Smartwatches ebnen den Weg

Mitte September 2020 gab Fitbit bekannt, sowohl in den USA als auch in der EU die behördliche Genehmigung für seine EKG-App zur Beurteilung des Herzrhythmus bei Vorhofflimmern (AFib) erhalten zu haben. Laut Angaben des Spezialisten für Smartwatches und Fitness-Tracker seien weltweit mehr als 33.5 Millionen Menschen von dieser Krankheit betroffen. Eine frühzeitige Erkennung eines unregelmässigen Herzrhythmus ist besonders wichtig, da dieser beispielsweise für ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall spricht. Ähnliche Genehmigungen erhielten unlängst auch Apples Apps zur EKG-Aufzeichnung und Überwachung auf Vorhofflimmern. Darüber hinaus wartet die im Herbst 2020 vorgestellte Apple Watch Series 6 mit einer revolutionären Funktion zur Messung des Sauerstoffgehalts im Blut auf. Das passende Betriebssystem watchOS 7 bringt zudem eine Schlaferfassung oder die in Zeiten des Coronavirus sehr interessante automatische Erkennung des Händewaschens mit. In Zukunft dürften sich die für die Zulassung von medizinischen Produkten zuständigen Behörden immer häufiger mit solchen Hard- und Softwareprodukten beschäftigen.

Der technologische Fortschritt hält auch in der Medizin Einzug. Die zunehmende Digitalisierung sowie Bereiche wie das Internet der Dinge (IoT), Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) dürften immer mehr dazu eingesetzt werden, Krankheiten schneller zu erkennen oder besser zu behandeln. Die eingesetzten Technologien produzieren enorme Mengen an personalisierten Patientendaten, die irgendwie übertragen werden müssen. Erst mit Internetgeschwindigkeiten, die die Kommunikation von auch in Krankenhäusern immer häufiger eingesetzten Maschinen und Robotern in Echtzeit ermöglichen, lassen sich diese jedoch adäquat einsetzen. Eine solche Kommunikation ist insbesondere dann vonnöten, wenn Einsatzgebiete wie ferngesteuerte Operationen mithilfe von Robotern betrachtet werden. Schon heute ermöglicht der Da-Vinci-Chirurgieroboter Ärzten, minimal-invasive Eingriffe durchzuführen. Dies dürfte nur der Anfang sein.

Lösung des Problems

Es ist jedoch nicht nur der technologische Fortschritt, der den Bereich Smart Healthcare beflügelt. Weltweit haben Regierungen mit steigenden Kosten für ihr jeweiliges Gesundheitswesen zu kämpfen, die auf verschiedene Gründe zurückzuführen sind. Einer davon ist der medizinische Fortschritt. Pharmakonzerne gehen mit ihrer Wirkstoffforschung finanzielle Risiken ein. Entsprechend möchten sie entlohnt werden, wenn sie neue wirksame Medikamente auf den Markt bringen. Auch die demografische Entwicklung erhöht den Kostendruck auf die Gesundheitssysteme. Gemäss der Abteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UN DESA, United Nations Department of Economic and Social Affairs) wird geschätzt, dass die Weltbevölkerung von aktuell knapp 8 Milliarden Menschen auf etwa 10.2 Milliarden im Jahr 2060 ansteigen könnte. Gleichzeitig sorgen Trends wie der medizinische Fortschritt, eine gesündere Ernährung, der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer oder ein grösseres Gesundheitsbewusstsein dafür, dass die Menschen immer älter werden.

Angesichts der zunehmenden Herausforderungen für die Gesundheitssysteme liegt es auf der Hand, die Vorteile einer hochgradig digitalisierten Welt intelligent einzusetzen, um für eine Entlastung des Gesundheitswesens zu sorgen. Zumal die neuen Technologien auch dazu verwendet werden können, menschliche Fehlerquellen, die zum Beispiel aufgrund der Übermüdung des Klinikpersonals entstehen können, zu eliminieren.

Smart Healthcare kann auch anderen demografischen Trends entgegenwirken. In vielen Ländern wie Deutschland findet eine regelrechte Landflucht statt. Die Menschen zieht es in die Städte, weil dort die Aussicht auf einen interessanten und gut bezahlten Arbeitsplatz grösser ist und wesentlich mehr Freizeitaktivitäten als auf dem Land vorhanden sind. Dies bedeutet aber auch, dass die Anreize für Ärzte grösser werden, sich in der Stadt niederzulassen. In vielen ländlichen Gegenden lässt daher bereits heute die Abdeckung mit Hausärzten und vor allem mit Spezialisten zu wünschen übrig, während diese in den Städten zuhauf zu finden sind.

Einen Lösungsansatz für dieses Problem bietet die sogenannte Telemedizin, wobei eine räumliche und/oder zeitliche Trennung zwischen Patient und Arzt kein Hindernis mehr darstellt. Die Patienten können von ihren Ärzten mithilfe von Videokonferenzen selbst in den entlegensten Gegenden erreicht werden, was auch für die Gesundheitsversorgung in Schwellenländern zur Chance werden kann. Gleichzeitig muss sich ihre Diagnose nicht auf ihre optischen Eindrücke und das Gespräch mit dem Patienten beschränken. Vielmehr würden die Patienten mit modernsten Smartwatches und anderen Geräten ausgestattet, um den Ärzten verschiedene Daten vom Gewicht des Patienten bis zum Blutdruck zu liefern.

Eben dieses Thema ist derzeit besonders aktuell. In Zeiten einer weltweiten Pandemie wird auch die Gesundheitsversorgung auf eine harte Probe gestellt. Viele Vorsorgeuntersuchungen werden nicht wahrgenommen, weil Patienten sich sorgen, sich mit COVID-19 anzustecken, oder weil Krankenhäuser und Arztpraxen mit dem Ansturm von Patienten mit Infektionen nicht fertig werden. In den USA hat sich Telemedizin daher in kurzer Zeit enorm entwickelt. Es ist zu erwarten, dass andere Regionen schnell nachziehen werden und Telemedizin bei bestimmten Versorgungsangeboten zum Standard wird. Laut einer Analyse der Unternehmensberatung Accenture könnte in Zukunft jede Dritte Gesundheitsberatung zukünftig virtuelle stattfinden.

Eine Frage der Daten

Smart Healthcare bietet nicht nur eine kostengünstige Möglichkeit, die Bedürfnisse der Patienten zu erfüllen und den Druck auf die Gesundheitssysteme zu verringern, Smart Healthcare kann auch den Versicherungsgesellschaften dienen. Mithilfe der gesammelten Daten können die Versicherungsunternehmen Risiken für Patienten deutlich besser abschätzen. Doch muss in diesem Fall zunächst eine ethische Diskussion geführt werden. Denn es besteht die Gefahr, dass es eines Tages den gläsernen Versicherten gibt, dessen Verhalten von gewinnorientierten Versicherungskonzernen überwacht wird. Gesetzgeber und Regulierungsbehörden müssen daher klare Grenzen formulieren.

Der Versicherungsbranche geht es jedoch nicht nur darum, möglichst viele Daten zu sammeln und bestmöglich auszuwerten. Die Digitalisierung hält seit Jahren Einzug in der gesamten Finanzbranche. Bei den Versicherern werden technologiebezogene Themen unter dem Begriff InsurTech (engl. insurance technology) zusammengefasst. Versicherungsriesen wie Axa oder Allianz investieren in aufstrebende Start-Ups, die die Branche mit innovativen Ideen aufmischen. Insurtech-Unternehmen wie Oscar Health, Bright Health oder Clover Health haben es sich in den USA zur Aufgabe gemacht, dass ineffiziente und komplizierte US-Gesundheitssystem für Patienten zugänglicher und intuitiver zu gestalten. Obwohl diese Unternehmen noch nicht an der Börse notiert sind, weisen sie bereits alle den «Unicorn»-Status auf, was eine Unternehmensbewertung von über einer Milliarde US-Dollar impliziert.

Interessantes Investmentthema

Neben der Versicherungsbranche haben Unternehmen aus vielen anderen Industrien die sich bietenden Möglichkeiten im Bereich Smart Healthcare erkannt. Entsprechend wird dieses Thema auch in der Anlegergemeinde heiss diskutiert. Zu den offensichtlichen Profiteuren dieses Trends gehören Unternehmen wie Apple oder Xiaomi. Schliesslich stellen diese die für die Messung verschiedener Körperwerte benötigten Smartwatches und Fitness-Tracker zur Verfügung. Gleichzeitig bietet sich Datenanalysefirmen ein immer breiteres Betätigungsfeld. Denn angesichts von Zukunftstechnologien wie Big Data, IoT oder KI müssen immer mehr Daten gesammelt und ausgewertet werden. Ein Beispiel ist das KI-Unternehmen Nuance, welches eine Software für Dokumentationsprozesse für das Praxismanagement anbietet. Die Nuance Software hilft medizinischem Personal administrative Aufgaben effizienter zu erledigen um den maximalen Fokus auf die Patientenversorgung zu richten. In der Teledmedizin strömen neben dem Branchenprimus Teladoc zuletzt weitere interessante Unternehmen an den Markt.

Smart Healthcare ist ausserdem auch in der Pharma- und Biotech-Industrie im Einsatz. Technologie hilft in diesem Bereich bei der schnelleren Erforschung neuartiger Wirkstoffe und bei der effizienteren Gestaltung klinischer Studien. Das Human-Data-Science Unternehmen IQVIA hilft Wirkstoffherstellern dabei, Patientendaten für klinische Studien zu strukturieren. Auch Medizintechnikkonzerne wie Philips oder der Herzschrittmacher-Spezialist Medtronic sind von der Partie. Sie entwickeln unter anderem immer bessere bildgestützte Therapien, die Bereiche wie die Bildgebung/Diagnostik mit den Bereichen Robotik und Software zur Durchführung minimal-invasiver Operationen kombinieren.

Fazit

Die Digitalisierung schreitet voran. Angesichts von Lockdowns und Quarantäne hat ihr COVID-19 sogar einen wichtigen Schub versetzt. Auch im Gesundheitswesen werden immer mehr Bereiche vom technologischen Fortschritt erfasst. Während einige die Sorge haben dürften, dass die vielen Patientendaten missbraucht werden könnten, hat der Bereich Smart Healthcare auch das Potenzial, die angesichts des demografischen Wandels und steigender Kosten stark unter Druck geratenen Gesundheitssysteme überall auf der Welt zu entlasten. Die Profiteure des Smart-Healthcare-Trends kommen aus verschiedenen Bereichen wie der Medizintechnik, der Pharma- und Biotechnologie oder Datenanalyse. Sie sind aber natürlich auch unter den Hard- und Softwareunternehmen zu finden. Kein Wunder also, dass Smart Healthcare auch an den Finanzmärkten zu den wichtigsten Megatrends gezählt wird.

Advertisement

 

Diese Publikation entspricht Marketingmaterial gemäss Art. 68 des Schweizer FIDLEG und dient ausschliesslich zu Informationszwecken. Diese Publikation ist nicht für Personen bestimmt, die einem Gerichtsstand unterstehen, der die Verbreitung dieser Publikation bzw. der darin enthaltenen Informationen einschränkt oder untersagt. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr. ©Bank Vontobel AG. Alle Rechte vorbehalten

Die Angaben in diesem Artikel stellen weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung zur Beanspruchung einer Dienstleistung, zum Kauf oder Verkauf einer Anlage, zur Teilnahme an einer spezifischen Handelsstrategie oder zum Abschluss einer anderen Transaktion dar. Die Erbringung der in diesem Artikel beschriebenen Dienstleistungen richtet sich ausschliesslich nach dem mit dem Anleger abgeschlossenen Vertrag. Die hierin enthaltenen Angaben und Ansichten dienen ausschliesslich Informationszwecken und tragen keinen individuellen Anlagezielen, Finanzverhältnissen oder Bedürfnissen Rechnung. Zudem können Inhalt, Umfang und Preise der Dienstleistungen und Produkte nach Anleger und/oder aufgrund rechtlicher Einschränkungen unterschiedlich ausgestaltet sein und jederzeit geändert werden