Warum die Europa-Börsen absacken

Ein angebliches Verkaufsprogramm liefert die Erklärung für die schwachen Märkte – Grosskunde von Meyer Burger hält die Investitionen tief – Und: Schafft Nestlé Raum für Aktienrückkäufe?
06.12.2013 12:30
cash Insider
Warum die Europa-Börsen absacken

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Schon seit Tagen haben die europäischen Aktienmärkte einen schweren Stand. Unter Abgabedruck stehen besonders die Aktien grosskapitalisierter Unternehmen. Darf man Gerüchten aus dem Berufshandel Glauben schenken, hat das einen Grund. Denn hinter vorgehaltener Hand wird von einem ominösen Verkaufsprogramm im Gesamtwert von mehreren zehn Milliarden Franken geredet.

Da sich dieses Programm dem Vernehmen nach auf Futures auf den Stoxx Europe 50 Index ersteckt, sind mit ABB, Credit Suisse, Nestlé, Richemont, Roche, UBS und Zurich Insurance auch Aktien hiesiger Unternehmen  betroffen.

Interessanterweise gehen die Gerüchte rund um ein grosses Verkaufsprogramm Hand in Hand mit Meldungen, dass angelsächsische Grossinvestoren mittlerweile bis über beide Ohren in den europäischen Aktien engagiert sind.

Es ist bei solchen Informationen immer schwierig zu sagen, ob sie der Wahrheit entsprechen oder ob man sich auf frei erfundenes Positionsgerede einlässt. Dass mir die Gerüchte von unterschiedlicher Seite zugetragen werden, spricht allerdings für Ersteres. Etwas weniger sicher bin ich mir bei den Meldungen rund um die hiesigen Engagements angelsächsischer Grossinvestoren, obschon ihr Appetit nach europäischen Aktien in den letzten Monaten so gross war wie seit 30 Jahren nicht mehr.

Regelmässige Leserinnen und Leser meiner Kolumne wissen, dass ich die seit August 2011 zu beobachtende Hausse als weit fortgeschritten erachte. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Entwicklung der Aktienmärkte von den seit nahezu zwei Jahren stagnierenden Unternehmensgewinnen losgelöst hat. Noch sieht alles eher nach einem längst überfälligen Rücksetzer und weniger nach einer Trendumkehr aus. Ich rate davon ab, die Flinte voreilig ins Korn zu werfen. Die kommende Woche sollte zeigen, ob auf das angebliche Verkaufsprogramm weitere folgen werden.

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Nach meinem gestrigen Beitrag zu Meyer Burger gingen unterschiedliche Reaktionen ein. Die Reaktionen zeigen, wie weit die Erwartungen beim im bernischen Gwatt beheimateten Solarzulieferunternehmen auseinandergehen.

Dass Helvea heute ebenfalls mit einem negativen Kommentar aufwartet, ist möglicherweise mehr als ein Zufall. Im Kommentar bestätigt der Verfasser sowohl seine Verkaufsempfehlung als auch das optisch tiefe Kursziel von 5,50 Franken.

Mit Renesola mache ein ehemaliger Grosskunde von Meyer Burger weiterhin keine Anstalten, in neue Produktionskapazitäten zu investieren. Der Solarmodulhersteller halte an der bisherigen Strategie fest und sichere sich nicht genutzte Produktionskapazitäten kleinerer Anbieter. Der für Helvea tätige Experte schliesst daraus, dass bis auf weiteres nicht mit einem neuen Investitionszyklus gerechnet werden sollte.

Meyer Burger werde deshalb die Versprechen nicht halten können. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das Interesse des Marktes wieder der Liquiditätssituation des Unternehmens gelte. Sollte sich die Auftragslage nicht bald massiv aufhellen, müssten sich die Firmenverantwortlichen überlegen, wie sie an zusätzliche Barmittel zur Finanzierung des Geschäftsmodells kommen könnten.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch eine Offenlegungsmeldung an die Schweizer Börse SIX. Der Meldung ist heute zu entnehmen, dass BlackRock mit 4,68 Prozent bei Meyer Burger eingestiegen ist. Doch wenn der weltgrösste Vermögensverwalter im grossen Stil Aktien erworben hat, wer waren die ominösen Gegenparteien?

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Was die Spatzen am Hauptsitz von Nestlé in Vevey schon seit Monaten von den Dächern pfiffen, ist seit heute früh Gewissheit: Der Westschweizer Nahrungsmittelkonzern trennt sich von der an Givaudan gehaltenen Beteiligung.

Nestlé hat Goldman Sachs mit der Platzierung der gut 926'000 Aktien mittels eines beschleunigten Buchbildungsverfahrens beauftragt. Die Platzierung dürfte dem Grossaktionär einen Buchgewinn von 700 Millionen Franken bescheren und rund 1,1 Milliarden Franken in die Kasse spülen.

Zumindest vom Zeitpunkt des Beteiligungsverkaufs ist man in Analystenkreisen überrascht. Dennoch wird die Aktienplatzierung mehrheitlich begrüsst. Eine Wiederaufnahme der in der Vergangenheit eingestellten Aktienrückkäufe sei durch den heutigen Beteiligungsverkauf wahrscheinlicher geworden, so heisst es.

Die in der jüngeren Vergangenheit vollzogenen Bereinigungen im Firmenportfolio wecken mittlerweile Spekulationen, wonach sich Nestlé im kommenden Jahr auch von der an L'Oréal gehaltenen Beteiligung trennen könnte.

Ganz abwegig sind diese Spekulationen nicht, begründen die Westschweizer die heutige Aktienplatzierung doch mit der starken Kursentwicklung der Aktien von Givaudan. Dasselbe liesse sich durchaus auch von jenen des französischen Kosmetikherstellers sagen.