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Meine Vorhersage: Die Prognosen der Wirtschaftsexperten für 2016 werden wahrscheinlich genauso korrekt oder falsch sein wie für 2015.
04.12.2015 12:07
Lucy O’Carroll, Chefvolkswirtin - Investment Solutions, Aberdeen Asset Management

Wenn man die Konsensmeinung vom Jahresbeginn mit dem derzeitigen Stand vergleicht, so ist festzustellen, dass die Wachstumserwartungen für die Weltwirtschaft nach unten korrigiert wurden, während die Inflation in den Industrieländern deutlich unter der Prognose liegt – und all dies, trotz unvorhersehbarer Anreize bestimmter Zentralbanken (in der Eurozone und in China) und anhaltend niedriger Zinsen (in den USA und in Grossbritannien).

Ausserdem befanden sich einige der Ereignisse, die die Weltwirtschaft 2015 geprägt haben und sie auch in den kommenden Jahren noch beeinflussen könnten, nicht einmal auf dem Radar der meisten Ökonomen. Dazu gehören der Verfall der Rohstoffpreise und der gigantische Flüchtlingsstrom aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern nach Europa.

Dieses Phänomen ist nicht neu: Die Zuverlässigkeit der Zukunftsprognosen von Wirtschaftswissenschaftlern ist in etwa mit derjenigen von Meteorologen und Wahrsagern vergleichbar. Und dennoch: Wie nach diesen Berufen gibt es auch eine Nachfrage nach den Diensten von Wirtschaftsexperten – Unternehmen benötigen diese Prognosen für die Aufstellung strategischer Pläne, Zentralbanken für die Steuerung von Inflationszielen und Investoren für die Suche nach Anlagemöglichkeiten. Warum tun wir uns mit der Vorhersage der Zukunft bloss so schwer, zumal die Erkennung eines Problems doch schon der erste Schritt zu seiner Lösung ist? Und zu welchen Prognosen für 2016 führt uns diese ernüchternde Selbsterkenntnis?

In einer Welt voller Unsicherheit sind Prognosefehler unvermeidlich. Prognosen können durch wiederkehrende Ereignisse wie Schwankungen des Ölangebots, gute oder schlechte Ernten oder auch politische Entwicklungen, die nicht vorhersehbar sind, relativiert oder nach oben oder unten korrigiert werden. Projektionen können aufgrund technischer Fehler daneben liegen. Dies ist der Fall, wenn Prognosemodelle Variablen unberücksichtigt lassen, die letztendlich aber einen starken Einfluss auf das Verhalten der Wirtschaftsteilnehmer ausüben.

Mit der Zeit lernen wir hoffentlich aus solchen Fehlern und verbessern unsere Prognosegenauigkeit. Den britischen Meteorologen ist dies nach den übrigens nicht vorhergesagten Stürmen von Oktober 1987 tatsächlich gelungen. Andere Fehlerquellen bei Prognosen sind erheblich schwerer auszumerzen, weil sie per definitionem schwieriger zu erkennen und zu analysieren sind. Dazu gehören die Black Swans (Schwarze Schwäne) von Nassim Nicholas Taleb – Zufallsereignisse, die unvorhergesehenen und strukturellen Brüchen von Beziehungen entsprechen, die zuvor als konstant betrachtet wurden, wie beispielsweise die Relation zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnkosteninflation.

Da Wirtschaftsexperten aber nicht der einzige Berufsstand sind, dessen Prognosen regelmässig die Realität verfehlen, liegt die Frage nahe, ob dies möglicherweise auf bestimmte gängige Verhaltensmuster, die den trockenen technischen Erklärungen zugrundeliegen, zurückzuführen ist. Eine Möglichkeit ist das übermässige Vertrauen in unsere eigenen Prognosefähigkeiten. Wie Ben Broadbent, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses (MPC) der Bank of England kommentierte, zeigen Experimente, dass Menschen, die sich zu 100 Prozent sicher sind, dass ein Ereignis eintritt, im Durchschnitt nur in 70 bis 80 Prozent der Fälle Recht haben. Auffällig ist ferner die Tendenz, im Nachhinein die Eintrittswahrscheinlichkeit, die bestimmten eingetretenen Ereignissen beigemessen wurde, zu hoch anzusetzen, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht eintreten, zu niedrig anzusetzen. Hierbei handelt es sich um eine Variante des Stopped Clock-Phänomens (Phänomen der stehen gebliebenen Uhr): Selbst eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Uhrzeit an.

So hat selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) angemerkt, dass Wirtschaftsexperten trotz jahrelanger Ausübung ihrer kläglichen Kunst übertrieben optimistisch an die Zukunft herangehen – wie sonst hätten sie beispielsweise die Wachstumsraten im Zeitraum von 1990 bis 2007 so systematisch überschätzt? Der IWF vermutet, dass dieser Wesenszug mit der natürlichen Auswahl zu tun hat: Ungeachtet aller Widrigkeiten leben wir noch, also wird gefeiert!

Wenn wir dies also aus den genannten Gründen tun, dann liegt der nächste Schritt in der Korrektur unserer Neigungen oder aber zumindest im Versuch einer Berichtigung. Tatsächlich haben sich Wirtschaftsexperten in der Vergangenheit nicht nur auf zentrale Prognosen, sondern auch auf die damit einher gehenden Risiken konzentriert, aber eben eher nach globalen Finanzkrisen. Unternehmen, Zentralbanken und Investoren können dann überprüfen, wie gut sich das Unternehmen, die Geldpolitik und Anlagestrategien in Szenarien jenseits des Basisszenarios entwickeln. Und da Studien zufolge einige Berufsstände ihre Prognosefähigkeit realistischer einschätzen als andere – Meteorologen schneiden offensichtlich besser ab als Ärzte – , könnte das regelmässige Feedback von Nutzern über die Prognose- und Szenariogenauigkeit ebenfalls einen positiven Rückkopplungseffekt bewirken.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen: Wie sieht es für die Weltwirtschaft 2016 aus? Erstens halten Zentralbanken acht Jahre nach der Finanzkrise offenbar immer noch an der Ansicht fest, dass sich das Risiko, zu wenig zu tun, und das Risiko, zu viel zu tun, die Waage halten. In diesem Umfeld werden die Zinsen weiter auf niedrigem Niveau oszillieren, zusätzliche geldpolitische Anreize sind daher denkbar. Zweitens ist ein regelrechter Währungskrieg zwar unwahrscheinlich, da alle Beteiligten nur verlieren können, aber ein Währungskrieg durch Zermürbung steht auf einem anderen Blatt. Letztendlich wird die Geschichte neu geschrieben werden. Wachstumsschätzungen werden häufig korrigiert, da die Statistikbehörden laufend neue Informationen erhalten. Diese Revisionen können beträchtlich sein – und wie im Falle von Grossbritannien so deutlich ausfallen, dass die ursprünglich prognostizierte Double-Dip-Rezession nach der globalen Finanzkrise vom Tisch war. Dies bleibt nicht ohne Folgen, denn es verändert unsere Beurteilung der Verfassung der Weltwirtschaft genauso wie die Einschätzung der Zentralbanken. Es überrascht somit kaum, dass Wirtschaftsprognosen so oft daneben liegen: Es ist kein Leichtes, fundierte Mutmassungen über den Kurs der Weltwirtschaft anzustellen, wenn man nicht einmal genau weiss, worauf ihre bisherige Entwicklung fusst.