Wohin geht der Biotechnologiesektor?

PiperJaffray und Credit Suisse werden zu «Wiederholungstätern» und eilen dem angeschlagenen Biotechnologiesektor verbal zu Hilfe. Beweisen die beiden Banken damit einmal mehr eine glückliche Hand?
30.03.2015 12:30
cash Insider
Wohin geht der Biotechnologiesektor?

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

***

"Never fight the FED!" bedeutet ins Deutsche übersetzt soviel wie "wette niemals gegen die US-Notenbank". An den Finanzmärkten kommt diese aus den Zwanzigerjahren stammende Weisheit einem ungeschriebenen Gesetz gleich. Nicht ohne Grund, kann die mächtigste Zentralbank der Welt doch unbeschränkt Dollar schöpfen, um ihre Interessen mit aller Härte durchzusetzen.

Allerdings gibt es keine Regel ohne Ausnahme: Seit gut einem Jahr warnt die Vorsitzende Janet Yellen unermüdlich vor Übertreibungen bei amerikanischen Biotechnologieaktien. Im letzten Frühjahr schien man die Warnung denn auch durchaus ernst zu nehmen. Innerhalb von wenigen Wochen brach der Nasdaq Biotechnology Index vom damaligen Rekordhoch von 2860 Punkten aus betrachtet um mehr als 20 Prozent ein. Zuvor gefeierte Modeaktien wie jene von Gilead Sciences oder BiogenIdec gerieten sogar noch stärker unter die Räder.

Es sind allerdings diese Indexschwergewichte, welche dem Nasdaq Biotechnology Index vor Wochenfrist bei 3900 Zählern einen neuen historischen Höchststand bescherten. In den letzten Tagen hatte das Branchenbarometer einen schweren Stand, fiel es vorübergehend doch um 10 Prozent vom Höchststand zurück.

Auch am Schweizer Aktienmarkt wurden Aktien wie jene von Santhera, Basilea oder Actelion wegen diesem Rückschlag in Sippenhaft genommen.

Anders als bei uns gibt man sich in New York überraschend entspannt. Im Berufshandel macht ein Kommentar aus dem Hause PiperJaffray die Runde. Darin eilen die Verfasser dem sichtlich angeschlagenen Biotechnologiesektor verbal zu Hilfe. Wie schon vor einem Jahr sei die Ausverkaufswelle von fehlgeleiteten Ängsten rund um die Branchenbewertung losgetreten worden, so schreiben sie. Und weiter: Die optisch hohe Bewertung sei ein Spiegelbild des überdurchschnittlichen Gewinnwachstums. Nach der Ausverkaufswelle vom März habe sich das Börsenjahr 2014 letztendlich doch noch als ein herausragendes für die Biotechnologieaktien erwiesen. Bei PiperJaffray zeigt man sich zuversichtlich, dass 2015 ein weiteres gutes Jahr für die Branche wird.

Interessant ist, dass sich dieselben Experten schon vor gut einem Jahr mit einem vehement verteidigenden Kommentar an ihre Anlagekunden wandten. Obschon der Nasdaq Nasdaq Biotechnology Index danach noch über mehrere Wochen unter Druck stand, erholte er sich im Jahresverlauf um knapp 20 Prozent.

Selbst nach dem jüngsten Rückschlag befindet sich das Börsenbarometer noch immer in luftigen Höhen, hat es sich seit Anfang März 2009 doch mehr als versechsfacht. Mit dem breit gefassten Nasdaq Composite Index liess sich in dieser Zeit nur halb so viel Geld verdienen.

Allen Unkenrufen zum Trotz hielt sich der Sparwille im amerikanischen Gesundheitswesen in Grenzen. Von Druck auf die Medikamentenpreise konnte in den vergangenen Jahren keine Rede sein. Dadurch waren die Biotechnologieunternehmen bei der Preisgestaltung ihrer neuen und revolutionären Präparate völlig frei. Selbst wo zwei oder mehrere Medikamente in dieselbe therapeutische Kerbe schlugen, liessen sich die Anbieter gegenseitig leben. Das vor allem zur Freude der Aktionäre.

Doch am Horizont ziehen nun - von vielen Anlegern noch unbemerkt - erste Gewitterwolken auf. Seit wenigen Wochen liefern sich die Hersteller neuartiger und teurer Hepatitis-C-Medikamente einen erbitterten Schlagabtausch. Im Rahmen einer Vertriebsvereinbarung gewährte AbbVie der amerikanischen Apothekenkette Express Scripts erstmals substanzielle Preisnachlässe auf dem eben erst zugelassenen Kombinationspräparat Viekira. Gleichzeitig kippte Express Scripts das teure Konkurrenzprodukt Sovaldi von Gilead Sciences aus dem Sortiment. Der Rivale von AbbVie konterte seinerseits mit einer exklusiven Vereinbarung mit der bekannten Drogeriekette CVS. Die Vermutung liegt nahe, dass er sich diese Vereinbarung für Sovaldi ebenfalls mit Preisnachlässen erkaufen musste.

Früher oder später wird dieser Preisdruck auf andere Medikamentenklassen übergreifen. Ungemach droht den Anbietern auch im Zusammenhang mit sogenannten Biosimilars. Erst vor wenigen Wochen erhielt die Novartis-Tochter Sandoz in den USA die Marktzulassung für das erste solche Präparat. Druck auf die aufsehenerregend hohen Margen ist den Biotechnologieunternehmen damit so gut wie sicher.

Neben PiperJaffray meldete sich am späten Freitag übrigens auch noch die Credit Suisse zu Wort. Auch die für die Grossbank tätigen Experten glauben nicht, dass sich eine Bewertungsblase gebildet hat. Ihre lapidare Begründung: Bei den grossen und mittelgrossen Unternehmen sei schliesslich eine neue Zeitrechnung angebrochen.

Bei mir schrillen immer die Alarmglocken, wenn Aktienanalysten eine neue Ära anbrechen sehen und alte Gegebenheiten vermeintlich nicht mehr gelten. Ausserdem erkenne ich einen exponentiellen Kursanstieg, wenn ich ihn sehe. Der Nasdaq Biotechnology Index befindet sich zweifelsohne in einer Übertreibungsphase. Die alles entscheidende Frage ist deshalb nicht ob, sondern bloss wann die Blase platzen wird. Bleibt ausserdem zu hoffen, dass die Aktien hiesiger Biotechnologieunternehmen wie Molecular Partners und Basilea nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Die beiden Aktien zählen schon seit Ende Dezember zu meinen Schweizer Aktienfavoriten für 2015 (siehe Kolumne vom 26. März).

 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.