Was stimmt nicht mit Nestlé?

Ernüchterung bei den erfolgsverwöhnten Nestlé-Aktionären - Französischer Analyst hält die Eigenkapital-Debatte bei den Banken für übertrieben – Und: Die Erwartungen an Syngenta sind zu ambitiös.
09.08.2013 12:30
cash Insider
Was stimmt nicht mit Nestlé?

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Über die letzten Jahre hat sich Nestle mit hohen Wachstumsraten und kontinuierlichen Margenverbesserungen einen Namen gemacht. Eine Ergebnisüberraschung jagte die nächste. Doch damit scheint nun Schluss zu sein. Schon seit Monaten zeichnet sich eine Wachstumsverlangsamung ab. Und ob sich die zuletzt erzielten Margenverbesserungen als nachhaltig erweisen werden, muss ebenfalls angezweifelt werden.

In einem Kommentar nach der gestrigen Ergebnisenttäuschung fragt man sich bei der Deutschen Bank deshalb: Was stimmt nicht mit Nestlé?

Nachdem sich das organische Umsatzwachstum im ersten Quartal auf enttäuschende 4,3 Prozent verlangsamt habe, habe es sich im Folgequartal auf 4 Prozent weiter verlangsamt. Schuld sei vor allem die Entwicklung der Absatzpreise, so der Experte. Er habe in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé nur vermeintlich über Preisgestaltungsmacht verfügen würden. Aktionärswerte liessen sich dadurch keine schaffen.

Grundsätzlich habe die Entwicklung der Absatzpreise bei Nestlé den Boden erreicht. Nur im hochmargigen Kaffeegeschäft hält der Experte rückläufige Preise für möglich. Aufgrund der nicht mehr ganz so imposanten Wachstumsaussichten wie in den letzten Jahren werden die Aktien von Nestlé bei der Deutschen Bank nur mit «Hold» und einem Kursziel von 60 Franken eingestuft.

Die erfolgsverwöhnten Aktionäre von Nestlé müssen in Zukunft wohl oder übel zurück buchstabieren. Noch steht in den Sternen, ob den Westschweizern in der zweiten Jahreshälfte eine organische Wachstumsbeschleunigung gelingt. Eine solche ist alleine schon deshalb notwendig, damit die firmeneigenen Gesamtjahresprognosen erreicht werden können.

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Die Banken und ihre Anspruchsgruppen dürften sich mittlerweile an die Debatte rund um ihre Eigenkapitalbasis gewöhnt haben. Neu ist allerdings, dass die Behörden immer mehr von der Kernkapitalquote wegkommen. Das Schlagwort der Stunde heisst Leverage Ratio. Letzteres misst das Verhältnis vom Eigenkapital zur Bilanzsumme einer Bank. Insbesondere in den USA gilt diese Kennzahl inzwischen als das Mass aller Dinge.

Am Leverage Ratio gemessen kommen die beiden Schweizer Grossbanken vergleichsweise schlecht weg. Ende Juni lag das Verhältnis vom Eigenkapital zur Bilanzsumme bei der Credit Suisse bei 3,2 Prozent, jenes der UBS sogar nur bei 2,9 Prozent. Unter den führenden europäischen Bankinstituten bilden die beiden Unternehmen damit das Schlusslicht.

In einem mir vorliegenden Kommentar aus dem Hause BNP Paribas wird die Eigenkapital-Debatte allerdings als übertrieben bezeichnet. Der Verfasser geht von einem von den Behörden vorgeschriebenen Leverage Ratio von mindestens 3 Prozent ab dem Jahr 2016 aus. Ein solches Verhältnis zwischen Eigenkapital und Bilanzsumme werde von den meisten Banken schon heute erfüllt.

Der Experte glaubt sogar, dass die Behörden wieder vom Leverage Ratio wegkommen. Denn schon heute nehme die diesbezügliche Debatte groteske Formen an und sorge im Geldmarkt für unerwünschte Nebenwirkungen. Im Extremfall komme der Geldmarkt sogar zum Erliegen, so der Experte weiter.

Bei BNP Paribas rät man der eigenen Anlagekundschaft deshalb, die Eigenkapital-Debatte so gut wie möglich zu ignorieren. Bei der Umsetzung der zukünftigen Eigenkapitalvorschriften werde sich das Leverage Ratio sowieso von selber verbessern. Der Experte bleibt bei seiner Empfehlung für europäische Bankaktien und zählt jene der Credit Suisse zu den Favoriten.

Rückendeckung erhalten die Franzosen heute auch von Merrill Lynch. Die Strategen des amerikanischen Bankinstituts rechnen damit, das die europäischen Bankaktien den breiten Markt in der zweiten Jahreshälfte anführen werden. Eine Lanze bricht Merrill Lynch unter anderem für die Schweizer Banken.

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Die Namenaktien von Syngenta weisen schon seit Jahren eine hohe Abhängigkeit von der Entwicklung der Getreidepreise auf. Dass sich der Maispreis auf Talfahrt befindet, hilft den Papieren des Basler Agrarchemieherstellers deshalb herzlich wenig.

Klare Worte findet auch der für die UBS tätige Experte. In einem Kommentar schreibt er, dass sich die diesjährigen Konsensschätzungen noch bis vor kurzem auf einem Niveau befunden hätten, welches erst für das Jahr 2015 realistisch sei.

Selbst nach der jüngsten Ergebnisenttäuschung hält der Experte die Markterwartungen für zu hoch. Mit seinen Annahmen liegt er auf Stufe Gewinn je Aktie um 7 bis 12 Prozent unter den jeweiligen Konsensschätzungen. Dieser Umstand spiegelt sich auch in der Verkaufsempfehlung sowie im 330 Franken lautenden 12-Monats-Kursziel wider.

Meiner Meinung nach muss man sich bei Syngenta in der zweiten Jahreshälfte mächtig ins Zeug legen, will man den Status als Börsenliebling nicht aufs Spiel setzen.