Elektroautos haben Vorfahrt

Die zuletzt von Skandalen geprägte Automobilindustrie ist gerade dabei, sich neu zu erfinden. Bei der Umstellung vom herkömmlichen Verbrennungsmotor zum Stromanschluss liefern sich nicht nur die Hersteller ein spannendes Rennen. Auch die Zulieferer sowie branchenfremde Unternehmen setzen verstärkt auf den E-Trend. Anlegern bietet sich mit Hebelprodukten die Möglichkeit, an Kurssteigerungen wie auch an Rückwärtsfahrten entsprechender Aktien überproportional zu verdienen.
01.11.2017 11:00
Dominique Böhler, Head of Public Distribution & ETFs Schweiz, Commerzbank

Längst geht es auf den Automessen nicht mehr nur um eine möglichst spacige Karosse mit vier Rändern. Dies zeigte sich zuletzt klar auf dem wichtigsten Treffen der PS-Branche, der IAA in Frankfurt. Dort bot sich ein echtes Technik-Spektakel aus Elektromotor, Vernetzung und autonomem Fahren. Für die Industrie eine willkommene Abwechslung, sich wieder einmal von ihrer Glanzseite zu zeigen. Denn zuletzt bestimmten verstärkt Abgasskandale und Kartellvorwürfe die Schlagzeilen.

Im Mittelpunkt der Messe stand das Elektroauto. BMW präsentierte stolz seinen neuen i3, Mercedes hatte ein E-Auto mit Brennstoffzellen- und Batterieantrieb im Gepäck und die VW-Tochter Audi verknüpfte in ihrer Studie «Audi Aicon» gleich mehrere Trendthemen. Das Besondere ist hierbei nicht nur der Elektromotor mit einer Leistung von satten 354 PS: Der Aicon kommt auch ganz ohne Pedale, ohne Instrumente und sogar ohne Lenkrad aus.

Ambitionierte Elektropläne

Während selbstfahrende Fahrzeuge noch Zukunftsmusik sind, rollen die E-Autos längst über die Strassen. Und es werden mehr. Europas führende Hersteller BMW, Daimler und VW haben noch vor dem Start der IAA Anfang September ihre ehrgeizigen Pläne auf den Tisch gelegt. «Bis 2025 werden wir 25 elektrifizierte Modelle anbieten, zwölf davon werden vollelektrisch sein», lautet die Kampfansage von BMW-Chef Harald Krüger. Derzeit statten die Münchner neun Modelle mit einem Stromanschluss aus. Im ersten Halbjahr legte deren Absatz um rund 80 Prozent auf 42.573 Einheiten zu und könnte 2017 erstmals sechsstellig werden.

Die «Öko»-Agenda von Daimler steht dem Konkurrenten in nichts nach. Die Stuttgarter planen, bis 2022 dem kompletten Mercedes-Produktportfolio einen Stecker zu verpassen. Der Kleinstwagen Smart wird ab 2020 sogar nur noch mit einem E-Anschluss verkauft werden. An reinen Stromern sind bis 2022 vorerst mehr als zehn Modelle geplant, mit dem Ziel, bis 2025 einen Absatzanteil im Konzern von einem Viertel zu erreichen. Der grösste Autohersteller der Welt, Volkswagen, zeigt sich noch strebsamer. Bis 2025 möchten die Wolfsburger mehr als 80 neue Elektromodelle auf den Markt bringen, rund 50 rein batteriebetriebene und 30 Plug-in-Hybride.

Die Konkurrenz dies- und jenseits des Atlantiks schläft ebenfalls nicht. Der französische PSA-Konzern wird in zwei Jahren das erste selbst entwickelte E-Auto auf den Markt bringen. Bis 2021 soll die Palette dann auf vier elektrische Wagen und sieben Hybride ausgebaut werden. Konzernchef Carlos Tavares blickt erwartungsvoll nach vorne: «Wir sind ab 2023 in der Lage, 85 Prozent der dann produzierten Fahrzeuge elektrifiziert anzubieten.» Der heimische Rivale Renault drückt ebenfalls aufs Gas. Zusammen mit seinem Partner Nissan hat der Konzern Ende 2016 den Bereich Elektromobilität neu strukturiert. Die beiden dehnen ihre Entwicklungs- und Produktionsgemeinschaft auf diesem Gebiet aus und möchten so die Verbreiterung der aktuellen E-Auto-Modellpalette erreichen. An seinem Angebot feilt ebenfalls der Elektroauto-Pionier Tesla. Neu wird neben dem Model S und X seit kurzem auch das wesentlich günstigere Model 3 für den Massenmarkt angepriesen. Im Oktober möchte der US-Konzern sogar den ersten Elektro-Lkw vorstellen.

Grafik 1: Absatz Elektroautos in China

Grafik 2: Erwartete Produktion E-Fahrzeuge bis 2018

China gibt das Tempo vor

Der wichtigste Markt beim Elektroauto ist unangefochten das Reich der Mitte. Dort werden bereits heute die meisten Fahrzeuge mit alternativen Antrieben verkauft. Die Anzahl der abgesetzten Batteriewagen ist im vergangenen Jahr auf mehr als 300.000 gestiegen. Die Regierung in Peking tut alles dafür, dass es in diesem Jahr noch mehr werden. Helfen soll dabei eine Quotenregelung: Ab 2019 müssen alle in China aktiven Autohersteller 10 Prozent der dort produzierten Fahrzeuge mit Elektroantrieb bauen und ausliefern. 2020 soll dieser Anteil auf 12 Prozent steigen. Dann wird der Markt für E-Autos deutlich an Fahrt gewinnen. Die Hersteller positionieren sich bereits: Gerüchten zufolge möchte der chinesische Konzern BYD seine bereits bestehende Kooperation mit Daimler erweitern.

Alles in allem handelt es sich bei den Stromern um einen Wachstumsmarkt. Das Beratungsunternehmen Oliver Wyman schätzt beispielsweise, dass die globale Produktion von Elektro- und Hybridautos bis 2025 um 28 Prozent pro Jahr auf 25 Millionen Fahrzeuge zulegen wird. Dies würde einem Fünftel der gesamten Autoproduktion gleichkommen. Damit der alternative Antrieb aber auch massentauglich wird, gilt es an zwei Stellschrauben zu drehen: Zum einen hakt es immer noch an dem hohen Preis, zum anderen an der Reichweite. Auch wenn der psychologisch wichtige Schwellenwert von 300 Kilometer bereits überwunden wurde – Spitzenreiter ist nach wie vor Tesla mit bis zu 450 Kilometern – ist dies im Alltag oftmals zu wenig. Experten zufolge müssen die Autobauer auf Werte von mindestens 500 Kilometer kommen. Darüber hinaus fehlt es noch an einer hinreichenden Infrastruktur.

Diesbezüglich arbeiten die Hersteller allerdings zusammen. Um ein flächendeckendes Schnellladenetz an den europäischen Autobahnen aufzubauen, haben sich Audi, BMW, Ford, Mercedes, Porsche und VW zusammengeschlossen. Auch China pumpt Milliarden in die Infrastruktur. Im laufenden Jahr werden rund 800.000 Ladesäulen aufgestellt, bis 2020 sollen es 5 Millionen sein.

Knackpunkt Batterie

Das Herz eines jeden Elektroautos ist die Batterie. Kein Wunder also, dass um diesen Stromspeicher ein weltweiter Konkurrenzkampf ausgebrochen ist. Ganz vorne steht dabei Tesla-Eigentümer Elon Musk, der 23 Meilen östlich von Reno in Nevada die Gigafactory aus dem Boden stampfte. Nach der Fertigstellung der Anlage in 2020 sollen dort jene Batterien produziert werden, die für die Elektroautos notwendig sind. Ein wichtiger Punkt, denn allein das Produktionsziel von Tesla von 1,5 Millionen Fahrzeugen pro Jahr würde aktuell mehr als die gesamte Produktionskapazität von Lithium-Ionen-Batterien weltweit fordern.

Mit an Bord in der amerikanischen Wüste ist Panasonic. Die Japaner beliefern Tesla nicht nur exklusiv mit Lithium-Ionen-Batterien für die Modelle S, X und 3, sie sind auch an dem US-Konzern beteiligt. Doch ist Tesla nicht der einzige Partner. Panasonic zählt aufgrund eines Joint Ventures mit Toyota auch zu den führenden Anbietern von Batterien für Hybridfahrzeuge. Hinzu kommen zahlreiche Motorroller und elektrische Fahrräder, in denen die Öko-Power der Japaner steckt. Ausser in den USA baut Panasonic noch eine Batteriefabrik in China, die bereits im März 2018 den Betrieb aufnehmen soll.

Mitspielen auf dem Akku-Markt möchte auch der heimische Elektrotechnikkonzern ABB. Dieser hat soeben bekanntgegeben, Europas grösste Fabrik für Lithium-Ionen-Batterien mit seiner Industrieautomation und Elektrifizierungstechnik auszustatten. Das Werk in Schweden werde voraussichtlich 2020 die Produktion aufnehmen und für europäische Kunden aus der Automobilindustrie Batterien bereitstellen.

Zulieferer stellen die Weichen neu

Einen grossen Teil des E-Kuchens möchten sich die Autozulieferer abschneiden. Dies gilt beispielsweise für die deutsche Continental ebenso wie für die amerikanische Delphi. Letztgenannter Konzern richtet sich derzeit in Richtung «Auto der Zukunft» aus und konzentriert sich verstärkt auf selbstfahrende Autos und Elektrofahrzeuge. Aus diesem Grund gliedert Delphi Automotive die Geschäftseinheit Antriebsstrang aus. «Die neue Mobilität wird aus einem Zusammenschluss von autonomem Fahren, Elektrifizierung und Vernetzung bestehen und durch stark erhöhte Rechenleistung und intelligente Fahrzeugplattformen ermöglicht werden», erklärt Chef Kevin Clark den Schritt.

Rund um das Thema E-Mobilität hat auch Continental verschiedene technische Produkte in der Pipeline. Dazu zählt ein kabelloses Ladesystem für E-Autos oder auch das New-Wheel-Concept. Durch die starke Bremswirkung bei der Energierückgewinnung lassen sich E-Fahrzeuge im Stadtverkehr fast ohne den Einsatz der Bremsen bewegen. Dieses neue Radkonzept wurde am Beispiel des BMW i3 entwickelt.

Am «Auto der Zukunft» mitverdienen 

An der Börse zeigen sich im Autosegment derzeit unterschiedliche Entwicklungen. Während klassische Hersteller wie VW und Co. immer noch das Diesel-Gate verdauen müssen, sind E-Auto-Profis wie Tesla oder Zulieferer wie Continental auf der Überholspur. Letztgenannter DAX-Titel hat dieses Jahr nicht nur den Gesamtmarkt hinter sich gelassen, die Aktie ist auch gerade dabei, den Widerstandsbereich bei 200 bzw. 210 Euro zu überwinden. Der Ausbruch nach oben auf ein neues 2-Jahres-Hoch gelang soeben auch Panasonic. Stolze 35 Prozent legte der Kurs 2017 bereits zu.

Anleger können diesen Trend sogar noch hebeln: Die Commerzbank hat nagelneue Call Warrants auf die Panasonic-Aktie bei Swiss DOTS emittiert. Um sich in der Branche zu engagieren, stehen darüber hinaus jede Menge Faktor-Zertifikate und Turbos auf verschiedenste Basiswerte zur Verfügung. Einen Auszug aus dem vielfältigen Angebot finden Sie in unserer nebenstehenden Tabelle.

Grafik 3: Wertentwicklung Panasonic

Grafik 4: Vergleich Wertentwicklung BMW versus VW versus Tesla