Was Anleger von der Schweiz wissen sollten

Kepler Cheuvreux findet im Vorfeld des diesjährigen Anlegerseminars lobende Worte für die Schweiz. Die Strategen sagen auch, weshalb sie sich dennoch nicht für hiesigen Aktienmarkt erwärmen können.
19.03.2014 12:30
cash Insider
Was Anleger von der Schweiz wissen sollten

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Auch in diesem Jahr lädt Kepler Cheuvreux Unternehmensvertreter und Kunden zu einem Anlegerseminar. Am 1. und 2. April werden sich in Zürich nahezu 50 börsenkotierte Schweizer Firmen dem Publikum vorstellen. Einige von ihnen stellen sich den Teilnehmern sogar in Einzelgesprächen.

Im Vorfeld des Anlegerseminars finden die auf der Bankenseite verantwortlichen Experten denn auch vorwiegend lobende Worte für die Schweiz. Das Alpenland sei in einer vergleichbar guten Verfassung aus der Finanzkrise hervorgegangen. Zwar werde das Bankgeheimnis vermutlich nie mehr so sein wie in der Vergangenheit. Der während der Krise erstarkte Franken habe allerdings dazu geführt, dass die Unternehmenswelt geradezu zu schlankeren Strukturen und einer besseren Wettbewerbsfähigkeit gezwungen war.

Der im Herbst 2011 von der Schweizerischen Nationalbank für den Euro eingeführte Mindestkurs habe die Vorhersehbarkeit für die Unternehmen verbessert. Am Mindestkurs werde sich in absehbarer Zeit denn auch nichts ändern.

Über die letzten fünf Jahre habe sich die Wirtschaft in der Schweiz so gut entwickelt wie kaum in einem anderen Land. Nicht zuletzt dank der erstklassigen Infrastruktur und des günstigen Fiskalsystems gehöre die Schweiz zweifelsohne zu den wettbewerbsfähigsten Ländern weltweit.

Der Schweizer Aktienmarkt habe im vergangenen Jahr stark abgeschnitten, wie das über weite Strecken während der Krise der Fall gewesen sei.

Dennoch gebe es Unmut in der Bevölkerung. Zumindest schliessen die Experten aus der sogenannten Minder-Initiative und der zur Abstimmung kommenden Mindestlohn-Initiative auf solchen. Die Öffentlichkeit in der Schweiz sei genauso frustriert über die Finanzkrise und ihre Folgen für den Lebensstandard wie in jedem anderen europäischen Land.

Versöhnliche Worte finden die Experten für die hiesigen Banken. Denn obschon das Bankgeheimnis unter Druck sei und die Landschaft vor fundamentalen Veränderungen stehen würde, gebe es Grund zum Optimismus. Die Schweiz stehe für Neutralität, soziale Stabilität, fiskalpolitische Vernunft und ein stabiles Politik- und Rechtssystem. Dazu komme der langjährige Leistungsausweis bei der Verwaltung von Vermögen, was mindestens genauso sehr ins Gewicht falle wie das Bankgeheimnis selber.

Gemäss Statistiken der Boston Consulting Group gebe es weltweit von Personen im Ausland angelegte Vermögen im Gegenwert von 7,85 Billionen Dollar. Mit 2,1 Billionen Dollar liege der grösste Teil in der Schweiz. Geschätzte 930 Milliarden Dollar stammten von Kunden aus Westeuropa. Die Experten von Kepler Cheuvreux vermuten, dass es sich bei 80 Prozent davon um nicht versteuerte Vermögen handeln könnte.

Diese rund 700 Milliarden Dollar würden Schätzungen zufolge um die 7 Milliarden Dollar im Jahr für die Schweizer Banken abwerfen, was einer Bruttomarge von 100 Basispunkten entspreche. Versteuerte Vermögen würden in der Regel eine Bruttomarge von 80 Basispunkten aufweisen, was für strukturell bedingten Druck auf die Bruttomargen spreche.

Dennoch wird man bei Kepler Cheuvreux nicht so recht warm mit dem Schweizer Aktienmarkt. Zwar liege der Swiss Market Index (SMI) noch immer unter seinen Anfang Juni 2007 vor der Finanzkrise erreichten Höchststand. Seit den Tiefstständen vom März 2009 habe sich das Börsenbarometer jedoch nahezu verdoppelt.

Auf Basis der nächstjährigen Schätzungen werde der Schweizer Aktienmarkt mit dem 15,5-fachen Gewinn bewertet, was nahe dem Höchst von Anfang Februar 2007 entspreche. Die Entwicklung des SMI von Anfang 2013 bis Mitte März diesen Jahres sei vergleichbar mit jener von Anfang 2006 bis Anfang Februar 2007. Damals sei die Entwicklung durch deutliche Fortschritte bei den Gewinnmargen der Unternehmen begleitet worden. In den letzten Monaten sei nur ein Teil der Marktavancen auf Verbesserungen beim Geschäftsverlauf hiesiger Unternehmen zurückzuführen. Grundsätzlich seien die Konsensschätzungen für die Jahre 2014 und 2015 seit Anfang letzten Jahres gefallen, so die Experten.

Nach Anpassungen führen Kepler Cheuvreux die Aktien von Basilea, Clariant, OC Oerlikon, Richemont und Sonova auf der viel beachteten «Swiss Selected List». Für den Schweizer Aktienmarkt ist das Bankinstitut der stolzen Bewertung wegen eher zurückhaltend gestimmt.

Ich muss den Experten von Kepler Cheuvreux an dieser Stelle ein Kränzchen winden. Und das nicht etwa der vielen lobenden Worte für unser Land und unsere Unternehmenslandschaft wegen. Anders als ihre Berufskollegen liefern sie im Vorfeld des diesjährigen Anlegerseminars einen sehr fundierten und differenzierten Situationsbeschrieb. Ich würde mir auch von anderer Seite her mehr solche Strategiestudien wünschen.