Unzufriedener Grossaktionär - Ist ABB-Chef Spiesshofer «realitätsfremd»?

Zweitgrösster ABB-Aktionär übt offen Kritik an Konzernchef Ulrich Spiesshofer - Der Fall GAM wird immer mysteriöser - Und: Markttechnikspezialist von Julius Bär zeigt sich unbeeindruckt von der SMI-Stärke.
07.08.2018 12:30
cash Insider
Ist ABB-Chef Spiesshofer «realitätsfremd»?
Bild: fotolia.com

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Ulrich Spiesshofer sollte sich die gestrige Ausgabe des schwedischen Wirtschaftsblatt "Dagens Industri" als Pflichtlektüre neben das Bett legen. Darin rechnet der Mitgründer Christer Gardell von Cevian Capital nämlich mit dem langjährigen Konzernchef von ABB ab.

Die Unzufriedenheit der (Gross-)Aktionäre habe angesichts der schleppenden Kursentwicklung einen traurigen neuen Höhepunkt erreicht. Spiesshofer sei nach seinem Amtsantritt mehr als genug Zeit eingeräumt worden, um endlich Aktionärswerte zu schaffen, so lässt Gardell durchblicken.

Für seine Aussage, dass ABB kein Konglomerat sei, bezeichnet der Cevian-Vertreter den Konzernchef gar als "realitätsfremd". Gardell lässt keinen Zweifel daran, dass ihn diese Aussage befremdet.

Bereits vor vier Monaten zeigten sich Vertreter der beiden Grossaktionäre Cevian Capital und Artisan Partners sichtlich enttäuscht vom Abschneiden der Aktien. Damals galt die Kritik allerdings nicht Ulrich Spiesshofer, sondern Peter Voser und seinen Verwaltungsratskollegen (siehe ABB riskiert eine Aktionärsrevolte vom 6. April).

Kauften in den letzten Tagen Grossaktionäre bei ABB Aktien zu? (Quelle: www.cash.ch)

Zur Erinnerung: Als Cevian Capital im Frühsommer vor drei Jahren beim Industriekonzern aus Zürich in zwei Schritten einstieg, kosteten die Aktien nur unbedeutend weniger.

Mit der Forderung nach einer Abspaltung des Geschäftsbereichs "Stromnetze" stiess der Finanzinvestor bei Verwaltungsrat und Geschäftsleitung bis zum heutigen Tag auf taube Ohren.

Umso mehr ist Cevian Capital auf einen raschen Erfolg angewiesen, sind von den umgerechnet gut 15 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen doch geschätzte 2,6 Milliarden Franken in Aktien von ABB investiert.

Die Aussagen von Christer Gardell im Wirtschaftsblatt "Dagens Industri" lesen sich wie der Anfang vom Ende einer Führungskarriere. Denn selbst wenn der Mitgründer von Cevian Capital nicht lauthals einen Rücktritt Spiesshofers fordert, so lässt sich zumindest zwischen den Zeilen lesen, dass dessen Zeit schon bald abgelaufen sein könnte.

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Der Fall der sofortigen Suspendierung des Star-Fonds-Managers Tim Haywood beim Vermögensverwalter GAM (siehe Wird der Vermögensverwalter GAM zum heissen Übernahmekandidaten? vom 3. August) wird immer mysteriöser.

Wie die britische Tagespresse nun in Erfahrung gebracht haben will, suchte man schon Tage vor der Bekanntgabe der Suspendierung Haywoods Käufer für einige Titelpositionen in den von ihm verantworteten Absolut-Return-Bond-Fonds.

Das lässt die Vermutung zu, dass sich GAM bereits zu diesem Zeitpunkt mit grösseren Fondsrücknahmen konfrontiert sah.

Die betroffenen Fonds - sie wiesen Ende Juli verwaltete Vermögen in Höhe von 7,3 Milliarden Franken auf - bleiben bis auf weiteres vom Handel ausgesetzt.

Stünde die Aktienkursentwicklung für die Lebenslinie eines Unternehmens, man würde GAM nach gerade mal zwei Jahren wieder auf der Intensivstation vermuten. Ob zu Recht oder zu Unrecht, darüber wird die Höhe der drohenden Vermögensabflüsse befinden.

Ich bleibe dabei: Der jüngste Kurszerfall macht den Vermögensverwalter zum heissen Übernahmekandidaten.

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Die zuvor angeschlagenen Indexschwergewichte Nestlé, Roche und Novartis meldeten sich im Juli eindrucksvoll zurück - und bescherten dem Swiss Market Index (SMI) ein sattes Kursplus.

Für einmal schnitt das Börsenbarometer gar um 4,3 Prozent besser als der für mittelgrosse Unternehmen stehende Swiss Market Index Midcap (SMIM) ab.

Mensur Pocinci von Julius Bär lässt sich davon allerdings nicht ins Bockshorn jagen. Der bekannte Markttechnikspezialist rät den Anlegern am Heimmarkt weiterhin auf die Aktien von mittelgrossen Unternehmen zu setzen.

Seit Jahresbeginn habe der SMIM gegenüber dem SMI mit einem relativen Plus von 2,3 Prozent noch immer die Nase vorn, so Pocinci. Er wähnt die Aktien mittelgrosser Unternehmen denn auch eher in einer Verschnaufpause und nicht in einer Trendumkehr.

In den vergangenen 18 Jahren liess sich mit Schweizer Aktien unter Ausklammerung der im SMI vertretenen Grossunternehmen jährlich gut 8 Prozent verdienen. Das ist - wie der Markttechnikspezialist festhält - fast doppelt so viel wie mit dem um Dividendenabgänge bereinigten SMI.

Als alteingesessener Profi weiss auch Pocinci: Die Frage ist nicht ob, sondern viel eher wann das Pendel zwischen dem SMIM und dem SMI wieder in die andere Richtung ausschlägt...
 

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