Neuer Blick auf die Risiken für die Weltwirtschaft?

In vielen Firmen wird derzeit für das nächste Jahr budgetiert. Dabei ist es üblich, die Budgetierung unter verschiedenen Szenarien durchzuführen.
20.12.2013 15:28
Marc Brütsch, Chief Economist Swiss Life Asset Managers

Oft wird bei der Budgetierung zusätzlich ein mittelfristiger Rahmen abgesteckt, um die Rentabilität grosser Projekte zu ermitteln. Mit dem Durchspielen verschiedener Szenarien wird der Einfluss unterschiedlicher Entwicklungen von Wachstum und Inflation, aber auch von Schwankungen an den Finanzmärkten besser verstanden.

Lange waren Planungsrunden von krisenhaften Vorkommnissen geprägt

Bevor der Blick in die Zukunft gewagt wird, ist daran zu erinnern, welche Themen die Planungsrunden früherer Jahre beherrschten: 2009 litt die Welt unter der grössten Rezession seit den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ein Jahr darauf machte Europas Staatsschuldenkrise Schlagzeilen. Ein Schweizer Unternehmen, welches im Sommer 2011 sein Budget für das Folgejahr erstellte, rang um Planungssicherheit beim Wechselkurs (was die Nationalbank im September 2011 mit der Festlegung einer Kursuntergrenze für den Euro auch gewährte). 2012 sodann ging die Angst vor dem Fiscal Cliff um, also vor einer Rezession in den USA als Folge des Budgetstreits zwischen Präsident Obama und der republikanischen Mehrheit im Parlament.

Hinterher kann man leicht klüger sein. Aber es fällt doch auf, dass alle diese Themen Platz für Schwarzmalerei und zurückhaltende Budgetierung boten. Heute wissen wir, dass die Weltwirtschaft von 2010 bis 2012 real um durchschnittlich 4.1% gewachsen ist. Wir sind also noch einmal davongekommen. Wer sich nur vom Krisenszenario leiten liess, verpasste interessante Gelegenheiten.

Drei denkbare Szenarien bis 2016

Doch woran soll man sich in der Planung für die nächsten drei Jahre ausrichten? Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet bis 2018 erneut mit einem durchschnittlichen Wachstum von rund 4%. Swiss Life Asset Managers hat drei unterschiedliche Szenarien zur Realwirtschaft und zu den Finanzmärkten für den Zeitraum bis 2016 entwickelt. Im Basisszenario schreiben wir drei bewährte Überlegungen aus den Vorjahren fort: Inflationsgefahr sehen wir noch immer keine. Ein Merkmal des wahrscheinlichsten Szenarios ist der Zugang zu Krediten für solvente Schuldner, wie am Kreditwachstum in den USA und Grossbritannien zu erkennen ist. Drittens beobachten wir, dass die Reformen in Europas Peripherie Früchte tragen. Die Senkung der Lohnstückkosten in Irland, Griechenland, Spanien und Portugal trägt mit dazu bei, dass alle diese Länder heute eine robustere Aussenhandelsbilanz aufweisen als zum Zeitpunkt ihres Beitritts zum Euro. Die Wirtschaft der Eurozone wächst wieder.

Neu gehen wir in unserem Basisszenario davon aus, dass die staatliche Haushaltskonsolidierung in Europas Krisenländern, aber auch in Grossbritannien und den USA gemäss den aufgeweichten Budgetzielen erreicht wird. Dies dürfte den Aufwärtsdruck bei den Renditen auf Anleihen dieser Staaten dämpfen.

Dies ist ein konstruktives Szenario für die Weltwirtschaft und auch für die globalen Aktienmärkte. Dennoch rechnen wir über den Zeitraum der nächsten drei Jahre nur mit einem realen Wachstum der Weltwirtschaft von rund 3% und liegen damit unter den Erwartungen des IWF.

Der Grund dafür ist in der Erwartung eines verminderten Wachstumsbeitrags der Emerging Markets zu finden. China unternimmt Anstrengungen, sein Wirtschaftsmodell vermehrt auf die binnenwirtschaftliche Konsumnachfrage abzustützen. Chinas Wachstum wird in den nächsten Jahren eher bei 7% zu liegen kommen, nach 9% im Durchschnitt über die letzten fünf Jahre. Andere Länder, wie Russland, Brasilien und die Türkei haben es in den Jahren mit robustem Wachstum und günstigen Finanzierungsbedingungen an den Kapitalmärkten versäumt, Strukturreformen an die Hand zu nehmen. Die entwickelten Volkswirtschaften sind dagegen darangegangen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. In Europa gelang den Krisenländern die Senkung der Lohnstückkosten. Japans Exportwirtschaft profitiert von der Abwertung des Yen und die Förderung von Schiefergas in den USA sorgt für tiefere Produktionskosten.

So bewegt sich das Pendel in den kommenden Jahren wohl leicht zum Vorteil der entwickelten Volkswirtschaften, deren Beitrag zum Wachstum der Weltwirtschaft im Vergleich zu den aufstrebenden Länder wieder etwas an Gewicht zulegt. Im Budget eines Schweizer Unternehmens beeinflussen solche Überlegungen allenfalls den Entscheid zur Auslagerung von Produktionsabläufen.

Wir ordnen dem beschriebenen Szenario eine Eintretenswahrscheinlichkeit von 60% zu. Und auf welche alternativen Entwicklungen verteilen sich die übrigen 40%? Im ersten Risikoszenario werden die Emerging Markets gar zum Bremsklotz falls in Ländern wie Indonesien, Malaysia und Thailand Kreditblasen zum Platzen kommen. Eine anhaltende Rezession in Frankreich stellt nach wie vor ein bedeutendes Risiko dar. Entwicklungen dieser Natur würden dafür sorgen, dass die Weltwirtschaft sich wie 2009 der Deflationsfalle nähert. Vorausgesetzt wir interpretieren die verfügbaren Daten richtig, hat ein solches Szenario derzeit nur eine Eintretenswahrscheinlichkeit von rund 15%.

Eher eintreten dürfte dagegen eine dritte Entwicklung: In diesem Fall wächst die Weltwirtschaft stärker, als in unserem Basisszenario oder vom IWF erwartet, ohne dass die Notenbanken ernsthaft an einen Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik gehen. Nun wäre denkbar, dass die Inflationserwartungen von Konsumenten, Unternehmern und Anlegern nach oben ausbrechen und entsprechend Kauf- und Investitionsentscheidungen vorweggenommen werden. Japan kommt hier eine besondere Rolle zu: Das Szenario wird wahrscheinlicher, wenn die Reflationierung der japanischen Volkswirtschaft unter dem als „Abenomics“ bekannten Wirtschaftsprogramm gelingt.

Gross ist unser Vertrauen in den Reformeifer der japanischen Politiker aber nicht. Zurzeit räumen wir dem Szenario einer stark wachsenden Weltwirtschaft nicht mehr als 25% Wahrscheinlichkeit ein.

Sind wir alle etwas zuversichtlicher geworden?

Aber immerhin: Erstmals seit 2008 gilt nicht mehr der Krisenfall als das plausiblere der beiden alternativen Szenarios. Gut möglich, dass viele derzeit laufende Budgetierungsrunden zu ähnlichen Einsichten kommen. Wenn nun alle Entscheidungsträger etwas optimistischer werden, dürfen wir in den nächsten Quartalen Zeugen einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.