Facebook vs. Twitter: Ring frei für zwei Social-Media-Giganten

Die vergangenen zwölf Monate hätten für die beiden Rivalen Facebook und Twitter unterschiedlicher nicht laufen können.
11.07.2016 11:00
Marc Pribram, Derivatives & ETFs Public Distribution, Commerzbank

Während das weltgrösste soziale Netzwerk wiederholt Rekordzahlen ausweisen konnte, wurde das »Gezwitscher« des Kurznachrichtendiensts deutlich leiser. Diese ungleiche Entwicklung blieb der Wall Street nicht verborgen. Die Facebook-Aktie legte auf Sicht eines Jahres um knapp die Hälfte zu, die Valoren von Twitter büssten dagegen mehr als 60 Prozent an Wert ein. Der perfekte Zeitpunkt also, die beiden Internetriesen einem genauen Vergleich zu unterziehen.

Facebook und Twitter zählen zu den Platzhirschen unter den sozialen Netzwerken. Milliarden von Nachrichten werden täglich über die beiden Plattformen verschickt. Während es für den gewöhnlichen Nutzer in der Regel nur ein Freizeitspass ist, ist zwischen den Unternehmen ein wahrer »Fight« ausgebrochen. Es geht um den Kampf um jeden Kunden, denn je mehr Nutzer, desto mehr Werbung – die Haupteinnahmequelle der beiden Konzerne. In einer direkten Gegenüberstellung der beiden Unternehmen zeigen sich aber deutliche Unterschiede. So viel sei vorab verraten: Facebook hat beim Grossteil der Messpunkte die Nase vorne.

Am 4. Februar 2004 gab der damalige Harvard-Student Mark Zuckerberg den Startschuss für Facebook und formte innerhalb von nur zwölf Jahren einen Weltkonzern. Gekrönt wurde dieser Aufstieg durch den Börsengang 2012 zu einem Kurs von 38 US-Dollar. Von diesem Erfolg liess sich ein Jahr später auch Twitter anstecken und wagte ebenfalls den Gang aufs Parkett. Dem Kurznachrichtendienst gelang ein phänomenaler Einstand. Während bei der Facebook-Aktie der erste Tag auf dem Börsenparkett etwas holprig verlief, ging der Twitter-Kurs mit einem Plus von 73 Prozent gegenüber dem IPO-Preis von 26 US-Dollar aus dem Handel.

Rote Vorzeichen

Die vielen Vorschusslorbeeren, welche das damals hochdefizitäre Unternehmen Twitter bekam, wurden in den Folgejahren wieder einkassiert. Denn die Hoffnungen auf ein steiles Wachstum sowie spätestens 2015 schwarze Zahlen wurden enttäuscht. Das Gegenteil war der Fall: Der Verlust türmte sich im vergangenen Jahr auf 521 Millionen US-Dollar auf. Hinzu kommt, dass im Schlussquartal 2015 die Zahl der Nutzer erstmals seit dem Börsengang 2013 zurückging. Zwar legte die Anzahl der User zwischen Januar und März wieder leicht auf 310 Millionen zu, doch an der schwachen Ergebnisentwicklung konnte selbst der Umsatzanstieg um rund ein Drittel im Jahresvergleich nichts ändern. Insbesondere hohe Marketing- und Vertriebsausgaben sowie Kosten, den Datenverkehr zu erhöhen, sorgten unter dem Strich erneut für einen Verlust.

Grafik 1: Monatliche Nutzer


Stand: 20. Mai 2016; Quelle: Unternehmensangaben

Hohe Anziehungskraft

Bei Facebook bedeutet dagegen »mehr Umsatz« auch »mehr Gewinn«. Aufgrund florierender Werbeeinnahmen legten die Erlöse im Auftaktquartal 2016 um 52 Prozent auf 5,38 Milliarden US-Dollar zu. Der Nettogewinn konnte sich bis Ende März 2016 auf 1,51 Milliarden US-Dollar sogar nahezu verdreifachen. Speziell das Geschäft mit Anzeigen, die auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets geschaltet werden, boomte. Dieser Bereich steht mittlerweile für mehr als 80 Prozent des Gesamtumsatzes. Es sind neue Funktionen, welche die Mobil-App immer beliebter machen und die Werbekunden förmlich magnetisch anziehen. So hat Facebook zum Beispiel im Videobereich neue Features eingeführt, welche die Werbetreibenden vom klassischen TV-Anzeigengeschäft oder auch vom Konkurrenten YouTube weglocken.

Im Kampf um die Vorherrschaft in einem Zukunftsmarkt spielen bei Facebook auch Übernahmen eine Rolle. Zu den wichtigsten gehören der Messaging-Anbieter WhatsApp sowie die Foto- und Video-App Instagram. Damit zählt Facebook weltweit mittlerweile 1,65 Milliarden Menschen, die sich bei dem US-Konzern angemeldet haben. Um keinen Technologietrend zu verschlafen, stellt sich Facebook zudem immer breiter auf. So ist der Konzern auch im Video-Reality-Bereich engagiert. 2014 verleibte sich das Unternehmen den VR-Brillen-Pionier Oculus für 2 Milliarden US-Dollar ein. In diesem Jahr hat es bereits seine neueste Entwicklung, die »Oculus Rift« mit Full-HD-Auflösung auf den Markt gebracht.

Grafik 2: Umsatzentwicklung


Stand: 20. Mai 2016; Quelle: Unternehmensangaben

Es knarrt an allen Ecken und Enden

Twitter sitzt dagegen auf einer Grossbaustelle. Erst im Oktober vergangenen Jahres hat Gründer Jack Dorsey wieder das Zepter übernommen, um das Unternehmen auf Vordermann zu bringen. Die Massnahmen gehen von der Reduzierung der Belegschaft über neue Produktentwicklungen bis hin zu einer einheitlichen Strategie für den Kurznachrichtendienst Twitter, die Live-Video-Tochter Periscope sowie die Kurz-Video-App Vine. Gerüchten, dass die 140-Zeichen-Grenze bei Twitter-Nachrichten fallen wird, bereitete Dorsey jüngst ein Ende: »Sie bleibt.« Mit den neuen Formaten möchte der Konzern dagegen die Anzeigenkunden gezielter ansprechen. Unter anderem sollen Football-Spiele über Twitter übertragen werden. Noch hält sich der Erfolg in Grenzen. Twitter-Finanzchef Anthony Noto räumte bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen ein, dass die Werbekunden in diesen neuen Angeboten kaum vertreten sind. Langfristig möchte der Manager aber »wie unsere Wettbewerber Millionen von Werbekunden haben«.

Enorme Wachstumsraten

Eine direkte Anspielung auf Facebook, denn hier schalten mehr als 3 Millionen Unternehmen Anzeigen. Die Werbeumsätze des Social-Media-Giganten summierten sich alleine in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres auf 5,2 Milliarden US-Dollar, dies entspricht 97 Prozent der Konzernerlöse. Den grössten Anteil dieser Umsätze generiert Facebook mit rund 2,6 Milliarden US-Dollar in den USA und Kanada. Zum Vergleich: Twitter erlöste im gleichen Zeitraum auf dem Heimatmarkt lediglich 343 Millionen US-Dollar. Das kommt zwar einem Plus von 36 Prozent gleich, doch konnte Facebook trotz der deutlich höheren Basis seine vergleichbaren Umsätze mit 64 Prozent nahezu doppelt so stark steigern. Auch auf dem alten Kontinent geht es rasant aufwärts für Facebook. Hier legte der US-Konzern im ersten Quartal bei den Erlösen um knapp die Hälfte auf 1,2 Milliarden US-Dollar zu. Weitere 849 Millionen US-Dollar steuerte Asien bei, die verbleibenden 467 Millionen verteilen sich auf den Rest der Welt. Im Durchschnitt erwirtschaftete das beliebteste soziale Netzwerk der Welt somit 3,21 US-Dollar pro User mit Werbung. Mit 11,86 US-Dollar je Nutzer hat aus geographischer Sicht der US-Bürger die Nase vorne.

Grafik 3: Nettogewinnentwicklung


Stand: 20. Mai 2016; Quelle: Unternehmensangaben

Bewertungsunterschiede

Einem derartig starken Wachstum gestehen Börsianer auch eine höhere Bewertung zu. Aktuell beläuft sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei Facebook, gemessen an den für 2018 prognostizierten Gewinnen, auf 20. Das klingt hoch, doch relativiert sich dies mit Blick auf das erwartete Ergebniswachstum. Zwischen 2015 und 2017 geht der Analystenkonsens davon aus, dass die Gewinne je Aktie im Durchschnitt um mehr als 30 Prozent pro Jahr zulegen werden. Das 2018er-PEG-Ratio liegt folglich bei lediglich 0,6.

Gewinne sind bei Twitter dagegen ein Fremdwort, noch dominieren die roten Zahlen. Also gilt der erste Blick den Umsätzen. Gemessen am 2015er-Abschluss ist der Konzern derzeit mit den rund zehnfachen Erlösen bewertet, Facebook bringt es hier auf das 15-Fache. Damit ist Twitter in Relation zum Konkurrenten günstiger, doch ist Facebook deutlich wachstumsstärker und gewinnträchtiger, was das Ergebnis letztendlich wieder umkehrt. Auf der Gewinnseite geht der Konsens davon aus, dass 2016 der Turnaround gelingt. 2017 und 2018 soll das Ergebnis je Aktie dann im Schnitt um ein Drittel zulegen, dem gegenüber steht ein KGV von 15.

Die Schätzungen bei Twitter sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen, zu oft wurden die Erwartungen in der Vergangenheit enttäuscht. Auch am Kapitalmarkt zeigt man sich vorsichtig. Die Valoren tauchten auf Sicht von einem Jahr um mehr als 60 Prozent ab, die Facebook-Aktie kletterte dagegen um knapp die Hälfte empor. Bei den Analysten »zwitschert« es sich ebenso mehr und mehr aus. Von 44 Analysten, die das Unternehmen covern, haben nach dem jüngsten Zwischenbericht 18 Experten ihre Kursziele reduziert. Gegenteiliges ist bei Facebook festzustellen. 24 Brokerhäuser hoben zuletzt ihren fairen Wert für den Titel an. Das durchschnittliche Kursziel aller von Thomson Reuters geführten Daten lautet derzeit auf 140 US-Dollar. Dies entspricht einem Potenzial von knapp einem Fünftel. Bei Twitter liegt das durchschnittliche Kursziel ebenfalls über dem aktuellen Kurs bei 18 US-Dollar.

Grafik 4: Kursverlauf im Vergleich (ein Jahr)


Stand: 20. Mai 2016; Quelle: Reuters