Auf 21 Milliarden Dollar wird der neuste Deal in der Pharmabranche geschätzt. Der amerikanische Pharmakonzeren Abbvie will den Hersteller von Krebsmedikamenten Pharmacyclics übernehmen. Der US-Generika-Hersteller Mylan will die irische Perrigo für 29 Milliarden Dollar kaufen. Die deutsche Merck KGaA möchte sich den Laborausstatter Sigma-Aldrich für 17 Milliarden Dollar einverleiben, dessen Aktienkurs in die Höhe schoss, als das Angebot bekannt wurde. Die Übernahmen und Fusionen zeigen, dass sich die Pharmabranche neu aufstellt, um den Herausforderungen eines wachsenden Marktes begegnen zu können, der im Umbruch ist. Knapp gescheitert ist im letzten Jahr die Fusion von Pfizer und Astra-Zeneca, die einen Wert von 117 Milliarden Dollar hatte. Die Credit Suisse hat die Kursziele von Pharmafirmen jüngst nach oben gesetzt, wie etwa von Bristol-Meyers, Pfizer, Eli Lilly oder Merck & Co. Das PEG-Ratio der Branche, eine Kennzahl für die Aussichten in der Zukunft, ist besser als etwa das der Biotech-Branche, die lange Zeit als lukrative Investitionsmöglichkeit galt.

Kein Wunder, denn die Gesundheit ist das kostbarste Gut, für das immer mehr Menschen in der Lage sind, immer mehr auszugeben. Die Weltbevölkerung wächst, der Wohlstand nimmt zu und mit ihm der westliche Lebensstil, der eine ganze Reihe von meist chronischen Krankheiten nach sich zieht. Vor hundert Jahren starben die meisten Menschen in der Schweiz an der Grippe, an Tuberkulose und an Infektionen von Magen und Darm. Heute stirbt man an Zivilisationskrankheiten: das Herz-Kreislauf-System macht schlapp, die Folgen von Diabetes und Fettleibigkeit machen den Leuten zu schaffen und weil die Gesellschaft immer älter wird, nimmt die Zahl der Krebsfälle zu. Das kostet. Pro Jahr werden weltweit mehr als 980 Milliarden Dollar für Medikamente bezahlt. Innerhalb von zehn Jahren haben sich diese Ausgaben verdoppelt. Im Jahr 2018 erwartet das Beratungsunternehmen Deloitte einen Pharmaumsatz von 1610 Milliarden Dollar weltweit. «Besonders in der Onkologie und bei der Behandlung von Herz- /Kreislauf-Erkrankungen wird es ein starkes Wachstum geben» schreibt Deloitte im Branchenreport «2015 Global Life Science Outlook». Während die Weltwirtschaft um knapp 1.5 Prozent jährlich wächst, legt die Pharmabranche wahrscheinlich ein Umsatzwachstum von 6.9 Prozent hin. Das ist deutlich mehr als das Wachstum für Gesundheitsausgaben insgesamt, die um 5.2 Prozent pro Jahr zunehmen.

Vor allem der steigende Wohlstand in den Schwellen-und Entwicklungsländern treibt die Nachfrage. Schon heute entfallen etwa 20% des Umsatzes der Pharmabranche auf die BRIC-Staaten. Welches Potenzial sich aus der Kombination von steigendem Wohlstand und einer grossen Bevölkerungszahl ergibt, lässt sich erahnen, wenn man die Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente in den verschiedenen Ländern betrachtet. In den USA, dem grössten Pharmamarkt der Welt, liegen die Ausgaben für Medikamente bei 1020 Dollar, in Japan, auf Platz zwei, bei 1245 Dollar und in Deutschland bei 520 Dollar pro Einwohner. In China, im Moment die Nummer drei auf dem weltweiten Pharmamarkt, werden nur 29 Dollar pro Einwohner für Medikamente ausgegeben. Mehr Wohlstand in China wird die Umsätze explodieren lassen. Dort wächst der Markt um jährlich 20 Prozent - fast 40 Prozent des Gesamtwachstums im Medikamentenmarkt geht auf die gesteigerte Nachfrage im Reich der Mitte zurück. Alle Pharmakonzerne investieren dort, um im Markt der Zukunft präsent zu sein. Novartis investiert eine Milliarde Dollar in ein neues Forschungszentrum, das das drittgrösste des Konzerns sein wird. Bayer lässt sich ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Peking 110 Millionen Euro kosten.

In den letzten Jahren mussten die grossen Pharmafirmen massive Umsatzeinbussen bei ihren «Cash Cows» hinnehmen, weil nach und nach der Patentschutz auf ihre grossen Umsatzbringer auslief. Billige Nachahmerpräparate drängen auf den Markt. Allein in den letzten fünf Jahren ist den forschenden Pharmafirmen dadurch Umsatz in Höhe von 120 Milliarden Franken verloren gegangen, wie die Beratungsfirma IMS Health berechnet hat. Der Blockbuster Diovan spülte der Novartis jedes Jahr fast sechs Milliarden Dollar in die Kasse, bevor der Patentschutz auslief.

Nachschub auf dem Markt zu bringen ist schwierig geworden, denn die Bedingungen für die Zulassung steigen. Ein neues Medikament von der Idee bis in die Regale der Apotheke zu bringen, schlägt mit etwa 1.5 Milliarden Dollar zu Buche und dauert acht bis zwölf Jahre. Kein Wunder, dass die Innovationsgeschwindigkeit in der Pharmaindustrie deutlich abgenommen hat. In den letzten fünf Jahren des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts wurden in den USA 23 neue Wirkstoffe auf den Markt gebracht, in der gleichen Zeitspanne in der zweiten Hälfte der 90er Jahren waren es fast 50.

Trotzdem geht der Trend weg von den Blockbustern, hin zu Medikamenten gegen seltene Krankheiten. Mehr Wohlstand in China wird die Umsätze explodieren lassen. Gegen die häufigsten sind in den letzten Jahrzehnten eine ganze Reihe von Präparaten auf den Markt gekommen. Als Alternative haben Pharmafirmen nun die «Seltenen Krankheiten» entdeckt. In der Vergangenheit hat es sich nicht gelohnt, Forschungsgeld zu investieren, um Behandlungen zu finden, mit denen man Patienten helfen kann, die an einem Barrett-Ösophagus oder an der Paget-Krankheit leiden. Nun ist das Spektrum der Dutzende von seltenen Krankheiten in den Fokus der Pharmabranche gerückt. Allein in Schweiz leiden etwa 400.000 Menschen an einer von ihnen. Weltweit schaffen sie einen Markt, der noch gänzlich unerschlossen ist. Anfang Mai gab der US-Pharmakonzern Alexion bekannt, dass er das Pharmaunternehmen Synagena übernehmen möchte. Etwa 8.4 Milliarden Dollar wird der Deal wird sein. Die Begründung für das M&A-Geschäft: Alexion, Marktführer bei der Behandlung von seltenen Krankheiten, will seine Kompetenz auf diesem Feld weiter stärken.

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