Technologie, Nebenwerte & Co. - Endet der Herdentrieb der Anleger in Tränen?

Eine amerikanische Investmentbank warnt vor den möglichen Folgen des Herdentriebs an den Aktienmärkten - Und: Viel beachtete Analystin sieht sich bei Straumann zu einer Teilkapitulation gezwungen.
30.06.2017 12:30
cash Insider
Endet der Herdentrieb der Anleger in Tränen?
Bild: fotolia.com

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Noch immer werden Milliarden aus Übersee nach Europa verschoben, wo sie vorwiegend in Aktien fliessen. Mit einer durchaus nachvollziehbaren Erklärung warten die für J.P. Morgan tätigen Autoren eines Strategiepapiers auf. Wie sie schreiben, haben nicht wenige prominente Grossinvestoren den in den ersten vier Monaten dieses Jahres beobachteten Kursanstieg verpasst.

Zwar hätten über börsengehandelte Aktienfonds vermehrt auch die Privatanleger wieder ihre Finger im Spiel, so räumen die Strategen ein. Allerdings lassen sie durchblicken, dass erst rund ein Fünftel des im Laufe des letzten Jahres abgezogenen Kapitals den Weg zurück an die Märkte gefunden habe.

Kleinere Privatanleger müssen bei den Grossinvestoren gerne als Gegenindikator herhalten. Obwohl nicht mehr zeitgemäss und alles andere als wertfrei, spricht man auch heute noch gerne von einer "Hausfrauen-Börse".

Interessantes wissen die Autoren der amerikanischen Investmentbank über ihre Grosskunden zu berichten. Angeblich bewegen sich diese mehrheitlich in Aktien und Sektoren, welche bereits gut gelaufen sind und sich nicht zuletzt auch deshalb grosser Beliebtheit erfreuen.

Der SMI (rot) über das vergangene Jahr im Vergleich mit dem SMI Midcap (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Die Strategen glauben, dass der Herdentrieb früher oder später in Tränen enden wird. Indem sie auf eine Übergewichtung des Technologiesektors verzichten und stattdessen auf dividendenstarke Aktien setzen, halten sie dagegen. Es kommt selten vor, dass eine bekannte Investmentbank derart klare Worte findet.

In den vergangenen Wochen sind auch bei uns am Schweizer Aktienmarkt erste beliebte Nebenwerte still und leise von ihren Rekordständen aus zurückgefallen. Spontan in den Sinn kommen mir die Aktien der Genfer Softwareschmiede Temenos, die des Vakuumventileherstellers VAT Group oder jene des Metallverarbeiters SFS Group - nur um ein paar Namen zu nennen. Eines haben diese drei gut gelaufenen Papiere gemeinsam: Sie alle müssen innerhalb weniger Wochen zu den bisherigen Höchstkursen aufschliessen. Ansonsten drohen sie erstmals etwas umfassenderen Gewinnmitnahmen zum Opfer zu fallen (siehe auch Kolumne vom 26. Juni). Dass sich derzeit die gefühlte "halbe Anlegerwelt" in ein und denselben Aktien und Sektoren tummelt, könnte sich dann rächen...

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Seit Marco Gadola das Ruder übernommen hat, legt sein Arbeitgeber Straumann ein beeindruckendes Wachstumstempo an den Tag. Einst von den Rivalen belächelt, erweist sich die auf das gesamte Preisspektrum ausgerichtete Strategie rückblickend als äusserst erfolgreich.

Alleine in den ersten drei Monaten steigerte der Weltmarktführer bei Dentalimplantaten den Umsatz um fast 15 Prozent. Und das aus eigener Kraft und nicht etwa mit der Hilfe von Firmenübernahmen oder günstigen Währungseinflüssen. Das ist der Stoff, aus dem Aktionärsträume gemacht werden.

Zwar sind die Aktien von Straumann in den letzten zwei Wochen etwas von ihrem Rekordhoch bei 571 Franken zurückgefallen. Mit einem satten Plus von gut 36 Prozent seit Jahresbeginn kann sich die Kursentwicklung aber noch immer sehen lassen.

In Erklärungsnot sieht sich insbesondere die für Goldman Sachs tätige Veronika Dubajova. Sie empfiehlt die Papiere des Dentalimplantateherstellers schon seit einer gefühlten Ewigkeit zum Verkauf, zuletzt mit einem 12-Monats-Kursziel von gerademal 320 Franken.

Beeindruckender Höhenflug der Aktien von Straumann über die letzten fünf Jahre (Quelle: www.cash.ch)

In einer mir heute aus Frankfurt zugespielten Studie zum europäischen Medizinaltechniksektor sieht sie sich zumindest zu einer Teilkapitulation gezwungen. Ohne grosse Worte zieht Dubajova das 12-Monats-Kursziel für die von ihr auch weiterhin zum Verkauf empfohlenen Aktien von Straumann um 36 Prozent auf 435 Franken nach. Mit höheren Gewinnerwartungen alleine lässt sich diese Anpassung nicht erklären, erhöht sie diese doch um gerademal 4 bis 6 Prozent.

Mir ist bewusst, dass ich mich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen darf. Denn auch ich muss mir den Vorwurf gefallen lassen, das Basler Unternehmen unterschätzt und zu früh von seinen Aktien abgeraten zu haben - selbst wenn Straumann an der Börse schon eine ganze Weile kein Schnäppchen mehr ist.

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