Wo stehen wir im mehrjährigen Aktienzyklus?

Stratege von J. Safra Sarasin sieht Aktienhausse erst jetzt in die zweite Phase übergehen - Und: Immer mehr Banken setzen auf Aktien von Unternehmen mit einer hohen Abhängigkeit vom Dollar-Raum.
19.09.2014 12:30
cash Insider
Wo stehen wir im mehrjährigen Aktienzyklus?

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In eigener Sache: Ich bin vom 20. bis und mit 30. September ausser Landes. Die nächste Kolumne erscheint am Mittwoch, 1. Oktober 2014.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg an den Finanzmärkten und freue mich jetzt schon darauf, nach meiner Rückkehr wieder täglich über das Börsengeschehen berichten zu können.

Ihr cash Insider

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In den USA überbieten sich die Strategen mittlerweile gegenseitig mit immer Aufsehen erregenderen Prognosen für den heimischen Aktienmarkt. Dieser bietet allerdings auch Anlass zur Euphorie: Vergangene Nacht ging der breit gefasste S&P-500-Index in New York auf dem höchsten Stand in der Geschichte aus dem Handel.

Über die letzten fünfeinhalb Jahre hat sich das Börsenbarometer mehr als verdreifacht. Es steht mittlerweile sogar knapp 30 Prozent über dem Stand vor Ausbruch der Finanzkrise. Noch mehr Geld liess sich mit dem Nasdaq-100-Index verdienen, der heute viermal so viel gilt wie im Frühjahr 2009.

Darf man den Strategen von Morgan Stanley oder Stifel Nicolaus Glauben schenken, dann warten noch mindestens fünf gute Jahre auf die Aktionäre amerikanischer Unternehmen (siehe Kolumne vom 4. September).

Doch nicht nur in Übersee, auch bei uns gibt es Experten, die den Aktienmärkten eine weitere Aufwärtsbewegung zutrauen. Aufgefallen ist mir vor allem eine Strategiestudie aus dem Hause J. Safra Sarasin. Darin versucht der Verfasser zu bestimmen, wo wir uns im mehrjährigen Aktienzyklus befinden.

Die gemeinsame Betrachtung der Aktien- und Kreditmärkte erlaube es, Trendwenden im Zyklus zu erkennen, so der Experte. Er unterscheidet zwischen vier verschiedenen Phasen. In einer ersten Phase steigen die Anleihen- und fallen die Aktienkurse. In einer zweiten Phase steigen sowohl die Anleihen- als auch die Aktienkurse. In einer dritten Phase koppeln sich die rückläufigen Anleihen- von den steigenden Aktienkursen ab, gefolgt von einer vierten Phase, in der die Kurse beider Anlageklassen purzeln.

In den letzten Jahren hätten sowohl Aktien wie auch Anleihen positive Renditen abgeworfen, so der Studienverfasser. Das sei typisch für die zweite Phase. Mit der sich in den USA abzeichnenden Leitzinserhöhung dürfte bald die dritte Phase beginnen. Entsprechend bleibe das Umfeld für Aktien noch auf mehrere Quartale wenn nicht gar Jahre hinaus intakt.

Geht es nach dem Experten, dann wird sich die weltweite Wirtschaftslage weiter verbessern. Auch weil die Zentralbanken sehr behutsam mit Zinserhöhungen agieren werden. Er hält es für sehr unwahrscheinlich, dass die europäischen Aktienmärkte direkt von der Phase zwei in die Phase vier und damit in eine Baisse übergehen.

Anhaltspunkte für eine solche sieht der Aktienstratege weder in Form einer inversen Zinskurve noch in der fallender wirtschaftlicher Frühindikatoren, fallender Gewinnmargen, extrem hoher Bewertungen oder sich unterdurchschnittlich entwickelnder Finanzwerte.

Mit anderen Worten: Das jetzige Umfeld deute darauf hin, dass die Aktienmärkte erst am Anfang der zweiten Hälfte der Hausse sind.

Lass die Gewinne laufen, lautet eine alte Börsenweisheit. Mit diesem Vorgehen war man in den vergangenen Wochen und Monaten auch am Schweizer Aktienmarkt gut beraten. Anders als die geradezu euphorischen amerikanischen Aktienstrategen und ihr für J. Safra Sarasin tätiger Berufskollege halte ich die Aktienhausse mittlerweile für weit fortgeschritten.

Von den Kredit- auf die Aktienmärkte zu schliessen, mag in der Vergangenheit gute Anhaltspunkte geliefert haben. Heute halte ich das für gefährlich, verzerrt die Liquiditätsflut führender Zentralbanken das Bild doch erheblich. Klar ist: Die Aktienmärkte haben sich über die letzten Jahre substanziell von den stagnierenden Unternehmensgewinnen nach oben abgekoppelt. Unter Ausklammerung gewinnverdichtender Aktienrückkäufe gestaltet sich die Entwicklung auch in Übersee ziemlich ernüchternd.

Noch sollten Aktienanleger die Flinte nicht ins Korn werfen. Auf Basis geradezu euphorischer Wortmeldungen aus dem Lager der Aktienstrategen erst jetzt Engagements auf- oder auszubauen, braucht jedoch schon ziemlichen Mut.

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Erst am Mittwoch schrieb ich an dieser Stelle über Schweizer Unternehmen, die vom starken Dollar profitieren. Eine Strategiestudie aus dem Hause Kepler Cheuvreux lieferte mir konkrete Namen.

Nach dem zwischenzeitlichen Nullentscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) fiel der Greenback zwar vorübergehend etwas zurück. Dennoch greifen mittlerweile immer mehr Banken dieses Thema auf.

In einem mir heute aus London zugespielten Kommentar bricht nun auch die Citigroup eine Lanze für europäische Aktien mit einem hohen Ergebnisausweis aus dem Dollar-Raum. Unter den zwanzig Unternehmen mit der höchsten Abhängigkeit finden sich mit Transocean (78 Prozent des Umsatzes ausserhalb Europas), Richemont (63 Prozent ausserhalb Europas) ABB (66 Prozent ausserhalb Europas), Givaudan (63 Prozent ausserhalb Europas), Swatch Group (66 Prozent ausserhalb Europas) und Nestlé (83 Prozent ausserhalb Europas) gleich sechs prominente Vertreter aus der Schweiz. Mit Ausnahme der Aktien von Transocean reagieren jene der übrigen fünf Firmen statistisch betrachtet denn auch mit Kursgewinnen auf einen stärkeren Dollar.

Neben der Citigroup hat auch Barclays Capital das Thema aufgegriffen. Weitere Banken dürften folgen und den Gewinner-Aktien des festeren Greenbacks die Aufmerksamkeit verschaffen, die sie verdient haben.