europäische Aktien", titelte etwa das Handelsblatt. Und selbst dem Schweizer Fernsehen SRF war das Thema "Bridgewater wettet gegen Europa" einen knappen Beitrag in der kurz vor der Tagesschau ausgestrahlten "SRF Börse" wert.

Interessant dabei ist, dass unter den knapp 60 namentlich bekannten Aktien nicht ein einziger Vertreter aus der Schweiz ins Auge sticht.

Vielleicht sind auch bei uns Unternehmen im Visier von Bridgewater. Da sich die Amerikaner unter der meldepflichtigen Stimmrechtsschwelle von 3 Prozent bewegen, werden wir das vermutlich nie erfahren. Ein Grund mehr, weshalb die Schweizer Börse SIX dieser sträflichen Unterlassungssünde endlich mit einer offiziellen Leerverkaufsstatistik Abhilfe schaffen sollte.

Kursentwicklung beim SMI über die letzten Wochen (Quelle: www.cash.ch)

Mit der Vermutung, dass der bekannte Hedgefonds gegen Europa wettet, könnten die (Finanz-)Medien übrigens auch falsch liegen. Eigenen Angaben zufolge verwaltet Bridgewater gut 130 Milliarden Dollar. Was, wenn die Amerikaner gewisse europäische Aktien leerverkaufen, um sich mit dem Verkaufserlös bei anderen einzukaufen? Dieses im angelsächsischen Sprachgebrauch "Alpha Strategy" genannte Vorgehen ist in der Hedgefonds-Industrie weit verbreitet.

Die von den Auguren geäusserten Hoffnungen, wonach die europäischen Aktienindizes wieder steigen sollten, sobald Bridgewater die besagten Wetten schliesst, könnten sich deshalb auch als voreilig erweisen.

Ich habe eine andere Erklärung für den eigentlich längst überfälligen Rücksetzer an den Aktienmärkten: Die von der amerikanischen Regierung unter Präsident Donald Trump aufgegleiste Steuerreform wird sich genauso in einer kräftig steigenden Staatsverschuldung niederschlagen wie das geplante Infrastrukturpaket.

Grosse Gläubiger wie China oder Japan - sie halten amerikanische Staatsanleihen in dreistelliger Milliardenhöhe - haben deshalb damit begonnen, sich aus diesen Anleihen und aus dem Dollar zurückzuziehen. Weshalb auch sollten gerade die Chinesen den Amerikanern das Aussenhandelsdefizit finanzieren, wenn ihnen letztere mit immer neuen Einfuhrzöllen das Leben schwer machen?

Die ziemlich ungewohnte Kombination steigender Zinsen bei einem rückläufigen Dollar ist gleich in doppelter Hinsicht Gift für die im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Grossunternehmen...

...anders als jene an der Leitbörse in New York, welche von einem schwachen Greenback profitieren. Der "transatlantische Graben" der letzten Tage lässt sich denn auch mit der Dollarschwäche erklären.

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"Vas" Narasimhan sitzt bei Novartis noch keine vier Wochen auf dem Chefsessel. Und trotzdem ranken sich bereits die wildesten Gerüchte am seinen Arbeitgeber.

Erst berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Basler ihr amerikanisches Generikageschäft dem Meistbietenden verkaufen wollen - gefolgt von Spekulationen, wonach sich das Mutterhaus gar des gesamten Sorgenkinds Sandoz entledigen könnte.

In einem Strategiepapier aus dem Hause BNP Paribas warten die Autoren lauthals mit einer weiteren Forderung auf: Novartis solle das am Rivalen Roche gehaltene Paket den eigenen Aktionären als Sachdividende ausschütten, so verlangen sie.

Dabei verweist man bei der französischen Grossbank auf vergleichbare Befreiungsschläge bei Kering und Altice, wobei die Beweggründe bei diesen beiden Unternehmen anderer Natur gewesen sein dürften.

Aktien von Novartis (rot) im 12-Monats-Vergleich mit den Genussscheinen von Roche (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Ich kann mich immer wie mehr für die Idee eines meiner Leser begeistern. Er fordert, dass Roche vom Patentablauf betroffene Krebsmedikamente und Novartis die Generikatochter Sandoz in ein Gemeinschaftsunternehmen einbringen. Und wenn die beiden Basler Rivalen schon mal dabei sind, sollte sich auch gleich eine Lösung für das Roche-Paket finden lassen (siehe "Ist die Novartis-Aktie ein blinder Kauf? " von gestern).

Strategieumsetzung, dem äusserst intensiven Wettbewerb sowie der geringen Kundenbindung.

Weshalb diese schon seit Jahren bekannten Faktoren bei der Schweizer Grossbank erst jetzt ins Anlageurteil einfliessen, will sich mir nicht so recht erschliessen...

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