Kolumne

«1:12» und Lohngrenzen im Sport

In einigen Profi-Sportligen existiert schon lange eine Gehaltsobergrenze, die unter gewissen Umständen überschritten werden darf. Die 1:12-Initiianten hätten sich da einiges abschauen können.
18.11.2013 00:55
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
«1:12» und Lohngrenzen im Sport
Bild: ZVG

Am Sonntag wird in der Schweiz über die 1:12-Initiative abgestimmt. Falls die Initiative angenommen wird, darf künftig innerhalb jedes Unternehmens der höchste Lohn das Zwölffache des tiefsten Lohnes nicht übersteigen. Die Befürworter versprechen sich durch diesen Lohndeckel mehr Lohngerechtigkeit, während die Gegner grössere Einbussen bei den lohnabhängigen Sozialbeiträgen und bei der Attraktivität des Wirtschaftsstandortes befürchten.

Da es für die Lohngerechtigkeit keine allgemein anerkannten Standards gibt, können die Befürworter nicht schlüssig darlegen, wieso der gerechte Lohnunterschied zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Lohn bei "1:12" liegen soll. Vielmehr stützen sie ihre Argumente vor allem auf das subjektive Gerechtigkeitsempfinden. Weite Teile der Bevölkerung empfinden allzu grosse Lohnunterschiede als ungerecht. Insofern wäre die angestrebte Lohnbegrenzung ein Beitrag, um den sozialen Frieden zu sichern. Diesen Vorteil  können die Befürworter jedoch nicht ökonomisch beziffern.

Demgegenüber legen die Gegner konkrete Berechnungen vor. Laut einer Studie der Universität St. Gallen im Auftrag des Gewerbeverbandes drohen bei einer Annahme der Initiative je nach zugrundegelegtem Szenario unterschiedlich hohe Einbussen. Im ungünstigsten Fall betragen sie 2.5 Milliarden bei der AHV und 1.6 Milliarden bei der direkten Bundessteuer. Im günstigsten Fall wäre nur die direkte Bundessteuer mit einem Minus von 250 Millionen betroffen.

Laut einer unabhängigen Studie, die von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich durchgeführt wurde, wären von der Initiative zwischen 1000 und 1300 Unternehmen und rund 4400 Spitzenverdiener betroffen. Aufgrund mangelnder Erfahrungen mit Lohnobergrenzen kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass derzeit keine verlässlichen Aussagen über die ökonomischen Auswirkungen der Initiative gemacht werden können.

Diese Feststellung ist allerdings nur bedingt richtig. Im professionellen Teamsport gibt es eine Reihe von Ligen, die über umfangreiche Erfahrungen mit Gehaltsobergrenzen verfügen. Hierzu gehören beispielsweise die englischen, französischen und walisischen Rugbyligen, nahezu alle australischen und neuseeländischen Profilligen, die europäisch-asiatische Kontinental Hockey League sowie die grossen nordamerikanischen Profilligen NHL, NFL und NBA.

Obwohl die Salary Caps im Profisport die Begrenzung von Spitzensalären im teilweise zweistelligen Millionenbereich zur Folge haben, liegt ihr Zweck nicht darin, eine wie auch immer definierte Lohngerechtigkeit zu gewährleisten. Vielmehr wurden die Salary Caps im Profisport eingeführt, um zwei ganz andere Ziele zu erreichen.
Erstens sollen die Obergrenzen verhindern, dass die Leistungsunterschiede zwischen den Teams zu gross werden. Deshalb sind die Caps auch vorrangig als Obergrenze für das gesamte Salärbudget des Klubs definiert.

Beispielsweise darf diese Saison kein NFL-Team mehr als 123 Millionen Dollar für Spielersaläre ausgeben. Hiermit soll verhindert werden, dass reiche Teams die besten Spieler verpflichten und damit sportlich zu überlegen werden. Zweitens sollen die Caps sicherstellen, dass die Klubs profitabel bleiben und nicht in eine Rüstungsspirale geraten, in der sie den besten Spielern immer höhere Saläre offerieren, um sie von der Konkurrenz abzuwerben und anschliessend mit ihnen die Meisterschaft zu gewinnen.

Die Salary Caps sind auch nicht das Ergebnis staatlicher Regulierung, sondern wurden im Rahmen von Tarifverhandlungen zwischen Vertretern der Klubbesitzer und der Spielergewerkschaft ausgehandelt. Dies zeigt, dass Lohnbegrenzungen dort, wo sie insgesamt vorteilhaft sind, freiwillig entstehen. Staatlicher Zwang birgt hingegen die Gefahr, dass Pauschalregelungen flächendeckend vorgeschrieben werden und zwar auch dort, wo sie ineffizient sind.

Trotz der Salary Caps gibt es innerhalb der einzelnen Teams zum Teil beträchtliche Lohnunterschiede, die weit über die 1:12-Grenze hinausgehen. Beispielsweise verdient Kevin Durant von dem Oklahoma City Thunder diese Saison knapp $ 19 Millionen, während das niedrigste Salär in diesem Team bei $ 740 000 liegt. Diese Zahlen zeigen, dass es auch im Profisport um echte Spitzensaläre in Grössenordnungen geht, die von den Befürwortern der 1:12-Initiative kritisiert werden.

In einer Reihe von Fällen sehen die Salary Cap Regelungen einzelner Ligen auch Ausnahmen vor. Beispielsweise darf die Lohnobergrenze in der Basketballliga NBA unter gewissen Voraussetzungen überschritten werden. Allerdings muss jeder Klub, der die Obergrenze überschreitet, eine sogenannte Luxussteuer bezahlen, die wiederum an die anderen Klubs verteilt wird. Diese Luxussteuer kommt vor allem wirtschaftlich schwächeren Klubs zu gute und fördert die wirtschaftliche und sportliche Ausgeglichenheit innerhalb der Liga.

In den meisten anderen Branchen ist jedoch Ausgeglichenheit kein primäres Ziel. Vielmehr sollen sich im Wettbewerb die effizienten Unternehmen durchsetzen. Da die Befürworter der 1:12-Initiative in erster Linie das soziale Gefälle  verringern wollen, stellt sich die Frage, ob ein direkter Eingriff in das komplexe marktwirtschaftliche Lohngefüge hierfür das geeignete Instrument ist. Aus ökonomischer Sicht erscheint das Steuersystem hierfür der bessere Mechanismus zu sein.

 

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.