Wichtige Fakten nach dem Börseneinbruch

Der cash Insider fühlt Strategen auf den Zahn und trägt Wissenswertes zum schmerzhaften Rückschlag an den Aktienmärkten zusammen.
22.01.2016 12:30
cash Insider
Wichtige Fakten nach dem Börseneinbruch

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Wir leben in einer Welt der Superlativen. Da wäre einmal die Europäische Zentralbank (EZB), die über ihre Wertpapierkäufe Monat für Monat die astronomische Summe von 60 Milliarden Euro in die Märkte pumpt. Darauf, dass die Politik des billigen Geldes endlich ihre Wirkung entfaltet, wartete man bislang allerdings vergeblich.

Vorbei sind die Tage der Vorschusslorbeeren für Notenbankchef Mario Draghi und seine Direktoriumskollegen. Der Daumen der Anleger zeigt nach unten. Was für die Gladiatoren im antiken Rom noch den sicheren Tod in der Arena bedeutete, kostet heute bestenfalls ein paar Milliarden Börsenkapitalisierung.

Ins Buch der Superlative reihen sich an den Börsen auch die ersten Januarwochen ein. Man muss weit in die Vergangenheit zurückgehen, um auf einen auch nur ähnlich schwachen Jahresauftakt zu stossen. So lange wie der Stimmungsumschwung auf sich warten liess, so brutal schlug er auf die Kursentwicklung vieler Aktien durch.

Erste Aktienstrategen geben sich geläutert. Sie seien rückblickend zu optimistisch für die europäischen Aktienmärkte gewesen, räumen beispielsweise die Experten der Citigroup ein. Für sie steht fest: Die Börsen stecken inmitten einer tiefgreifenden Vertrauenskrise.

Etwas weniger Erklärungsbedarf haben da die für Morgan Stanley tätigen Kollegen. Schliesslich warnten sie schon im November, dass 2016 kein einfaches Jahr für europäische Aktien werde. Allerdings zeigt man sich auch bei der amerikanischen Grossbank überrascht vom Ausmass des jüngsten Kursrückschlags.

Gerade was die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anbetrifft, sehen die Strategen diese von ihrem Basisszenario in Richtung des Baisse-Szenarios abgleiten. Die Börsenbewertung nehme denn heute schon ein mageres Gewinnwachstum von 4 Prozent über die nächsten zwei Jahre vorweg, so schreiben sie. Dennoch raten sie den Anlegern von einem voreiligen Wiedereinstieg ab. Der Grund: Die Aktienkurse könnten noch einmal um 33 Prozent fallen, sollte Europa in eine tiefe Rezession zurückfallen. Doch selbst ohne Rezession machen die Experten noch immer ein Rückschlagspotenzial von nicht weniger als 12 Prozent bis zum langjährigen Bewertungsdurchschnitt aus.

Wie schlecht die Stimmung mittlerweile ist, zeigt ein Kommentar aus dem Aktienhandel von Jefferies. Diesem lässt sich entnehmen, dass die sogenannte Put-Call-Ratio an der Leitbörse in New York erstmals wieder über die Parität gestiegen ist. Für gewöhnlich werden weniger Put- als Call-Optionen nachgefragt.

Auf einen Extremwert ist mit gerade mal 18 Prozent auch der Anteil optimistisch gestimmter Teilnehmer einer wöchentlich von der American Association of Individual Investors, kurz AAII, durchgeführten Umfrage gefallen. Dem Autor des Kommentars zufolge lag dieser Wert in den vergangenen 20 Jahren nur einmal noch tiefer. Der amerikanische S&P-500-Index sei bei einem Anteil von unter 30 Prozent in neun von zehn Fällen gestiegen - und das sowohl auf einen Horizont von drei als auch auf zwölf Monate.

Ähnliches weiss der Experte über den Mittelabfluss aus Aktienfonds zu berichten, wurden in den letzten fünf Wochen insgesamt doch gut 30 Milliarden Dollar aus diesen abgezogen. In den letzten zwölf Jahren seien die Abflüsse nur auf dem Höhepunkt der Börsen-Baisse vom März 2009 sowie während der Korrektur vom Spätsommer 2011 grösser gewesen, schreibt er weiter.

Allerdings warnt er auch, dass sich die Situation in China weiter verschlechtert habe. Als mahnende Beispiele führt der Autor die erstmals seit 1968 rückläufige Energienachfrage in der Volksrepublik oder den brutalen Auftragseinbruch bei den chinesischen Schiffswerften an.

Obschon sich an den Aktienmärkten rund um den Globus seit gestern eine deutliche Kurserholung bemerkbar macht, steht den Börsen die Bewährungsprobe noch bevor. Gut möglich, dass diese noch einmal von grösseren Abgaben abgelöst wird.

Fakt ist: Das Wirtschaftsumfeld spricht gegen höhere Zinsen, weshalb es gerade für institutionelle Grossinvestoren kein Vorbeikommen an Aktien gibt. Selbst die amerikanische Notenbank wird vermutlich nicht an den ursprünglich geplanten Leitzinserhöhungen festhalten können. Zweckoptimismus ist jetzt genauso fehl am Platz wie Panik. Es dürfte aber dauern, bis sich der Staub nach dem schmerzhaften Rückschlag der vergangenen Wochen legen und die Sicht auf diese Dinge klarer wird.

Bis dahin halte ich mich an meine Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2016 vom 29. Dezember (Minusperformance bislang 7,59 Prozent) sowie die am 12. Januar gekürten "Dogs of the SMI" (Minusperformance bislang 1,97 Prozent).
 

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