Überraschende Heraufstufung - Analyst verteidigt Roche mit Herzblut

Für die Genussscheine von Roche trifft aus einer unerwarteten Ecke eine Kaufempfehlung ein. Der cash Insider mit den Hintergründen. - Und: Nun sind europäische Aktien selbst der Credit Suisse «zu langweilig».
15.06.2018 12:30
cash Insider
Analyst verteidigt Roche mit Herzblut
Bild: fotolia.com

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So erfolgsgekrönt die Firmengeschichte von Roche auch sein mag - an der Börse machen gerade die angelsächsischen Grossinvestoren einen grossen Bogen um den Pharma- und Diagnostikkonzern aus Basel (siehe "«Schweizer Aktien sind im freien Fall»" vom 11. Juni).

Die guten Tage für die Aktionäre und Genussscheinhalter gehen in den Dezember 2014 zurück. Damals wurden Kurse von fast 300 Franken bezahlt. Doch das war einmal. Alleine für dieses Jahr errechnet sich ein Minus von fast 15 Prozent, was dem traditionsreichen Unternehmen den zweifelhaften Ruf, eines der Schlusslichter aus dem Swiss Market Index (SMI) zu sein, einbringt. Nur die Aktien des Stellenvermittlers Adecco schnitten noch schlechter ab.

Verkaufsempfehlungen für die Genussscheine von Roche auszusprechen, galt früher in Analystenkreisen als ein Tabu. Mittlerweile haben nicht weniger als fünf Banken eine solche Empfehlung ausstehend, die britische HSBC gar mit einem Kursziel von gerademal 192 Franken.

Nun erhält der Pharma- und Diagnostikkonzern aus einer unerwarteten Ecke verbale Unterstützung: Michael Leacock von der MainFirst Bank verteidigt die Genussscheine von Roche mit Herzblut und stuft sie mit einem Kursziel von 265 (zuvor 250) Franken von "Neutral" auf "Outperform" herauf.

Die Genussscheine von Roche (rot) im Fünfjahresvergleich mit dem SMI (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Seine Berufskollegen hätten sich zu sehr an den Problemen wie den schwachen Studienergebnissen zu Tecentriq oder der Umsatzerosion des Brustkrebsmedikaments Rituxan in Europa festgebissen, so der bekannte Pharmaanalyst. Leacock weiss allerdings auch von positiven Entwicklungen zu berichten und sieht die noch jungen Präparate Hemlibra und Ocrevus überdurchschnittlich stark zum Tagesgeschäft beitragen.

Anders als andere Pharmaanalysten traut er Roche für die Jahre 2017 bis 2022 ein jährliches Gewinnwachstum von 7 Prozent zu - von solchen "Übergangsjahren" können andere Unternehmen bloss träumen...

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Der Schweizer Aktienmarkt - oder besser gesagt viele der hiesigen Blue Chips - befindet sich in einem Stimmungstief. Damit ist unser Heimmarkt allerdings in guter Gesellschaft.

Der "alte Kontinent" ist den Banken und ihren Strategen offenbar immer öfter "zu langweilig". Zu lange gaben sie sich der Illusion hin, dass die Aktienkurse in Europa irgendwann zu jenen amerikanischer Rivalen aufschliessen würden. Und zu lange schauten sie neidgeplagt über den grossen Teich wo in New York die Musik und selbst dort nur in den übermächtigen Schwergewichten aus der Technologieindustrie spielte und bis heute spielt.

Erst vor wenigen Tagen warf Julius Bär das Handtuch und stufte europäische Aktien von "Overweight" auf "Neutral" herunter. Wer auf wachstumsstarke Unternehmen setzen wolle, werde in Europa nur schwer fündig, so die ziemlich einleuchtende Begründung (siehe "Julius Bär tritt bei Schweizer Aktien kräftig nach" vom 12. Juni).

Und die Strategen der Zürcher Bank legen auch gleich mit überzeugendem Zahlenmaterial nach: Während wachstumsstarke Unternehmen beim amerikanischen S&P-500-Index für 25 Prozent der Gesamtkapitalisierung verantwortlich sind, bringen sie beim breit gefassten Stoxx Europe 600 Index gerademal knapp 5 Prozent auf die Waage.

Die Berufskollegen um Andrew Garthwaite von der Credit Suisse gehen nun noch einen Schritt weiter und stufen europäische Aktien gar von "Benchmark" auf "Underweight" herunter. Auch sie investieren lieber in amerikanische Technologieschwergewichte.

Ihre Gleichung ist denkbar einfach: In der Vergangenheit bescherte ein starker amerikanischer Technologiesektor den kontinentaleuropäischen Aktienmärkten nur zu oft eine unterdurchschnittliche Entwicklung.

Der S&P-500-Index (grün) lässt den Stoxx Europe 600 Index (rot) über fünf Jahre weit hinter sich zurück (Quelle: www.cash.ch)

Die Risiken rund um den zukünftigen politischen Kurs Italiens und der sich abzeichnende geldpolitische Kurswechsel der Europäischen Zentralbank (EZB) liefern den Strategen weitere Gegenargumente.

Wer sich angesichts dieser geballten Zuversicht für amerikanische Schwergewichte aus der Technologieindustrie vor einer weiteren Technologieblase fürchtet, für den haben die Autoren einer Strategiestudie aus dem Hause Goldman Sachs beruhigende Worte auf Lager.

Anders als bei früheren Gelegenheiten sei der Höhenflug amerikanischer Technologieaktien fundamental betrachtet gerechtfertigt und die Bewertungen um einiges bescheidener, so schreiben sie.

Wie die Autoren in der Strategiestudie vorrechnen, ist Apple als grösstes Unternehmen aus dem S&P-500-Index für gerademal 4 Prozent der Indexkapitalisierung verantwortlich. Zum Vergleich: IBM war 1978 für 7 Prozent verantwortlich und AT&T im 1981 für 6 Prozent.

Für mich liest sich das alles ein bisschen zu stark wie: diesmal ist alles ganz anders...

...bis sich die Geschichte irgendwann dann halt eben doch wiederholt...

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