Wenn Anormales lukrativ wird

Erfolgreiche und kluge Investoren sind stets auf der Suche nach Anomalien. Das sind begrenzte Zeiträume, in denen ein Vermögenswert entweder zu günstig oder zu teuer ist. Dadurch zahlt sich ein Kauf oder Verkauf aus. Solche Gelegenheiten gibt es bei Schwellenländer-Anleihen zuhauf.
15.12.2014 14:15
Siddharth Dahiya, Head of Emerging Market Corporate Debt, Aberdeen Asset Management

In der Welt des automatisierten Handels sind die Zeiträume für Anomalien häufig kürzer als ein Wimpernschlag. Jedoch weisen Unternehmensobligationen aus Schwellenländern eine ungewöhnliche und spezielle Anomalie auf: Die Chance ist bei gleichem Risikoniveau höher als Industriestaaten, eine stetige Rendite mit Obligationen zu erzielen.

Wenn Investment Grade-Kreditpapiere aus Schwellenländern in US-Dollar emittiert wurden, boten diese in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt rund 0,8 Prozentpunkte mehr Rendite als US-Bonds der gleichen Kategorie. Im High Yield-Segment war dieser Wert im Durchschnitt fast doppelt so hoch – die Überrendite lag etwas über 1,5 Prozentpunkten.

Der Grund für Anomalien

Es gibt die Vorstellung, dass Schwellenländerinvestments aufgrund der Währungskrisen immer etwas gefährlicher sind. Dabei - seien wir ehrlich – treten nur sie in einigen wenigen Schwellenländern und nur sehr selten auf. Die Befürchtungen bieten Investoren hervorragende Chancen, wenn sie gründliches Research der einzelnen Unternehmen vornehmen. Die Neigung „fauler“ Anleger zur Verallgemeinerung ist für clevere Investoren ein gefundenes Fressen.

Unternehmensobligationen aus Schwellenländern bieten dank ihrer Vielfalt und gut durchdachten Anlagen den Investoren einmalige Chancen zur Diversifikation. Hinzu kommt die Senkung des Gesamtrisikos des Portfolios, da sich die verschiedenen Risiken gegenseitig ausbalancieren. Interessant ist, dass etliche Schwellenländer wie Brasilien, Mexiko und die Vereinige Arabischen Emirate entweder Leistungsbilanzdefizite haben, mit denen sie sehr gut leben können, oder sogar direkte Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen. Auch wenn manche Länder durch die Auswirkungen der US-Geldpolitik auf ihre Leistungsbilanz einen Finanzschock erleiden, können ihre exportorientierten Unternehmen davon profitieren. Die Waren, die diese Unternehmen im Ausland verkaufen, werden meist in US-Dollar fakturiert. So erzielen sie stabile Umsätze in der Währung, auf die ihre Couponszahlungen lauten.

Aktien statt Bonds kaufen?

Die Renditen von Aktien aus Schwellenländern sind hoch und lagen im letzten Jahrzehnt bei durchschnittlich über 10 Prozent. Die Kehrseite der Medaille ist die hohe Volatilität, deren annualisierter Durchschnitt fast 25 Prozent beträgt. Zum Vergleich: Unternehmensobligationen aus Schwellenländern bieten Renditen von durchschnittlich 7 Prozent bei einer Volatilität von unter 10 Prozent.

Dank der verstärkten Anlagetätigkeit grosser internationaler institutioneller Investoren werden die Kurse durch die höhere Nachfrage anziehen und die Renditen sinken. Damit dürfte sich auch der Schwellenländer-Abschlag verringern. Dies ist für Investoren erfreulich, die bereits in Schwellenländerobligationen engagiert sind. Getreu dem Sprichwort „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ist das Beste an jeder Anomalie der Zeitpunkt, zu dem alle anderen begreifen, dass es sich um eine Anomalie handelt. Dadurch werden die Preise der „anormalen“ Anlagen in die Höhe getrieben und die frühen Investoren können mit ihren Gewinnen wieder aussteigen.