Blockchain – zentraler Baustein der Wirtschaft von morgen

Eines der derzeit meistdiskutierten Trendthemen: die Blockchain. Doch was steckt eigentlich hinter der zukunftsgerichteten Technologie, welche Bereiche profitieren davon und wie könnten Investoren daraus Nutzen ziehen?
15.03.2018 17:05
Eric Blattmann, Leiter Public Distribution Financial Products Zürich, Bank Vontobel AG

Die «Aufregung» um die Blockchain-Technologie ist gross – obwohl sich die genaue Rolle für Wirtschaft und Gesellschaft noch nicht wirklich abschätzen und einordnen lässt. Dennoch scheint es, dass die Blockchain Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme grundlegend verändern wird. Wir beschäftigen uns mit den zentralen Fragestellungen. Was verspricht die Technologie und wie sehen aktuelle Praxisbeispiele aus? Wohin könnte die Reise gehen und wo stehen wir aktuell in der Entwicklung? Für Letzteres drängt sich ein Vergleich mit dem heutigen Internet (der Informationen) auf. Zu guter Letzt stellen wir den Solactive Blockchain Technology Performance-Index vor und zeigen damit auf, wie Sie in das Blockchain-Thema investieren können.

Die Geburtsstunde der Blockchain-Technologie

Im Februar 2009 sorgte ein Internetblogbeitrag eines gewissen Satoshi Nakamoto für beträchtliches Aufsehen. Die Idee eines unabhängigen Zahlungsmittels hatte die mysteriöse Person bereits einige Monate zuvor in dem mittlerweile legendären Whitepaper «Bitcoin: A Peer- to-Peer Electronic Cash System» umrissen. Dies war nicht nur die Geburtsstunde der Kryptowährung «Bitcoin», sondern auch die der Blockchain-Technologie; zumindest eine der ersten praktischen Umsetzungen davon. Bereits vor mehr als 20 Jahren – im Jahr 1995 – experimentierte, gemäss dem Frankfurt School Blockchain Center Working-Paper «Blockchain-Technologie: Vom Hype zur Wirklichkeit», der Londoner Think Tank Z/Yen bereits mit sogenannten «Mutual Distributed Ledgers», einem «Vorboten» der heutigen Blockchain. Bitcoin ist nichtsdestotrotz einer der wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung der Blockchain-Technologie. Neben dem Bitcoin sieht das Blockchain Center in Frankfurt die im Jahr 2015 eingeführte Ethereum-Blockchain ebenfalls als wichtigen Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte dieser Technologie. Mit ihr war es erstmals möglich, automatisierte Transaktionen (Verträge), sogenannte Smart Contracts, auszuführen.

Blockchain – das universelle Logbuch für Transaktionen

Transaktionen, Verträge und deren Aufzeichnung sind zentrale Teile in unserem Wirtschaftssystem. Mit der digitalen Transformation konnten sie aber nicht wirklich mithalten. Die Blockchain-Technologie, ein offenes, dezentral geführtes «Logbuch», welches Transaktionen sicher, dauerhaft sowie effizient aufzeichnet und speichert, verspricht nun, dieses Problem zu lösen. In der Datenbank werden Transaktionen zwischen Parteien – Unternehmen wie Privatpersonen – digital dokumentiert, authentifiziert und «verewigt». So wird sichergestellt, dass digital abgebildete Transaktionen wie dokumentiert stattge­funden haben und nicht mehr verändert werden können. Z_punkt beschreibt in ihrem Whitepaper «Internet der Werte» die Blockchain als ein universelles Logbuch für Transaktionen aller Art. Dabei ist die Rede von einer ubiquitären – also überall vorhandenen – Technologie, die absolute Transaktionstransparenz – unter streng regel­basierten Abläufen – gewährleisten will.

Das bekannteste «Logbuch» oder die bekannteste Blockchain dürfte die von «Bitcoin» sein. Auf ihr werden alle je getätigten Transaktionen (Geldtransfers) unver­änderlich gespeichert, ohne dass dafür «Aufseher» oder komplizierte Verifizierungsverfahren nötig sind. Inter­mediäre wie Banken sind damit überflüssig. Es sei erwähnt, dass die Technologie keinesfalls nur auf Geldtransak­tionen – wie am Beispiel von «Bitcoin» aufgezeigt – beschränkt ist. Denn die Blockchain ist in Bezug auf die erfassten «Inhalte» neutral.

Neue Evolutionsstufe des Webs: das Internet der Werte

Um ein Gefühl für den Entwicklungsstand der Blockchain-Technologie zu erhalten, drängt sich ein Vergleich mit der uns bekannten Internet-Technologie auf, denn viele Experten sehen die Blockchain-Technologie als nächste «Evolutionsstufe» des World Wide Web. Dan Tapscott beispielsweise, Co-Autor von «Die Blockchain Revo­lution», erläutert gegenüber mercury-processing.com passend: «Die erste Generation der digitalen Revolution hat uns das Internet der Informationen gebracht. Die zweite Generation – angetrieben von der Blockchain-Technologie – bringt uns das Internet der Werte …» Für das Blockchain Center gilt das Internet ebenfalls «… als digitales Medium für Informationen (Internet of Information) und die Blockchain als Medium für digitale Werte (Internet of Values)».

Die Experten sehen in der Blockchain eine Grundlagen-Technologie – wie es einst das Internet auch war beziehungsweise immer noch ist. Das Internet (der Informationen) veränderte die Distribution und den Konsum von Informationen. Die Blockchain-Technologie könnte die Art und Weise, wie wir Transaktionen (jeglicher Art) unter zwei oder mehr Parteien ausführen, grundlegend ver­ändern. Doch wo steht heute die Technologie im Vergleich zum Internet von damals?

Parallelen zur Entwicklung des Internets

Das Blockchain Center in Frankfurt macht den Internet-Vergleich mit einem Blick auf die Entwicklung des Internetprotokolls TCP/IP (Transmission Control Protocol/Internet Protocol) für das ARPAnet. Bei dieser ersten Anwendung – welche 1972 vorgestellt wurde – handelte es sich grundsätzlich um ein E-Mail-System. Dieses Beispiel greift auch die Harvard Business School im Artikel «The Truth About Blockchain» auf. Für die Harvard-Experten liegen die Parallelen der Entwicklung zwischen Blockchain und TCP/IP auf der Hand. So ermöglichte das E-Mail-System erstmals die bilaterale Nachrichtenübermittlung, wobei Bitcoin, als erste Anwendung der Blockchain-Technologie, bilaterale Finanztransaktionen ermöglichte. Die Experten aus Frankfurt und Cambridge sind sich einig; TCP/IP (Internet der Informationen) hat durch die drastische Senkung der Verbindungskosten neue wirtschaftliche Werte freigesetzt. In ähnlicher Weise könnte die Block­chain-Technologie (Internet der Werte) entsprechend Transaktionskosten dramatisch reduzieren. Setzt sich die Technologie zur dezentralen Aufzeichnung von Transaktionen durch, sind sich die Harvard-Experten einig, dass sich die Wirtschaft radikal verändern könnte. Glaubt man den Experten in Deutschland und in den USA, dann ist die Blockchain-Technologie auf dem Stand des Internets (Internet der Informationen) von vor 1980. Die Experten sind sich hierbei jedoch uneins. Für Harvard gilt, dass die Blockchain-Technologie ein grosses Potenzial hat und zudem einen grossen Einfluss auf Unternehmen und deren Wirtschaftlichkeit haben könnte. Die grosse Unbekannte ist der Zeitpunkt des Eintretens. Einen wichtigen Punkt diesbezüglich erwähnt Z_punkt: Damit die Blockchain-Technologie ein zentrales Element in der digitalen Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft werden kann, müsse erst «eine Kultur des Umgangs mit der Blockchain […]» entstehen.

Helfen könnten diesbezüglich Erfahrungen mit der Internetentwicklung. Zudem könnte das Internet unter­stützend wirken und mit der Informationszugänglichkeit die Blockchain-Technologie schneller bekannt machen und etablieren.

«Wir sind mit Blockchain heute dort, wo wir 1969 mit dem ARPAnet waren. Wir sehen heute den ersten Nachweis der Wirksamkeit und erste kleinere Pilotprojekte […]»

Amber Baldet
Blockchain Program Lead bei J.P. Morgan (zit. in FSBC Paper, Blockchain-Technologie: Vom Hype zur Wirklichkeit)

Zukünftige Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Ideen für Anwendungsfelder der Blockchain gibt es tatsächlich viele. Sollte sie aber irgendwann ökonomische Interaktionen zwischen Personen und/oder Unternehmen komplett digital abbilden können, müssten Informationen zu Verträgen, Geldzahlungen sowie den involvierten Parteien durchgängig digital und für alle Parteien verfügbar sein. Das Whitepaper von Z_punkt zeigt mögliche Ent­wicklungsstufen, sortiert nach wachsender Eingriffstiefe in den menschlichen Alltag.

Die «Finanz-Blockchain»: Als Erstes sind Anwendungen im Bereich der Finanzen am naheliegendsten. Bei­spielsweise bargeldlose Abwicklungen von Bestellungen oder Peer-to-Peer-Modelle, die Transaktionen ohne Intermediäre abwickeln. Damit sollen Effizienzgewinne und vereinfachte Abläufe durch mehr Transparenz erreicht werden.

Als zweite Entwicklungsstufe sehen die Experten von Z_punkt die «Vertrags-Blockchain». Sie knüpft eine gewisse Leistungserbringung an Bedingungen, welche über die Blockchain verifiziert werden. Damit stellt die «Vertrags-Blockchain» als «Trust Platform» automatisiert die Einhaltung von Verträgen sicher.

Die «biografische Blockchain»: Die dritte mögliche Entwicklungsstufe würde am tiefsten in unseren Lebensalltag eingreifen und ist gemäss Experten noch in weiter Ferne. In dieser Stufe würde der digitale Lebensalltag jedes Einzelnen in der Blockchain abgebildet. Nach dem Motto: «Die Blockchain weiss, was du letzten Sommer getan hast.» Mit den Fitness-Armbändern wurde hier schon ein erster Schritt in diese Richtung gemacht.

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