Temenos, Lindt & Sprüngli - Firmenlenker sind den Analysten eine Nasenlänge voraus

Bei Temenos und Lindt & Sprüngli gingen millionenschwere Titelverkäufe aus der Geschäftsleitung den jüngsten Herunterstufungen voraus - Und: Hat es Sulzer verschlafen, sich rechtzeitig vom Vekselberg-Paket zu trennen?
06.09.2018 12:30
cash Insider
Firmenlenker sind den Analysten eine Nasenlänge voraus
Bild: fotolia.com

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166 Millionen – diese Zahl müssen sich die erfolgsverwöhnten Aktionäre von Temenos merken. Denn für genau diesen Frankenbetrag trennten sich Geschäftsleitungsmitglieder oder exekutive Verwaltungsräte der Bankensoftwareschmiede aus Genf seit Ende April von Aktien des eigenen Arbeit- oder Mandatsgebers.

Alleine für 28 Millionen Franken warfen sie Titel auf den Markt, seit das Unternehmen vor wenigen Wochen mit einem weiteren überzeugenden Zahlenkranz für das zweite Quartal aufwartete.

Weniger als 24 Stunden nach der letzten Verkaufstransaktion sah sich Analyst Andreas Müller von der Zürcher Kantonalbank zu einer Herunterstufung der Aktien von "Übergewichten" auf "Marktgewichten" veranlasst. Zwar schliesst er bis heute eine weitere Erhöhung der diesjährigen Zielvorgaben nicht aus. Doch selbst ihm scheint die luftige Bewertung nicht mehr ganz geheuer.

Noch deutlichere Worte findet der für die amerikanische Investmentbank Jefferies tätige Vijay Anand. Der Berufskollege nimmt die Abdeckung der Aktien von Temenos mit einer Verkaufsempfehlung auf. Vom 120 Franken lautenden Kursziel lässt sich ein rechnerisches Rückschlagspotenzial von mehr als 25 Prozent ableiten.

Anand macht keinen Hehl daraus, dass er die Wachstums- und Margenerwartungen für überrissen und die stolz bewerteten Valoren der Genfer Bankensoftwareschmiede für korrekturanfällig hält (siehe Ist die Temenos-Aktie übers Ziel hinausgeschossen? von gestern).

Aggressive Verkäufe aus dem Lager ausländischer Momentum-Investoren liessen den Kurs der Aktien gestern um mehr als 11 Prozent in die Tiefe rauschen. Da haben sich einige Geschäftsleitungsmitglieder von Temenos rückblickend gerade noch rechtzeitig von Titeln getrennt. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt...

Dass das kein Einzelfall ist, zeigt Lindt & Sprüngli. Der Herunterstufung der Inhaberaktien von "Neutral" auf "Sell" bei einem 12-Monats-Kursziel von neu 76'000 (zuvor 78'000) Franken durch die UBS gingen beim traditionsreichen Schokoladehersteller ebenfalls Titelverkäufe voraus. Alleine zwischen dem 20. und dem 31. August trennten sich mehrere Geschäftsleitungsmitglieder von Aktien des eigenen Arbeitgebers in Höhe von fast 16 Millionen Franken.

Die Verkaufsempfehlung seitens von Jeferies für die Aktien von Temenos verfehlte ihre Wirkung nicht (Quelle: www.cash.ch)

In der mir zugespielten Unternehmensstudie erwähnt Autor Joern Iffert die Titelverkäufe - seit Ende April summieren sie sich gar auf 66 Millionen Franken - nicht mit einem Wort. Allerdings bezeichnet er die Inhaberaktien von Lindt & Sprüngli als überbewertet. Worte richtet der UBS-Analyst auch an diejenigen seiner Berufskollegen, welche in den nächsten Jahren mit einem organischen Umsatzwachstum über der firmeneigenen Zielbandbreite von 6 bis 8 Prozent rechnen. Iffert hält diese Erwartungen für nicht gerechtfertigt.

Egal ob die Titelverkäufe in den Entscheid, die jeweiligen Aktien herunterzustufen miteingeflossen sind oder nicht - müssen sich die drei Analysten den Vorwurf gefallen lassen, dass die Firmenlenker schneller waren und vorzeitig Kasse gemacht haben.

Übrigens: Sollte eine augenfällige Häufung von Titelverkäufen aus der Geschäftsleitung ein Gradmesser sein, könnten auch Aktien wie Swissquote oder Vontobel früher oder später Herunterstufungen zum Opfer fallen.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Börse selbst für die Aktien erfolgreicher Unternehmen keine Einbahnstrasse ist (siehe auch Wie gefährdet sind die «Aktien der Stunde»? vom 26. Juli und Sind teure Wachstumsaktien das einzig Richtige? vom 13. August).

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Mitte April sah sich Sulzer gezwungen, dem russischen Mehrheitsaktionär Viktor Vekselberg ein grösseres Aktienpaket abzukaufen. Dies, nachdem die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen en russischen Milliardär und mehrere andere dem Kreml nahestehende Personen verhängt hatten.

Seither sitzt der Pumpenspezialist aus Winterthur auf fünf Millionen eigenen Aktien.

Nun werden einmal mehr Platzierungsgerüchte wach. Solche kursierten schon in der zweiten Juli-Hälfte. Anders als damals liessen sich heute vermutlich rund 10 Franken weniger je Aktie lösen - bei fünf Millionen Aktien mehr als ein Apropos.

Es gibt sogar Stimmen am Markt, die behaupten, Sulzer habe den idealen Zeitpunkt verschlafen, um sich vom Aktienpaket zu trennen.

Kursentwicklung der Sulzer-Aktien seit Jahresbeginn (Quelle: www.cash.ch)

Diese Meinung teile ich allerdings nicht. Für das Unternehmen selbst ist der mögliche Verkaufserlös zweitrangig, sieht die Vereinbarung mit Grossaktionär Vekselberg gegebenenfalls doch eine Reduktion des Kaufpreises vor. Und sowieso sollte es Sulzer möglich sein, das Aktienpaket zum ursprünglich bezahlten Kaufpreis oder gar höher platzieren zu können - vorausgesetzt die britische Liberum liegt mit ihrer Warnung vor einem Kursdebakel bei europäischen Investitionsgüteraktien schief (siehe Investitionsgüteraktien droht ein Kursdebakel von heute).

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