Tag der Rating-Änderungen am Schweizer Aktienmarkt

Vielen Aktienanalysten sitzt mittlerweile die Angst im Nacken, weiss der cash Insider zu berichten - Und: Wird Galenica bei Relypsa in einen ruinösen Bieterstreit hineingezogen?
22.07.2016 12:30
cash Insider
Tag der Rating-Änderungen am Schweizer Aktienmarkt
Bild: fotolia.com

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Während sich eine Handvoll Nebenwerte am Schweizer Aktienmarkt von einem Rekordhoch zum nächsten hangeln, fristen viele Standardwerte ein regelrechtes Mauerblümchendasein. Wenn sich hierzulande schon seit Wochen etwas wie ein roter Faden durch das Handelsgeschehen zieht, dann dieses äusserst selektive Verhalten mächtiger Marktakteure.

Für einmal sitzen Haussiers und Baissiers im selben Boot: Setzen sie auf die falschen Aktien, kann sie das eine ganze Menge Geld kosten. Vorbei ist die Zeit, als "die Flut noch alle Boote hob".

Viele Aktienanalysten haben mittlerweile Angst davor, sich zu sehr aus dem Fenster zu lehnen. So überrascht es nicht, dass der für die Deutsche Bank tätige Experte die Aktien von ABB nach der gestrigen Quartalsergebnispräsentation von "Sell" auf "Hold" heraufstuft. Schon unter seinem Vorgänger wurden die Valoren des Industriekonzerns aus Zürich seit Dezember vor zwei Jahren zum Verkauf empfohlen.

Die Abkehr von der Verkaufsempfehlung ist allerdings nur halbherzig, wie ein Blick auf das neu 19,50 (18) Franken lautende Kursziel verrät. Diese Vermutung lässt auch die Aussage des Analysten zu, wonach er die Aktien noch immer als überteuert erachte.

Fragen wirft auch die Heraufstufung der Aktien von GAM von "Underperform" auf "Sector Perform" bei einem neu 11 (10) Franken lautenden Kursziel durch den Experten von RBC Capital Markets auf. Im Anschluss an eine einschneidende Gewinnwarnung war der Fondsanbieter bei ihm Mitte Juni in Ungnade gefallen. Von der damals bei 9 Franken ausgesprochenen Verkaufsempfehlung will der Analyst nichts mehr wissen.

Sein für Georg Fischer verantwortlicher Berufskollege springt heute ebenfalls in die Suhle gemässigter Anlageurteile, indem er die Aktie des traditionsreichen Industriekonzerns aus Schaffhausen von "Outperform" auf "Sector Perform" herunterstuft. Auf Basis des seit gestern vorliegenden Zahlenkranzes für die erste Jahreshälfte hebt er das Kursziel auf 830 (780) Franken an.

Ich selber würde mir wünschen, dass sich die Aktienanalysten mit ihren Empfehlungen mehr und nicht weniger aus dem Fenster wagen. Sich im Strom der gängigen Expertenmeinung treiben lassen, dazu bedarf es nämlich keines Betriebswirtschaftsstudiums...

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In den vergangenen Jahren konnten die Firmenvertreter von Galenica machen was sie wollten, der Applaus der Börse war ihnen sicher. Mit ihrem milliardenschweren Barangebot für die amerikanische Rivalin Relypsa haben sie den Bogen nun aber überspannt (siehe gestrige Kolumne).

Gestern Nachmittag versuchten sich die Vertreter des Gesundheitskonzerns aus Bern in Schadensbegrenzung. Anlässlich einer Telefonkonferenz stellten sie sich den unangenehmen, weil kritischen Fragen der Analysten. Mit mässigem Erfolg: Die Kurse rutschten noch während der Telefonkonferenz munter weiter ab.

Fragezeichen bleiben vor allem hinsichtlich der längerfristigen Finanzierung. Wie mir aus dem Berufshandel berichtet wird, wittern ausländische Leerverkäufer Blut. Nicht zuletzt auch deshalb, weil selbst die Firmenvertreter eine Kapitalerhöhung nicht kategorisch ausschliessen.

Und als ob das nicht schon genug wäre, schaltet sich nun auch noch die für Wedbush Securities tätige Pharmaanalystin ein. Sie schliesst nicht aus, dass sich weitere Interessenten für Relypsa zu erkennen geben und den Übernahmepreis nach oben treiben werden. Als möglichen Gegenbuhler von Galenica nennt sie Sanofi. Die für ihre aggressive Übernahmepolitik berüchtigten Franzosen gehören seit dem vergangenen Jahr zu den Partnerunternehmen der Amerikaner und dürften deshalb alles andere als Freude am Barangebot haben.

Ganz uneigennützig sind die Erwartungen der Analystin nicht, empfiehlt sie die Aktien von Relypsa doch schon seit geraumer Zeit mit einem optisch hohen Kursziel von 51 Dollar zum Kauf. Dennoch muss Galenica jederzeit mit einer Gegenofferte durch Sanofi oder einen anderen finanzkräftigen Pharmahersteller rechnen. Einen kostspieligen Bieterkampf können sich die Berner allerdings nicht leisten, wollen sie im Hinblick auf die geplante Unternehmensaufspaltung Aktionärswerte schaffen und nicht vernichten.

Auch der Widerstand im Aktionariat von Relypsa lässt vermuten, dass das letzte Wort hinsichtlich des Preises noch nicht gesprochen ist.

 

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