Überraschende Gewinnwarnung - Meyer Burger - reculer pour mieux sauter?

Der cash Insider sagt, was hinter der unerwarteten Gewinnwarnung von Meyer Burger wirklich steckt - Und: Orchestrierte Käufe bei den Aktien von ABB?
02.11.2017 12:30
cash Insider
Meyer Burger - reculer pour mieux sauter?
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

+++

Mit den Aktien von Meyer Burger liess sich zuletzt viel Geld verdienen. Das Solarzulieferunternehmen aus dem bernischen Gwatt wird an der Börse heute fast dreimal höher bewertet als noch zu Jahresbeginn. Ein Tropfen auf den heissen Stein, werden sich die nicht gerade erfolgsverwöhnten langjährigen Aktionäre jetzt vermutlich denken. Mehr als einmal mussten sie in der Vergangenheit dem schlechten Geld gutes hinterherwerfen...

Doch seit wenigen Monaten schien bei Meyer Burger alles besser zu laufen. Kürzlich ging aus Italien sogar ein millionenschwerer Auftrag für zwei Heterojunction-Fertigungslinien ein (siehe Kolumne vom 25. Oktober).

Heute folgt aus Aktionärssicht jedoch eine kalte Dusche: Das Solarzulieferunternehmen unterzieht sich einem weitreichenden Kosteneffizienzprogramm.

Die Fertigung für Diamantdrahtsägen soll am Hauptsitz in Gwatt heruntergefahren und nach China verlagert sowie die gebäudeintegrierte Photovoltaik ganz aufgegeben werden.

Die Massnahmen werden die Erfolgsrechnung - wen wunderts - erst einmal mit geschätzten 50 Millionen Franken belasten. Die Firmenvertreter sehen sich deshalb zu einer Anpassung des diesjährigen Gewinnziels gezwungen.

War bislang von einem operativen Jahresgewinn (EBITDA) von 30 bis 45 Millionen Franken die Rede, werden neuerdings noch 5 bis 15 Millionen Franken angestrebt.

Die Meyer-Burger-Aktien haben ihren Höchstkurse fürs erste wohl durchschritten (Quelle: www.cash.ch)

Dass sich ein Unternehmen auf dem Weg zurück auf den Erfolgspfad neu ausrichtet, ist eher ungewohnt und erklärt auch den Kursrückschlag im frühen Handel.

Zumindest aus betriebswirtschaftlicher Perspektive machen die angekündigten Massnahmen allerdings Sinn. Davon betroffen ist nämlich nur das Geschäft mit Diamantdrahtsägen, das gemäss Vontobel-Analyst Michael Foeth in Zukunft gerade mal 10 Prozent zum Jahresumsatz beitragen dürfte. Das Geschäft mit Fertigungslinien für Solarmodule wird dadurch sogar noch gestärkt.

"Reculer pour mieux sauter", würde man im französischen Sprachgebrauch deshalb wohl sagen – Anlauf nehmen, um noch höher zu springen. Ob das auch für die stark gestiegenen Aktien von Meyer Burger gilt, wird sich zeigen müssen. Ich bin jedenfalls nicht unglücklich, beim Solarzulieferunternehmen zuletzt noch einmal etwas Geld vom Tisch genommen zu haben (siehe gestrige Kolumne).

+++

Bis vor wenigen Tagen machten mächtige angelsächsische Marktakteure einen grossen Bogen um die Aktien von ABB. Doch nun haben sie den Industriekonzern aus Zürich und seine Valoren wiederentdeckt. Das könnte auch damit zu tun haben, dass das Unternehmen mittlerweile als stark unterbewertet gilt.

Nachdem sich die letzten zehn Jahre aus Sicht der Aktionäre bestenfalls als ein Nullsummenspiel erwiesen, wohlverstanden. Hin und her macht die Tasche leer, wie die verstorbene Anlegerlegende André Kostolany stets zu sagen pflegte, gilt nicht im vorliegenden Fall. Denn nur so liess sich zumindest ein wenig Geld verdienen.

Wie die Angelsachsen von Natur aus sind, wird die Wiederentdeckung der Aktien von ABB an der Börse lauthals gefeiert.

Nachdem die Valoren das 26 Franken lautende Kursziel erreicht haben, hebt der für Barclays Capital tätige James Stettler dieses kurzum auf 30 Franken an. Wenig überraschend hält er an seiner Kaufempfehlung fest.

Die Aktien von ABB unterliegen schon seit Jahren starken Kurs- und Stimmungsschwankungen (Quelle: www.cash.ch)

Geradezu euphorisch gibt sich seine Berufskollegin Daniela Costa bei Goldman Sachs. In Erwartung einer kräftigen Gewinnerholung stuft sie die Aktien von "Neutral" auf "Buy" herauf und setzt diese auch gleich auf die viel beachtete "Conviction Buy List". Das 12-Monats-Kursziel gibt die Analystin neu mit 31 (zuvor 25) Franken an, vermutlich um der aggressiven Kaufempfehlung den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Mit dem für Kepler Cheuvreux tätigen William Mackie bricht ein weiterer in London niedergelassener Analyst eine Lanze für ABB. Er stuft die Aktien von "Hold" auf "Buy" herauf. Das 28 (bisher 24,50) Franken lautende Kursziel kommt beinahe schon bieder daher.

Diese augenscheinliche Häufung aggressiver Kaufempfehlungen könnte fast den Eindruck einer orchestrierten Aktion erwecken, um die Valoren des Industriekonzerns aus Zürich erstmals seit Jahren wieder auf über 25 Franken zu treiben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob damit der "25-Franken-Fluch" bereits gebrochen werden konnte.

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.