Russland im Chaos

Die Situation in Russland erinnert an die Schwellenländerkrise (Asien und Russland) 1997/1998. Die Krise in Russland kann nur mit internationaler Koordination erfolgreich gemeistert werden.
22.12.2014 14:23
Thomas Rose, Head Investments & Risk Management UBS Funds, UBS Global Asset Management

Die Situation in Russland wird zu Recht mit der Schwellenländerkrise (Asien und Russland) 1997/1998 verglichen. Die Lage ist ungemütlich. Der Wert des Rubels ist seit Jahresbeginn stark gefallen, am 16. Dezember brach er im Tagesverlauf zeitweise um 20 Prozent ein. Die Gründe sind nicht auf den sinkenden Ölpreis begrenzt. Relevanter dürfte die fehlende Perspektive für die russische Wirtschaft sein, welche akute Gefahr läuft, in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale zu geraten.

Welche Ursachen liegen hinter der Kapitalflucht, ohne die die Schwäche des Rubels nicht zu erklären ist? Wir denken, dass die durch Putins Krim-Annexion ausgelösten (Finanz-) Sanktionen als Auslöser der Krise relevant waren, weil sie die Refinanzierungsbedingungen in Russland verschärften. Die wirtschaftlichen Probleme allerdings sind nicht vorrangig auf Sanktionen zurückzuführen, sondern auf Ursachen, deren Keim schon lange vor dem Ukraine-Konflikt angelegt worden ist. So dürfte es eine Illusion sein zu glauben, dass Russlands zu einseitig ausgelegte Wirtschaft mit einem Sanktionsstopp sofort wieder in Ordnung käme.

Lehren aus der Schwellenländer-Krise 1997/1998

Mit welchen Problemen hatten Länder wie Indonesien, Thailand oder Russland vor mehr als 15 Jahren zu kämpfen?

  • Ansteckungsgefahr
    Mit Verwunderung nahm man zur Kenntnis, dass Ereignisse in kleinen Volkswirtschaften wie Thailand Krisen in anderen Ländern auslösen konnten, obwohl diese geografisch weit entfernt waren und der gegenseitige Handel und die Finanzverbindungen nicht erwähnenswert waren. Es genügte, dass fundamentale Werte (vor allem die Höhe der Fremdwährungsreserven) unter eine vom Markt als kritisch angesehene Schwelle fielen. Das Vorliegen einer realen Ansteckungsgefahr durch einen sich selbst verstärkenden Vertrauensverlust war und ist ein Charakteristikum von Schwellenländerkrisen.
  • Leistungsbilanzprobleme
    Ländern wie Thailand wurde de facto die Finanzierung gekappt. Durch die Umkehr der Kapitalflüsse wurde Thailand gezwungen, ein Leistungsbilanzdefizit von 10% 1996 in einen Leistungsbilanzüberschuss von 8% 1998 zu drehen. Ein solcher Kraftakt ist sehr schmerzhaft, weil er mit einer massiven realen Abwertung der Währung, einem Erliegen der Importe und einer schweren Rezession einhergeht.
  • Stress der Bilanzen
    Das Scheitern vieler Firmen und die Verschlechterung der Schuldnerqualität muss man eher als Folge der Krise sehen, und weniger als Zeichen einer ex ante unsorgfältigen Gewährung von Krediten. Das Eigenkapital der Firmen wird geschwächt durch das Zusammenspiel von rückläufigen Umsatzzahlen, einer hohen Zinsbelastung und einer abwertenden Währung. Der so aufkommende Stress in Firmenbilanzen kann, muss aber nicht zu einer Bankenkrise führen. Finanziell angeschlagene Firmen können auch Banken in den Abgrund reissen, doch der Stress in ihren Bilanzen bleibt bestehen, ob die Banken in Schieflage kommen oder nicht. Selbst eine ausreichende Rekapitalisierung des Bankensystems würde das Problem der finanziell angeschlagenen Firmen nicht lösen.

Was heisst das für Russland 2015?

Die wichtigste Parallele ist der Umstand, dass die Währung im Dezember unkontrolliert an Wert verlor. Viele Russen reagierten mit Panikkäufen auf den Werteverlust: Sie haben Angst, dass ihr gespartes Geld bald nichts mehr wert ist. Das ist eine sehr gefährliche Situation, weil man nicht weit von einem massiven Sturm auf die Banken entfernt ist. Apple stellte seinen Online-Handel in Russland ein. Der schnelle Verfall der Währung mache es zu schwierig, dort die Preise festzulegen. Und die Russen kaufen das Angebot von Firmen wie IKEA leer, weil sie mit massiven Preissteigerungen rechnen.

Der Internationale Währungsfonds vertrat während der Asienkrise die Doktrin, den Wertverfall der eigenen Währung (Thailand, Indonesien etc.) durch Zinserhöhungen zu stoppen. Dieser Ansatz wurde heftig kritisiert, weil hohe Zinsen die Rezession noch verstärken. Wenn der reale Wechselkurs infolge von Stützungskäufen nicht weiter sinkt, und ausländische Geldgeber nicht gewillt sind, weitere Investitionen zu tätigen und Kapital abziehen, so kommt die Wirtschaftsleistung unweigerlich unter die Räder.

Die russische Regierung will den Sturz des Rubels mit Devisenverkäufen und anderen Maßnahmen stoppen. Ministerpräsident Dmitri Medwedew sprach sich gegen eine starke Regulierung des Devisenmarktes aus: Die Rubelkrise sei zum Grossteil "Psychologie" und vertrat damit die Ansicht, dass die russische Zentralbank den Rubel erfolgreich stützen werde.

Das Ministerium liess verlauten, es werde den Rubel durch den Verkauf von Fremdwährungen aus der Staatskasse so umfangreich wie nötig stützen. Ebenfalls kamen Gerüchte auf, wonach Russland Gold verkaufen könnte, um an genügend Dollars zu kommen. Diese Art der Krisenbewältigung dürfte die Zinsen hoch halten und Russland 2015 in eine drastische Rezession stürzen.

Auch die Angst vor einer Staatspleite geht um. Die an den Finanzmärkten gehandelten Absicherungspapiere (CDS) gegen den Ausfall russischer Staatsanleihen beziffern die Wahrscheinlichkeit mit etwa 33%. Von einer Pleite wären auch Deutschland, die Euro-Zone und viele Schwellenländer betroffen. Zu glauben, dass Russland isoliert bleiben könnte, wird sich wohl als eine Illusion herausstellen.

Anti-Sanktionen?

Aus makroökonomischer Sicht bedeutet Krisenbewältigung vor allem Koordination und Stützungsaktionen durch Organisationen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF). Koordination und Sanktionen passen nicht zusammen, und man darf gespannt sein zu sehen, ob wirtschaftliches Kalkül zu einem politischen Einlenken führen wird oder nicht.
 

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