Kolumne

Apps! No Cash!

Nur das Bare ist das Wahre. Heisst es seit Jahrhunderten. Krösus, der König der Lydier, würde auch heute noch zustimmen, nach immerhin zweieinhalb Jahrtausenden. Nicht so die Internationale der Notenbanken.
11.09.2016 18:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
Asienkorrespondent, Kolumnist (Juli 2009)
Asienkorrespondent, Kolumnist (Juli 2009)
Bild: ZVG

Ins Neudeutsche übertragen heisst das wahre Bare bekanntlich: Cash-as-Cash-can. Bald nicht mehr allerdings, wenn die Unkenrufe von Finanzministern, Notenbankern und assortierten Finanzexperten zum Nennwert genommen werden. Gemach, gemach! Vorerst gilt Abwarten und Grüntee trinken.

Die 500er-Euroscheine sollen abgeschafft werden. Begründung: Steuerhinterziehern, Drogenbaronen, Islamisten und weiteren Kriminellen des organisierten Verbrechens soll das Handwerk gelegt werden. Wie wenn jene, die bislang mit 500ern die Steuer und sämtliche Gesetze umgangen haben, nicht andere Wege finden würden. Eine erste Propagandabreitseite gegen die schöne Schweizer 1000-Franken-Banknote ist vorläufig gescheitert. Noch nie seien die 1000er so gefragt gewesen wie im vergangenen Jahr, liessen die Banken verlauten. Kein Wunder bei Null- bis Negativzinsen. Die Mehrheit jener, die zur 1000er griffen, sind jedoch wohl eher Schweizer Normalbürger und Bünzlis als Jihad-Terroristen, Drogenhändler und andere Gangster.

IT-Gläubige

Die unkritischen Anhänger der Digital- und IT-Religion träumen bereits von einer Cash-freien Zukunft. Also fortan - schöne neue Welt -  alles übers Smartphone, den Computer und über Apps. Die Finanzämter, Zentralbanker, die Kripo, die NSA und die Geheimdienste werden sich die Hände reiben und können dann in der er-albträumten Zukunft alles elektronisch überwachen. George Orwells in «1984» beschriebener Überwachungsangstraum ist dagegen nur ein lauwarmes Kindergeschichtchen.

Neulich hat ein neunmalkluger Bank-«Analyst», vermutlich vom Elfenbeinturm seines Zürcher Büros aus, hoffnungsvoll geschrieben, in China sei das bargeldlose Bezahlen schon so verbreitet, dass das Ende des Baren voraussehbar sei. Ein Augenschein im Reich der Mitte hätte zu einem ausgewogeneren Urteil geführt. Aber Propaganda - Abschaffung des Bargeldes - kommt ja bekanntlich ohne Wirklichkeit aus. Hauptsache, wieder einmal die Chinesen!

Smartphone-Apps

Nun trifft es zu, dass in Chinas Grossstädten die Jungen fast nur noch mit dem Kärtchen oder dem Smartphone bezahlen. Die Rechnung in Geschäften, Restaurants, ja selbst das Ticket in der Untergrundbahn wird zum Beispiel in Peking praktisch nur noch elektronisch beglichen. Ein Capuccino in einer amerikanischen Kaffeehauskette bezahlen die jungen Chinesinnen und Chinesen fast ausschliesslich mit ihren Smartphone-Apps.

Nur Ihr Korrespondent zückt für den 19-Yuan-teuren Kaffee (umgerechnet 2,80 Franken) noch die altmodische Banknote. Ohne Probleme. Beim Internet-Business dagegen kann natürlich nur elektronisch bezahlt werden. Und das Internetgeschäft läuft in China mit horrenden Zuwachsraten wie nirgendwo auf der Welt.

Schwere Münzen

Trotz allem IT-Hype: Die Banknoten wurden, wie so vieles andere, im Reich der Mitte erfunden. Die Grundlage war das Papier, das seit dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung langsam in China Einzug hielt. Wenige Jahrhunderte später kam der Blockdruck und danach der Druck mit beweglichen Lettern hinzu. Erste Banknoten-ähnliche Schuldbriefe lösten  während der Tang-Dynastie im 9. Jahrhundert im Fernhandel die Bezahlung mit Gütern oder mit Bronze- und Kupfermünzen ab.

Dann kam die grosse Wirtschaftsrevolution der Song-Dynastie (960-1276), die die Vorherrschaft der arabischen Händler ablöste. Das Handelsvolumen wuchs innerhalb kurzer Zeit derart an, dass der Song-Staat im Jahre 1085 den Ausstoss von Münzen gegenüber der Vorgängerdynastie der Tang auf sechs Milliarden verzehnfachen musste. Das Bezahlen mit Münzen wurde für die Händler buchstäblich zu schwer. Deshalb wurden die bereits während der Tang-Zeit von Fernhändlern verwendeten Schuldbriefe von den Song-Administratoren übernommen.

Im Jahre 1120 wurden die ersten, von einer Regierung garantierten Banknoten gedruckt. Während der den Song folgenden mongolischen Yuan-Dynastie wurde unter Kaiser Kublai Khan am Ende des 13. Jahrhunderts Papiergeld weltweit verwendet, d.h. soweit das chinesisch-mongolische Reich reichte, nämlich von Korea im Osten bis ans Mittelmeer.

Alchemie

Marco Polo, zu jener Zeit eben in China, schrieb bewundernd und erstaunt über die Verwendung des Papiergeldes. Er konnte es fast nicht glauben. Die Alchemisten, so Marco Polo, versuchten seit je vergeblich, Metalle in Gold umzuwandeln, und jetzt sei es den chinesischen Kaisern gelungen, Papier in Geld umzuwandeln. Diese letzte Feststellung Polos werden wohl die Notenbanker aller Nationen unterschreiben können. Die europäischen Händler, schon damals auf der Seidenstrasse sehr aktiv, begriffen die Bedeutung des Papiergeldes sehr schnell. Die europäischen Regierungen brauchten etwas mehr Zeit. Jahrhunderte.

Ob jetzt die Chinesen den Europäern - und den Amerikanern - mit ihrer bargeldlosen Smartphone-Bezahlung einmal mehr voraus sind, wird sich weisen. Aber Cash ist in China nach wie vor King. Natürlich profitiert auch das organisierte Verbrechen, zum Beispiel das Drogengeschäft beim Goldenen Dreieck in der Südwestprovinz Yunnan. Doch die europäischen Abschaffer der 500er-Euro-Note sollten genau hingucken. Die höchste Denomination der chinesischen Volkswährung Yuan Renminbi ist die rosarote 100er-Note. Umgerechnet sind das gerade einmal rund 14 Franken. Dafür mit einem Mao-Porträt…

Bares im Koffer

Noch können relativ hohe Beträge in China mit Barem beglichen werden. Die meisten tun das nicht mehr, denn elektronisch geht es ganz einfach besser, schneller, einfacher. Eine Wohnung würde heute niemand mehr bar bezahlen. Doch das ist relativ neu. Am Anfang dieses Jahrhunderts hat Ihr Korrespondent mit eigen Augen gesehen, wie ein KMU-Unternehmer in Peking drei Wohnungen gekauft hat im Wert von umgerechnet 1,5 Millionen Franken.

Der freundliche Herr - Zigarettenanzünderproduzent - aus der Provinz Zhejiang im dunkelblauen Mao-Anzug erklärte damals durchaus zu recht, dass Wohnungen eine gute Anlage seien. Er bezahlte bar. Drei Lederkoffer voller rosaroter 100er-Mao-Noten. Heute wären wohl neun Koffer nötig. Nur eben nicht mehr aus Leder, sondern elektronisch…

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.