Wie die Nachhaltigkeit ins Gesundheitsportfolio gelangt

Der Gesundheitsfonds mit Fokus auf Nachhaltigkeit basiert auf dem Adamant Global Healthcare Index. Für die Bewertung wird ein unabhängiges Analysehaus beigezogen.
15.11.2019 16:45
Samuel Stursberg, Portfoliomanager Healthcare bei Bellevue Asset Management AG.

Seit 2018 bietet Bellevue den ersten Gesundheitsfonds mit Fokus auf Nachhaltigkeit an. Das Produkt basiert auf dem bereits seit 2007 erfolgreich geführten Adamant Global Healthcare Index, der aus einem Investmentuniversum von 600 Gesundheitsfirmen die 40 attraktivsten Werte (jeweils 10 pro Region) aus den Regionen Westeuropa, Nordamerika, Japan, Ozeanien und den Emerging Markets in einem Portfolio zusammenfasst. Der BB Adamant Sustainable Healthcare Fonds bedient sich der gleichen Methodologie, es wird jedoch zusätzlich ein Nachhaltigkeitsfilter berücksichtigt, der das Investmentuniversum auf rund unter 300 investierbare Unternehmen reduziert. Für die Bewertung der Nachhaltigkeit wird die Expertise des unabhängigen Analysehauses Sustainalytics mit Sitz in Amsterdam beigezogen.

Es kann vorkommen, dass attraktive Unternehmen mit Wachstumspotenzial aufgrund der strengen Nachhaltigkeitskriterien nicht ins Portfolio aufgenommen werden. Um in das Fondsportfolio zu gelangen, müssen die Unternehmen mehrere Kriterien erfüllen: Sie sollten zu den Nachhaltigkeitsvorreitern ihrer Branche zählen (Best-in-Class-Ansatz), keine schwerwiegenden ESG-relevanten Verstösse vorweisen und die zehn Prinzipien des UN Global Compact einhalten. Bei kontroversen Geschäftsfeldern und -praktiken sind für die Aufnahme Ertragsschwellen definiert. Die Ergebnisse der Anwendung zeigen, dass etwa 40-50% der Titel den strengen Nachhaltigkeitsanforderungen genügen. Anschliessend wird die bewährte Faktorenanalyse nach vier quantitativen und vier qualitativen Parametern durchgeführt. Ziel ist die Selektion von Firmen, die günstig bewertet und wachstumsstark sind sowie eine aussergewöhnliche Wettbewerbsposition innehaben, um ihre führende Stellung auch zukünftig behaupten zu können.

Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern ist das Ziel Nummer 3 der UN Sustainable Development Goals. Oftmals können nur durch den gezielten Einsatz von Medikamenten Krankheiten verhindert oder behandelt werden und somit führt kein Weg an der pharmazeutischen Industrie vorbei. In keinem Land der Welt dürfen heute Medikamente ohne vorherigen Tierversuche zugelassen werden. Allerdings gibt es die Frage zu klären, inwieweit Tierversuche reduziert, verfeinert oder gar ganz weggelassen werden können, in dem zum Beispiel Computermodelle oder Zell-und Gewebekulturen angewendet werden. Viele Pharma-Unternehmen orientieren sich heute an dem sogenannten ethischen 3R-Prinzip (Replacement, Reduction, Refinement), womit der Verhältnismässigkeit im Einsatz von Tierversuchen Rechnung getragen wird. Ein klarer Schnitt im nachhaltigen Investmentprozess kann etwa bei Firmen gezogen werden, die Tierversuche in Bezug auf kosmetische Anwendungen wie beispielsweise im Botox-Bereich durchführen. Solche Unternehmen werden im Rahmen unseres Auswahlprozesses ausgeschlossen. Firmen, die den Stand ihrer ESG-Aktivitäten in Form von Nachhaltigkeitsberichten (Corporate Social Reports) nicht offenlegen erhalten per se ein tiefes ESG Rating und können als «Nachzügler» im Rahmen des Best-in-Class-Ansatzes nicht aufgenommen werden.

Nachhaltigkeit spielt bei der künftigen Gesundheitsversorgung eine Schlüsselrolle

Die Überalterung der Gesellschaften gewinnt mit der steigenden Lebenserwartung sowohl in Schwellen- als auch Entwicklungsländer an Bedeutung. Zugleich nehmen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Arthritis rapide zu. Zusammen mit Erkrankungen wie Krebs oder Alzheimer, für die bislang nur unzureichende oder keine Behandlungsmöglichkeiten existieren, erhöhen sie den Kostendruck auf Medikamentenentwickler, Spitäler und Versicherer. Eine Trendwende kann nur dann gelingen, wenn alle Beteiligten daran arbeiten, die vorhandenen finanziellen Mittel in eine effizientere Versorgung zu kanalisieren – nach dem Motto: «Eine gesunde Bevölkerung kostet weniger als eine mit immer mehr Kranken».

In der Praxis bedeutet das: Innovationen müssen den medizinischen Nutzen wie auch die kosten- und ressourcenschonende Anwendung im Blick haben. Mit dem Erfolg der personalisierten Medizin im Sinne einer zielgerichteten Wirkung von Arzneien ist hier zuletzt in der Krebsmedizin und der Gentherapie ein Durchbruch gelungen. In der Medizintechnik gilt unser Augenmerk zum einen den neuen Verfahren in der Diagnostik oder der digitalen Datenanalyse, mit denen sich Krankheiten früh erkennen oder gar vorbeugen lassen. Zum anderen setzen wir auf effiziente Behandlungsmethoden wie Operationsroboter oder digitale Biopsiegeräte. Weil Vorbeugen immer besser als Heilen ist, bildet die Präventionsmedizin einen der grössten Zukunftsmärkte im Gesundheitswesen. Neue Impfstoffe gegen eine Vielzahl von Infektionskrankheiten zählen dazu, aber auch Vorsorgeuntersuchungen, um über Bluttests Krebs oder HIV zu erkennen. Ein weiteres zentrales Thema, gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit, ist eine auch für einkommensschwache Personen bezahlbare Gesundheitsversorgung. So führen Gesundheitsfirmen in Entwicklungsländern diverse Access-Programme durch, um den Zugang zu ihren wichtigsten 2 Medikamenten sicherzustellen. Mit der Abgabe von kostengünstigen Arzneimitteln an Patienten sollen chronische Krankheiten wie beispielsweise Infektionskrankheiten behandelt werden, die von der Weltorganisation (WHO) als dringlich eingestuft werden. Damit verbunden ist auch die Frage, welche Preispolitik die Firmen beim Verkauf ihrer Produkte verfolgen. In diesem Kontext bietet der flächendeckende Zugang für Generika und Biosimilars erhebliches Einsparpotenzial, aber auch eine bislang noch wenig genutzte Opportunität.

Nachhaltige Gesundheitssysteme zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie neue Dienstleistungen anbieten, die vermehrt die Menschen direkt einbinden. Die Telemedizin eröffnet hier Möglichkeiten zur individuellen internetbasierten Ferndiagnostik bei weniger schweren Krankheitsfällen. Um die Kosten besser zu kontrollieren, werden die Versicherer selbst einzelne medizinische Leistungen anbieten. Die Kliniken wiederum können dadurch entlastet werden, indem mehr private Anbieter mehr Leistungen für die häusliche Krankenbetreuung anbieten.