Will Grossbritannien Geld von Roche?

Roche droht im Vereinigten Königreich eine Millionenforderung – Lonza von Produktrückschlag bei einem Grosskunden belastet - Und: Deshalb waren die gestrigen Aussagen der Deutschen Bank keine Gewinnwarnung.
14.12.2012 14:00
cash Insider
Will Grossbritannien Geld von Roche?
Bild: cash

Das Leben am Hauptsitz von Roche in Basel könnte schöner nicht sein: Die produktseitigen Rückschläge sind ausgestanden und die milliardenschwere Brustkrebs-Franchise scheint dank Perjeta gesichert. Wäre da nicht Grossbritannien. Denn über dem Inselreich brauen sich für das Pharma- und Diagnostikunternehmen schwarze Wolken zusammen.

Der britischen Tagespresse zufolge verlangen Politiker, dass das staatliche Gesundheitssystem NHS umgerechnet 750 Millionen Franken für frühere Tamiflu-Lieferungen von Roche zurückfordert. Roche wird beschuldigt, nicht alle zum Grippemedikament vorliegenden Studienergebnisse veröffentlicht zu haben. Von den mehr als 123 in Auftrag gegebenen Studien seien zu 60 nie Ergebnisse an die Öffentlichkeit gelangt. Dadurch werde verschleiert, dass sich Tamiflu in gewissen Studien von seiner Wirksamkeit her vermutlich nicht von Placebo abheben konnte.

Grossbritannien ist nur eines von zahlreichen Ländern, die vor Jahren grössere Tamiflu-Vorräte zur Bekämpfung zukünftiger Vogel- oder Schweinegrippepandemien aufgebaut haben. Diese Länder sässen nun auf Beständen eines Medikaments, das nicht besser als Placebo wirke, so der Vorwurf aus der Politik.

Sollte Grossbritannien Schadensersatzansprüche geltend machen, könnten weitere Länder dem Beispiel folgen. Auf Roche käme so eine milliardenschwere Prozesslawine zu.

Obschon ich die Wachstumsaussichten von Roche als intakt und die Dividendenrendite als attraktiv erachte, werde ich die weiteren Entwicklungen in Grossbritannien für meinen Teil genaustens im Auge behalten. Noch scheint zumindest der Markt nicht sonderlich beunruhigt, weisen die Bons des Basler Traditionsunternehmens doch nur leicht rückläufige Kursnotierungen auf.

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Als Auftragsfertiger ist Lonza in einem hohen Mass von produktseitigen Erfolgen grosser Pharmaunternehmen abhängig. Nach dem jüngsten Rückschlag von Eli Lilly mit dem Alzheimermedikament Solanezumab dürfte dem Basler Unternehmen ein Millionenauftrag wie Sand durch die Finger rieseln.

Einem Kommentar aus dem Handel der MainFirst Bank entnehme ich, dass man sich bei Lonza möglicherweise Hoffnungen gemacht habe. Eli Lilly gehöre schon jetzt zu den Grosskunden. Ausserdem seien die Basler führend bei der Auftragsfertigung von auf Antikörper basierenden Medikamenten wie Solanezumab.

In zwei gross angelegten Studien verfehlte das Alzheimerpräparat die Studienziele allerdings. Dementsprechend erlitten nicht nur die Aktien von Eli Lilly einen Rückschlag. Auch jene von Lonza liegen seit gestern Nachmittag im Angebot.

Der erst seit Anfang Mai amtierende CEO Richard Ridinger hat wahrlich kein einfaches Erbe: Bei der Auftragsfertigung bläst seinem Arbeitgeber noch immer ein eisiger Wind um die Ohren. Darüber hinaus ächzt Lonza seit der Übernahme von Arch Chemical unter einer hohen Verschuldung.

Abhilfe könnte in beiden Fällen das Brustkrebsmedikament Perjeta von Roche schaffen. Wird das Präparat zum Kassenschlager, kann sich auch die in den Herstellungsprozess involvierte Lonza freuen. Ausserdem gehört Perjeta einer neuen Wirkstoffklasse an. Gut möglich, dass die Basler in Zukunft von weiteren Anbietern mit der Herstellung ähnlicher Medikamente beauftragt werden.

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Seit gestern Nachmittag stehen die Namenaktien von UBS und Credit Suisse unter Verkaufsdruck. Die Papiere werden vom Markt für Aussagen der Deutschen Bank in Sippenhaft genommen. Letztere warnte vor einem signifikanten Quartalsverlust.

Um eine Gewinnwarnung im eigentlichen Sinn handelt es sich dabei allerdings nicht, wird der Quartalsverlust doch ausschliesslich auf einmalige Wertberichtigungen auf nicht werthaltigen Aktiven zurückzuführen sein. Darf man den Aussagen der Firmenverantwortlichen Glauben schenken, dann verläuft das Tagesgeschäft recht zufriedenstellend. Die Geschäftsentwicklung der Monate Oktober und November seien jedenfalls solide ausgefallen, so heisst es.

Aus heutiger Sicht drohen den beiden Schweizer Grossbanken keine neuen Wertberichtigungen. Und auch von der eigentlich zugrundeliegenden Geschäftsentwicklung der Deutschen Bank lassen sich derzeit keine negativen Rückschlüsse auf jene bei der UBS und der Credit Suisse schliessen.

Ich bin zwar nicht übertrieben zuversichtlich, was die zukünftige Kursentwicklung der beiden Schweizer Grossbanken anbelangt. Allerdings verfügen beide Unternehmen über eine gute Ausgangslage, um von einer von einigen Strategen erwarteten Rotation aus Anleihen in Aktien profitieren zu können. Bei der UBS kommt darüber hinaus noch die Fantasie einer Kapitalrückführung in zweistelliger Milliardenhöhe an die Aktionäre dazu.