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Als Siemens vor etwas mehr als einer Woche einen überzeugenden Zahlenkranz vorlegte, wurde auch ABB ein solides Schlussquartal nachgesagt.

Doch es sollte ganz anders kommen: Anders als sein deutscher Rivale wusste der traditionsreiche Industriekonzern aus Zürich die Analystenerwartungen nur gerade beim Auftragseingang zu übertreffen. Der operative Gewinn sowie der Reingewinn blieben teilweise weit dahinter zurück. Die Börse reagierte nicht eben zimperlich und strafte die Aktien an diesem Tag mit einem Minus von knapp 3,5 Prozent ab.

Eigentlich müsste man den Entscheidungsträgern im Verwaltungsrat und in der Geschäftsleitung gratulieren. Dass sie dem Druck aus dem Aktionariat standgehalten und sich gegen eine Abspaltung des Stromnetzgeschäfts entschieden haben, zeugt von strategischem Weitblick.

Im Laufe des vierten Quartals gingen gleich mehrere Grossaufträge bei ABB ein. Und auch wenn der neue amerikanische Präsident Donald Trump lauthals "America first" proklamiert - auf die langjährige Erfahrung des Industriekonzerns wird er nicht verzichten können, will er das in die Jahre gekommene Stromnetz wieder auf Vordermann bringen.

Gerade der für die Deutsche Bank tätige Analyst findet in einem mir aus London zugespielten Kommentar jedoch mahnende Worte. Darin weiss er von Anhaltspunkten zu berichten, wonach ABB schon seit gut 18 Monaten Marktanteile an Siemens verliert. Dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten ohne die Margen zu beeinträchtigen, ist seines Erachtens kaum möglich. Deshalb werden die Aktien nur mit "Hold" und einem Kursziel von 22 Franken eingestuft.

Die Aktien von ABB (rot) und Siemens (grün) bewegen sich schon seit einem Jahr im Gleichschritt; Quelle: www.cash.ch

Auch an der Börse in New York ist übrigens eine gewisse Skepsis zu verspüren. Wie vergangene Nacht erschienene Statistiken verraten, wurden die Wetten gegen die dort gehandelten Stücke innerhalb von gerade mal zwei Wochen um fast 50 Prozent ausgebaut.

ABB verlangt den Aktionären auch weiterhin viel Geduld und starke Nerven ab. Noch ist unklar, wie Konzernchef Ulrich Spiesshofer und seine Mitstreiter auf die angeblichen Marktanteilsverluste antworten werden. Wenigstens wird den Aktionären das Warten mit einer grosszügigen Dividende und milliardenschweren Aktienrückkäufen versüsst.

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Nachdem wichtige Partner abgesprungen sind und sich der Anbieter Mitte Dezember zu einer genauso überraschenden wie auch einschneidenden Gewinnwarnung gezwungen sah, stehen die Aktionäre von Leonteq vor einem Scherbenhaufen.

Die einst frenetisch gefeierten Wachstumsaussichten sind genauso in Rauch aufgegangen wie ein Grossteil des Börsenwerts. Wer im Sommer vor zwei Jahren beherzt bei den Aktien zugriff, hat fast 90 Prozent seines Einsatzes verloren.

Angeblich zog der Grossaktionär Veraison heute früh die Reissleine. Das zumindest konnte die «Finanz und Wirtschaft» in Erfahrung bringen. Stummer Zeuge ist ein ausserbörslich verschobener Aktienblock im Gegenwert von 24 Millionen Franken.

Der bekannte Vermögensverwalter war im Juli letzten Jahres in zwei Schritten bei Leonteq eingestiegen. Damals notierten die Aktien allerdings noch bei über 50 Franken.

Nach Veraison ist nun die Raiffeisen Gruppe an der Reihe. Angriff oder Rückzug - eine andere Option bleibt dem mit Abstand grössten Aktionär wohl nicht.

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Temenos gehört bei uns in der Schweiz zu den absoluten Überfliegern. Die Softwareschmiede aus Genf bringt heute fast siebenmal mehr Börsenwert auf die Waage als noch vor fünf Jahren.

Nach langen Wochen der Spekulation bestätigte das Unternehmen Mitte Dezember, einen Auftrag von der Commerce Bank erhalten zu haben. Kenner der Situation bezeichnen diesen Auftrag als Eintrittskarte in den amerikanischen Markt. Das trifft sich gut, hat es sich Temenos doch zum erklärten Ziel gemacht, sich diesen zu erschliessen.

Nächsten Dienstag nach Börsenschluss legt Temenos das Jahresergebnis vor. An diesem Tag muss der Hersteller von Bankensoftware abliefern, will er nicht zum Opfer des eigenen Erfolgs werden. Denn die Analysten haben die Latte ziemlich hoch gelegt - insbesondere was den Ausblick angeht.

Allerdings hat Temenos ein Ass im Ärmel. In einem mir aus London zugespielten Kommentar sagt der für Bryan Garnier tätige Autor den Genfern ein Interesse am Geschäft der kanadischen DH Corporation mit Zahlungsverarbeitungssoftware nach. Der Analyst ist gleich in zweifacher Hinsicht Feuer und Flamme für diesen Zukauf: Zum einen würde Temenos in diesem Produktbereich zum Marktführer aufsteigen und zum anderen das Nordamerikageschäft weiter stärken.

Ob solche Pläne auch an der Börse gut ankämen, dürfte wie so oft eine Frage des Kaufpreises sein – sofern die angeblich zum Verkauf stehende DH Corporation nicht als Ganzes den Besitzer wechselt.
 

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