Turbulente Aktienmärkte - «Letzte Gelegenheit naht, sich von Aktien zu trennen»

Ein viel beachteter Stratege sieht in der kommenden Jahresend-Rally eine letzte Gelegenheit, sich von Aktien zu trennen - Und: Bekannter Schweizer Medtech-Pionier bezahlt bei VAT Group und Landis+Gyr ein hohes Lehrgeld.
11.10.2018 14:30
cash Insider
«Letzte Gelegenheit naht, sich von Aktien zu trennen»
Bild: fotolia.com

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Die gute Nachricht zuerst: Christopher Potts von Kepler Cheuvreux rechnet nach einem turbulenten Oktober mit einem versöhnlichen Jahresausklang an den Aktienmärkten. Die schlechte Nachricht: Der viel beachtete Stratege sieht in der kommenden Jahresend-Rally auch gleich die letzte Gelegenheit, sich von Aktien zu trennen. Er spricht von einem "letzten Hurra!" - einem letzten Aufbäumen.

Potts bezeichnet die zuletzt gestiegenen Dollar-Zinsen als eine grosse Gefahr für die Aktienmärkte, messen sich Grossinvestoren wie Pensionskassen oder Anlagefonds doch am risikofreien Zinssatz. Zudem hält der Stratege die beliebtesten Wachstumsaktien an der amerikanischen Leitbörse zusehends für "angeschlagen".

Seines Erachtens befinden sich die Aktienmärkte inmitten des Endspiels, geprägt von einer Interessenskollision zwischen der Wirtschaftspolitik der amerikanischen Regierung und dem geldpolitischen Kurs der amerikanischen Notenbank. Damit verbunden rechnet Potts schon im kommenden Frühjahr mit einem grundlegenden Stimmungsumschwung, besser gesagt einer Stimmungseintrübung.

Kursentwicklung des SPI über die letzten zehn Jahre. (Quelle: www.cash.ch)

Ich warne schon eine ganze Weile davor, dass sich die seit März 2009 zu beobachtende Aktien-Hausse in einer weit fortgeschrittenen Phase befindet (siehe Euphorie unter Fonds-Managern - das Endspiel hat begonnen vom 17. Januar und «Aktien werden später im Jahr günstiger zu haben sein» vom 24. Januar).

Kurz nach meinen Sommerferien fragte ich Ende Juli: Wie gefährdet sind die «Aktien der Stunde»? Erfolgreiche Unternehmen vom Schlag von Lonza, Straumann, Logitech oder Temenos müssten angesichts des Höhenflugs der eigenen Aktie aufpassen, nicht zum Opfer des eigenen Erfolgs zu werden, so schrieb ich damals. Gleichzeitig riet ich Anlegern bei diesen Aktien mit einem sogenannten "Trailing Stop" - einer an die jeweiligen Höchstkurse angelehnte Stop-Loss-Limite - zu arbeiten (siehe Wie gefährdet sind die «Aktien der Stunde»? vom 26. Juli).

In den letzten Wochen häuften sich dann die Anhaltspunkte für einen bevorstehenden Ausverkauf bei den hiesigen Nebenwerten (siehe «Dünner Handel wie sonst nur zur Weihnachtszeit» vom 3. September und Firmenlenker sind den Analysten eine Nasenlänge voraus vom 6. September). Gleichzeitig warnte ich vor negativen Impulsen, sollte es an der amerikanischen Leitbörse zu einem Rückschlag kommen - was nun ganz offensichtlich der Fall ist.

Dass ich bei meinen Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2018 dennoch mit voller Wucht vom jüngsten Ausverkauf getroffen wurde, ist umso bitterer und entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Trotz einer taktischen Barmittelquote von gut 20 Prozent sind die Kursverluste ziemlich verheerend.

Bleibt zu hoffen, dass der für Kepler Cheuvreux tätige Christopher Potts mit seinen Weltuntergangsprognosen für einmal falsch liegt...

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Wenn an den Aktienmärkten die Kurse purzeln, verlieren nicht nur die Kleinanleger Geld. Dass auch Grossaktionäre an der Börse nicht vor Verlusten gefeit sind, zeigt sich am Beispiel von Rudolf Maag.

Der Baselbieter Medizinaltechnik-Pionier hält namhafte Aktienpakete am Dentalimplantatehersteller Straumann (12,1 Prozent), an den Pharmaunternehmen Idorsia (7,2 Prozent), Vifor Pharma (3 Prozent) und Polyphor (über eine Aktionärsgruppe 63,2 Prozent) sowie an der Medikamentengrosshändlerin Galenica Santé (3 Prozent).

Eines haben diese Unternehmen gemeinsam: Bei allen fünf handelt es sich um solche aus der Maag bestens vertrauten Gesundheitsindustrie.

Darüber hinaus hat sich der öffentlichkeitsscheue Milliardär in den letzten Jahren unter anderem beim Vakuumventilehersteller VAT Group (10,3 Prozent) sowie beim Stromzählerspezialisten Landis+Gyr (10,2 Prozent) eingekauft.

Rückblickend bezahlte Maag für diesen Ausflug in ihm fremde Wirtschaftszweige - Stand heute - ein hohes Lehrgeld. Angeblich zahlte der Medizinaltechnikpionier einst 400 Millionen Franken für die 10-Prozent-Beteiligung an der VAT Group.

Kursentwicklung der Aktien von Landis+Gyr (rot) und der VAT Group (grün) über die letzten zwölf Monate. (Quelle: www.cash.ch)

Gestern kündigte der Vakuumventilehersteller die Einführung von Kurzarbeit am Produktionsstandort in Haag an, was den Kurs der Aktien purzeln liess. Der Grund: Obwohl die VAT Group erst vor wenigen Wochen mit tieferen Wachstumsvorgaben für das laufende Jahr aufwartete, scheinen auch diese kaum noch erreichbar.

Mittlerweile dürfte das Aktienpaket einen Marktwert von weniger als 300 Millionen Franken aufweisen. Lachender Dritter: der damalige Verkäufer der Aktien, der Risikokapitalspezialist Partners Group.

Bei Landis+Gyr stieg Maag in den ersten Tagen nach Börsengang mit 10,2 Prozent ein. Auf den Ausgabepreis von 78 Franken bezogen sind die Aktien des Stromzählerherstellers heute gut 30 Prozent günstiger zu haben.

Maag selber bezeichnet sich als langfristiger Investor. Bleibt ihm deshalb zu wünschen, dass ihm seine Firmenbeteiligungen ausserhalb der Gesundheitsindustrie eines Tages doch noch Freude bereiten.
 

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