Russland: Totgesagte leben länger

In den vergangenen Jahren stand Russland mit dem Rücken zur Wand. Der Doppelschlag aus Ölpreisverfall und westlichen Sanktionen aufgrund der Krim-/Ukrainekrise beförderte das Reich um Wladimir Putin 2015 in eine tiefe Rezession.
18.04.2017 06:00
Simon Przibylla, Director Public Solutions, Leonteq Securities AG

Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) schrumpfte die russische Wirtschaft um 3.7%. Dies führte auch zum Abzug von privatem Kapital, in dessen Folge die Zentralbank (CBR) zunächst jede Menge Devisenreserven veräusserte, um einen Absturz des Rubels zu verhindern. Doch bemerkten die Währungshüter schnell, dass sich der «Bär» nicht zähmen liess, und gaben den Wechselkurs frei. Trotz der massiven Abwertung wurde eine schwerere Krise verhindert. Dies lag einerseits an der schnellen Erholung des Ölpreises, andererseits an der rechtzeitigen Erkenntnis der russischen Zentralbank, dass eine anhaltende Verteidigung der eigenen Währung vermutlich höhere Kosten als Gewinne gebracht hätte.

Die Lage hellt sich auf

Auch wenn es mit der Wirtschaft 2016 noch einmal abwärts ging, fiel das Minus mit 0.2% nur noch vergleichsweise gering aus. Nach drei schwachen Quartalen ist die Konjunktur im Schlussviertel sogar wieder auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. Die verbesserten Inflations- und Wirtschaftsdaten gaben der CBR weiteren Zinssenkungsspielraum. So verbesserte sich die Teuerung im Februar schneller als erwartet auf 4.6% und bewegt sich damit rasch in Richtung Inflationsziel von 4.0%. Die Währungshüter schraubten daher im März den Leitsatz um weitere 25 Basispunkte auf 9.75% nach unten. Zum Vergleich: Anfang 2015 lag dieser noch bei 17%. Die verbesserte Stimmung in Bezug auf Russlands Wirtschaft sowie eine stabilitätsorientierte Politik riefen jüngst auch die Ratingagenturen auf den Plan. Unter anderem hob Standard and Poor’s den Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes Mitte März von «stabil» auf «positiv» an. Nach rund zweijähriger Rezession werde die Konjunktur in Russland wieder zulegen und das Bruttoinlandsprodukt in den Jahren bis 2020 im Schnitt um etwa 1.7% wachsen, prognostiziert die Agentur. Dementsprechend ist den Experten zufolge die Anhebung des Ratings von «BB+» in den eine Stufe entfernten Investmentbereich möglich.
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BIP-Entwicklung Russland

Nach dem starken Einbruch im Jahr 2015 konnte sich die russische Wirtschaft schnell wieder erholen. Beim künftigen Wachstumstempo zeigt sich allerdings eine Diskrepanz zwischen IWF und den Prognosen des Kremls. Während der Internationale Währungsfonds von einem Plus von 1.1% im laufenden Jahr ausgeht, rechnet die Regierung bereits mit satten 2%. Für 2018 und 2019 stellt der IWF weiteres moderates Wachstum in Aussicht.

Trump: Segen oder Fluch?

Für neue Zuversicht in der Russischen Föderation sorgt auch der jüngste Wahlsieg von Donald Trump in den USA. Nach einer Eiszeit der beiden Grossmächte unter der Obama-Regierung gingen Trump und Putin auf Annäherungskurs. Russlands Ziel ist dabei offensichtlich: Die USA sollen weitere Sanktionen seitens der EU nicht mehr unterstützen. Dass der Kreml auf einen derartigen Schritt hofft, zeigte sich zuletzt Anfang des Jahres, als weitere Sanktionen von Obama in Folge der Cyber-Attacken rund um die US-Wahl nicht mehr mit Gegensanktionen beantwortet wurden. Die anfängliche Euphorie in Moskau bezüglich Trump bröckelt aber, gab sich der amerikanische Präsident zuletzt eher zugeknöpft gegenüber Putin. Das hat einen einfachen Grund: US-Geheimdienste werfen Russland vor, sich in den US-Präsidentschaftswahlkampf eingemischt zu haben, um Trumps Siegeschancen gegen seine Rivalin Hillary Clinton zu erhöhen. Dies hat nun den Geheimdienstausschuss des Senats bewegt, eine gründliche Untersuchung des Verhältnisses von Trump und Russland vorzunehmen. Der ehemalige Sicherheitsberater des US-Präsidenten, Michael Flynn, stolperte bereits über seine Russlandkontakte und musste sein Amt niederlegen.

Keine vollständige Entwarnung

Nicht nur die sinkenden Chancen auf eine baldige Versöhnung mit den USA stellen für Russland ein Risiko dar, auch die Beziehungen zu Europa sowie der weitere Verlauf der Ölpreise sind entscheidend für die weitere Entwicklung des Landes. Beim «schwarzen Gold» kommt es darauf an, ob die OPEC ihre Produktionskürzungen über die Jahresmitte hinaus verlängern wird. Neben den bereits skizzierten aussenpolitischen Querelen mit dem Westen nimmt auch innenpolitisch der Gegenwind für Putin zu. Der oppositionelle Aktivist Alexej Nawalny mischt das Land derzeit auf und mobilisierte zuletzt die grössten Massenproteste seit 2012 – und dies kurz vor den 2018 anstehenden Präsidentschaftswahlen.

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