Übernahmespekulationen - Allianz müsste für «Zurich» tief in die Tasche greifen

Die Zurich Insurance Group rückt erneut ins Zentrum von Übernahmespekulationen. Der cash Insider mit den Hintergründen. - Und: Julius Bär tritt bei Schweizer Aktien kräftig nach.
12.06.2018 12:30
cash Insider
Allianz müsste für «Zurich» tief in die Tasche greifen
Bild: fotolia.com

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Vor gut vier Wochen buhlte Allianz-Chef Oliver Bäte schon einmal um die Gunst anderer europäischer Grossversicherer. In einem Interview mit der renommierten britischen Financial Times zeigte er sich offen für einen "Zusammenschluss unter Gleichen".

Schon damals hiess es, das eigentliche Interesse Bätes gelte der Zurich Insurance Group (siehe "Buhlt Allianz um die Gunst von Zurich Insurance?" vom 8. Mai).

Darf man den Kollegen der Nachrichtenagentur Bloomberg Glauben schenken, scheint sich diese Vermutung nun erhärten zu wollen. Neben der britischen RSA erachten sie die Zurich Insurance Group als das naheliegendste Ziel für die Allianz.

Brisant dabei: Vor Jahren befanden sich ausgerechnet die beiden von Bloomberg als Ziele genannten Versicherungskonzerne in wochenlangen Übernahmeverhandlungen. Letztendlich scheiterten die Verhandlungen allerdings an zu unterschiedlichen Preisvorstellungen sowie an hausgemachten Problemen der Zurich Insurance Group im Sachversicherungsgeschäft.

Seit wenigen Tagen zeigt die Kursentwicklung bei den Aktien von Zurich Insurance wieder nach oben (Quelle: www.cash.ch)

Anders als sein verstorbener Vorgänger Martin Senn sprach sich Zurich-Chef Mario Greco in der Vergangenheit immer wieder gegen Grossübernahmen aus. Auch der Biologe Charles Darwin hätte ihm wohl von diesem Schritt der Selbstvergrösserung abgeraten: "Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, sondern diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpasst", sagte er einst.

Das Interesse von Allianz & Co. dürfte bei der Zurich Insurance Group insbesondere dem Firmenkundengeschäft gelten. In diesem Geschäftszweig kann den Schweizern zumindest in Europa kaum ein anderer das Wasser reichen.

Alleine schon deshalb müsste Allianz-Chef Bäte tief in die Tasche greifen, um sich die Gunst der Zurich-Aktionäre erkaufen zu können - wobei der vor vier Wochen gegenüber der Financial Times benutzte Begriff "Zusammenschluss unter Gleichen" vermuten lässt, dass der gebürtige Deutsche nicht gewillt ist, eine Übernahmeprämie zu bezahlen.

Angeblich hat die Zurich Insurance Group in den letzten Tagen die Credit Suisse mandatiert - zur Errichtung eines Abwehrdispositivs?!

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Mit den Aktien des Onlineriesen Amazon liessen sich seit Jahresbeginn gut 40 Prozent verdienen, mit jenen des Streaming-Dienstes Netflix gar 90 Prozent.

Angesichts solcher Prozentzahlen dürfte dem Aktionär eines so manchen Unternehmens aus dem Swiss Market Index (SMI) der Mund wässrig werden.

Zum Vergleich: Die Genussscheine von Roche büssten in derselben Zeitspanne rund 15 Prozent ein, die Aktien von Nestlé und Novartis verloren immerhin gut 10 Prozent.

Die letzten Monate stehen stellvertretend für nicht weniger als die letzten drei Jahre. Die Bilanz des SMI - einst unser ganzer Stolz - gegenüber dem Weltaktienindex: Sie ist tiefrot.

Und selbst in der Nähe der Mehrjahrestiefststände nutzen mächtige Grossinvestoren die drei Indexschwergewichte als Geldquelle, um amerikanische Technologieaktien zu kaufen.

Diese Grafik dürfte Roche-Aktionären Tränen in die Augen treiben: Die Kursentwicklung der Genussscheine von Roche (grün) im 12-Monats-Vergleich mit jener der Netflix-Aktien (rot) (Quelle: www.cash.ch)

Gestern zitierte ich Mensur Pocinci von Julius Bär. Der bekannte Markttechnikexperte wähnt die Valoren von Nestlé, Roche und Novartis in einem langjährigen Abwärtstrend. Er rät Anlegern stattdessen, auf amerikanische Wachstumsaktien zu setzen (siehe "«Schweizer Aktien sind im freien Fall»" von gestern).

Nun legen seine Arbeitskollegen aus der Strategieabteilung nach und stufen gleich ganz Europa von "Overweight" auf "Neutral" herunter.

Bankeigenen Berechnungen zufolge haben europäische Aktien über die vergangenen 15 Jahre um 70 Prozent schlechter als amerikanische Aktien abgeschnitten, was die Strategen auf den sehr geringen Anteil an Wachstumsaktien aus der Informationstechnologieindustrie zurückführen.

Aufgrund dieses Mankos sehen sie die europäischen Börsen der amerikanischen Leitbörse auch in den kommenden 12 Monaten hinterherhinken. Das gilt auch für den Schweizer Aktienmarkt.

...wäre das Börsengeschehen ein Fussball-Länderspiel, Julius Bär würde vom Unparteiischen wohl die gelb-rote Karte wegen "Nachtretens" kassieren...

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