Kolumne

Bankenrettungen - «Too big to fail» ist Ausdruck eines Marktversagens

Wir können erst wieder ruhig schlafen, wenn keine Bank mehr systemrelevant ist.
15.10.2018 00:05
Von Claude Chatelain
«Too big to fail» ist Ausdruck eines Marktversagens
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

 

Dieser Tage wurde an das düstere Jubiläum der UBS erinnert: das Zehnjährige ihrer Rettung durch die Eidgenossenschaft.

Ich will hier einen anderen Skandal in Erinnerung rufen, der ein gutes halbes Jahr vor der UBS-Rettung für Schlagzeilen sorgte. Im Januar 2008 wars: Ein mit der Informatik und dem Sicherheitssystem vertrauter Händler der Société Générale setzte mit spekulativen Geschäften 5 Milliarden Euro in den Sand und brachte die zweitgrösste Bank Frankreichs an den Rand des Abgrunds.

Ich schrieb darauf in einem Kommentar: Wenn man das Sicherheitssystem täuschen und 5 Milliarden unentdeckt verspekulieren könne, könnten es beim nächsten Mal 20, 30 oder gar 50 Milliarden sein. Selbst die Kapitalkraft einer UBS oder CS würden dann nicht mehr ausreichen, um ein 50-Milliarden-Loch zu stopfen.

"'Too big to fail' würde es dann heissen." Zu gross, um scheitern zu dürfen. Der Steuerzahler müsste einspringen. Und weiter: "Es wird langsam unheimlich, zwei globale Bankenmonster im Land zu wissen, für deren mangelhafte Kontrollen wir womöglich die Zeche bezahlen müssen."

Uiuiui! Was musste ich mir darauf anhören lassen. Es sei "billiger Populismus und Aufhetzerei, den einzelnen Steuerzahler zum letzten Retter in der Not emporzustilisieren", meinte ein Leserbriefschreiber in der Berner Zeitung.

Am 12. Oktober 2008 bewahrheitete sich leider meine Befürchtung: Die UBS musste durch Bund und Nationalbank, also mit unserem Geld, gerettet werden. Hat mir jemand für meine Vorhersehung gratuliert? Es wäre mir entgangen.

Nun sind unsere beiden Bankenmonster nicht mehr so monströs wie vor Ausbruch der Finanzkrise. Ihre Kapitaldecke ist nicht mehr ganz so dünn, das risikoträchtige Investmentbanking wurde heruntergefahren und zudem wurden Notfallpläne erstellt. Sie sollen sicherstellen, dass bei einer erneuten Krise der systemrelevante Teil nicht mit in den Abgrund gerissen wird.

Systemrelevant sind Bereiche, die für die Volkswirtschaft unentbehrlich sind, etwa der Zahlungsverkehr und das Kreditgeschäft. Würden sie bei einer zu grossen Bank kollabieren, könnte dadurch die ganze Volkswirtschaft kollabieren. 

Ob aber Notfallpläne im Krisenfall funktionieren, wissen wir erst, wenn sie den Tatbeweis erbracht haben. Ich habe meine Zweifel: Wie will man das systemrelevante Kreditgeschäft retten, wenn es selber in die Krise gerät?

Einen tubelisicheren Plan gäbe es allerdings. Man müsste nur dafür sorgen, dass gar keine Bank so gross und mächtig wird, eben "too big to fail".  Man hätte nicht erlauben dürfen, dass Bankgesellschaft und Bankverein zur UBS fusionieren. Wird eine Bank systemrelevant, so dass wir Steuerzahler sie in der Not retten müssen, so hat der Markt versagt. 

Wir können nicht ruhig schlafen, so lange wir Banken haben, die "too big to fail" sind.

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».