Ungleichheit und Wachstum

Was steckt hinter dem merkwürdigen Phänomen von gleichzeitig weniger Wachstum und weniger Gleichheit? Kann das Wachstum auch verlangsamt werden, weil zu viel Ungleichheit herrscht?
06.05.2014 12:37
Thomas Rose, Head Investments & Risk Management UBS Funds, UBS Global Asset Management

In der Aufarbeitung der Finanzkrise erheischt das Thema Ungleichheit grosse Aufmerksamkeit. Forderungen nach mehr Gleichheit und das Debattieren über das optimale Ausmass an Verschiedenheit prägten bereits die Streitgespräche der griechischen Philosophen und Platon's Ethik. Die Forderung, der zunehmenden Ungleichheit nicht tatenlos zuzusehen, wurde soeben vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erhoben. Die IWF-Ökonomen verlieren sich nicht in abgedroschenen Klassenkampf-Kategorien, sondern argumentieren mit sehr relevanten wirtschaftlichen Grössen: Die Ungleichheit schade dem Wirtschaftswachstum. Welche Elemente unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und welche politischen Prozesse bewirken, dass wir das merkwürdige Phänomen von gleichzeitig weniger Wachstum und weniger Gleichheit beobachten?

Die Einschätzung, dass zu viel Ungleichheit wachstumshemmend ist, bedeutet einen Bruch mit dem, was Ökonomen bisher mehrheitlich vertraten: Umverteilung gilt als Gift für Anreize zu besonderen Leistungen und wer versucht, zu viel umzuverteilen, entzieht der Wirtschaft das dynamische Lebenselixier; weil sich die besten weniger anstrengen, sinkt die Wirtschaftsleistung und es geht allen schlechter. Kann umgekehrt das Wachstum auch verlangsamt werden, weil zu viel Ungleichheit herrscht?

Der Internationale Währungsfonds ist 1944 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet worden, um über eine Institution zu verfügen, welche in Krisenzeiten ausufernde Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft bekämpfen kann. Es dürfte kein Zufall sein, dass die grösste Wirtschaftskrise seit drei Generationen die Wirtschaftswissenschaft in den Grundfesten erschüttert und gerade jetzt Dogmen und bisherige Gewissheiten des Fachs einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

Rückkehr einer alten Bekannten

Thomas Piketty, Professor an der Paris School of Economics, legte mit dem Buch "Capital in the Twenty-First Century" ein Meisterwerk vor. Aufgrund umfassender Datensätze zeigt er darin auf, indem der die empirischen Fakten präsentiert, dass die Ungleichheit, gemessen an der Vermögenskonzentration der reichsten Bevölkerungsschicht (1%), wieder einen Spitzenwert erreicht hat. Dieser Spitzenwert ist keineswegs neu, die Ungleichheit hatte bereits in der Belle Epoque in Frankreich und im Gilded Age in Amerika Ende des 19. Jahrhunderts ein ähnliches Ausmass erreicht.

Piketty skizziert ein Theorie, welche die Treiber des Wirtschaftswachstums und der Verteilung von Einkommen und Vermögen einheitlich betrachtet. Warum ist die Vermögenskonzentration der Belle Epoque zurück? Piketty unterscheidet die Wachstumsrate des Kapitals (r) und die Wachstumsrate der gesamten Wirtschaft (g). In herkömmlichen Wachstumsmodellen sind Arbeit, Kapital und technologischer Fortschritt Produktionsfaktoren. Verändert sich die relative Bedeutung dieser Faktoren nicht, so bleibt der Anteil jedes Faktors am Gesamteinkommen gleich und die Ungleichheit bleibt stabil.

Piketty legt dar, dass mit dem Übergang zu tieferen Wachstumsraten (g) ab 1970 auch r, die Entschädigung der Kapitalgeber, gesunken ist. Weil g aber stärker sank als r, kam es anhand der gezeigten empirischen Daten zur einer Umverteilung des Einkommens weg von Arbeit und hin zu Kapital!

Eine solche Umverteilung ist nicht zwingend und kann je nach Wachstumsphase, demographischen Entwicklungen und technologischem Fortschritt auch anders ausfallen. Bisher sind Ökonomen davon ausgegangen, dass die Einkommensanteile von Arbeit und Kapital über einen längeren Zyklus stabil seien. Piketty bestreitet dies und sagt bis 2050 einen steigenden Einkommensanteil des Kapitals voraus. Trifft seine These zu, so wird auch die Ungleichheit steigen, weil Kapitalbesitz bereits jetzt ungleicher verteilt ist als die Arbeitseinkommen.

Der Kernpunkt von Piketty's Buch ist die These, dass die Ungleichheit ein Ausmass wie bereits am Ende des 19. Jahrhunderts erreicht hat und, damit einhergehend, wir zu einem patriarchischen Kapitalismus driften, bei welchem die Schaltstellen der Wirtschaft nicht von den Fähigsten geleitet werden, sondern von Familiendynastien. In einem solchen System ist die Kapitalallokation suboptimal und die Wirtschaft kann das mögliche Wachstumspotential nicht voll ausschöpfen.

Was während der Belle Epoque galt: "Unequal ownership of assets, not unequal pay, was the prime driver of income disparities", sagt Piketty auch in Zukunft voraus. Wird der sich selbst verstärkenden Spirale zu mehr Ungleichheit nicht Einhalt geboten, so dürfte mit tieferen zukünftigen Wachstumsraten zu rechnen sein.  Doch Piketty gibt sich kämpferisch. Er ist überzeugt, dass ein Abdriften zur Oligarchie vermieden werden kann, falls man die Steuerpolitik anpasst. Die meisten Steuersysteme fokussieren auf Einkommen, und das Vermögen wird in der Regel nur gering belastet. Die Quelle der steigenden Einkommens-Ungleichheit sind wie gezeigt jedoch die (sehr grossen) Vermögen. Eine massvolle progressive Vermögensteuer kann verhindern, dass Kapital in Zukunft ungleicher verteilt sein wird als heute.

Blindes Kapital und Sicherheitsnetze

Ungleichheit war kein unmittelbarer Auslöser der Finanzkrise. Die etwas weniger komplexen Verhaltensmuster, welche in der Vergangenheit zu Finanzkrisen führten, dürften die Menschen auch in Zukunft begleiten. Bereits 1860 postulierte Walter Bagehot, dass Finanzkrisen mit "blindem Kapital" einhergehen. Investoren investieren, geblendet von der Aussicht auf einen raschen Gewinn, ohne genau zu prüfen, wohin ihr Geld fliesst. Ebenfalls seit der ersten globalen Finanzkrise 1857 weiss man, dass ein vermeintliches Sicherheitsnetz Investoren verleiten kann, zu viele Risiken anzuhäufen. Damals investieren Investoren aus Grossbritannien im grossen Stil in US-Wertpapiere, insbesondere US-Eisenbahngesellschaften, und vertrauten dazu ihr Geld Investitionsgesellschaften an. Diese Gesellschaften reduzierten ihre Eigenkapitalquoten auf ein Minimum. Die Annahme, jederzeit bei der Bank of England Zugang zu Krediten zu haben, erwies sich als trügerisch. Als die Bank of England 1858 ihre Kreditpolitik anpasste und den Investitionsgesellschaften den Kredithahn zudrehte, verschärfte sich die Lage. Nachdem es 1857 bereits in Amerika zu Bank Runs gekommen war und sich die Krise über den Atlantik nach Grossbritannien ausbereitet hatte, fungierten die Investitionsgesellschaften ab 1858 als Brandbeschleuniger der Krise. Alle waren gleich positioniert. Alle wähnten sich in einer Scheinsicherheit, und als die Kurse der von ihnen gehaltenen Aktien ins Wanken gerieten, kam der Zusammenbruch.

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