Kolumne

Cash as Cash can

Die grösste chinesische Banknote, der 100er-Schein, wird renoviert. Der Grosse Vorsitzende Mao Dsedong jedoch bleibt.
07.12.2015 08:52
Peter Achten, Asienkorrespondent
Cash as Cash can
Bild: ZVG

Vor knapp zehn Jahren begegnete ich bei der Recherche zu einer Immobiliengeschichte dem Kleinunternehmer Cun Weikan. Er stammte aus der Boom-Provinz Zhejiang und betrieb in Wenzhou, dem damaligen Herzen der "chinesischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung" - also Kapitalismus pur - eine Feuerzeugfabrik. In Peking, so Cun, wolle er jetzt zwecks Anlage zwei Wohnungen kaufen. Der Anleger aus Wenzhou war gekleidet im grünen, rauhen Tuch jener, die vom Lande kommen und von den hochnäsigen Städtern als "Landeier" abqualifiziert wurden. Doch das kümmerte den selbstbewussten Kleinunternehmer wenig.

Die beiden Wohnungen kaufte er schliesslich für eine damals dem Durchschnitts-Chinesen fast unvorstellbar grosse Summe von 3 Millionen Yuan Renminbi oder umgerechnet mehr als 400'000 Franken. Das Erstaunliche dabei: Er zahlte bar. Die rosaroten Hunderternoten mit dem Konterfei des Grossen Steuermanns Mao - umgerechnet rund 16 Franken pro Stück - führte er in einem grossen Lederkoffer mit sich. Cash as Cash can eben.

Papiergeld  für Seide

Den umtriebigen Feuerzeugfabrikanten habe ich nie wieder gesehen. Anzunehmen ist jedoch, dass er heute - wenn immer noch so erfolgreich - statt Cash mit einem oder zwei Kärtchen bezahlen würde und statt dem grünen Bauerntuch massgeschneiderte Anzüge trüge. Die junge städtische Generation Chinas jedenfalls hat sich Kopf voran in die digitale Revolution gestürzt und bezahlt heute vom Auto über die Nudeln beim Wang-Nudelkönig bis hin zum Capuccino im Starbucks mit dem Kärtchen oder dem Handy-App.

Dennoch gehört in China Cash noch längst nicht in den sprichwörtlichen Abfallkorb der Geschichte. Schliesslich haben die Chinesen ja die Banknote erfunden. Bereits in der Tang-Dynastie (7. bis 10. Jahrhundert) gab es so etwas wie Papiergeld in Form von Schuldverschreibungen. Beim grossen Wirtschaftsboom im 11. Jahrhundert schwollen die Transaktionen derart an, dass Kupfer- und Silbermünzen als Zahlungsmittel zum Beispiel für mehrere Ballen Seide ganz einfach zu schwer waren. Der Gouverneur der Westprovinz Sichuan emittierte deshalb Papiergeld. Die Zentralregierung machte das Vorgehen für das ganze Reich der Mitte darauf verbindlich und deckte die staatlichen Scheine fortan mit kaiserlichem Gold und Silber.

Mao rosarot

Bei der Gründung der Volksrepublik 1949 wurde die Volkswährung Yuan - also Yuan Renminbi - eingeführt. Damals gab es noch 500er-,1000er-, 5000er-, 10'000er- und 50'000er-Noten. Heute sind nur noch die kleinen Denominationen bis maximal 100 geblieben. Zum fünfzigsten Gründungstag des Neuen China 1999 wurde eine gänzlich neue Serie in Umlauf gebracht. Der Grosse  Vorsitzende Mao Dsedong ziert seither alle Scheine, angefangen bei der grünen 1-Yuan-Note über die violette 5-Yuan-, die blaue 10-Yuan-, die gelbbraune 20-Yuan-, die grüne 50-Yuan- und die höchste, die rosarote 100-Yuan-Note.

Seit November gibt es nun eine neue 100er-Note, rosarot wie immer, aber perfektioniert nicht zuletzt auch dank Schweizer Technologie. Die Veränderungen sind diskret und kaum sichtbar: Leichte Farbänderungen zum Beispiel je nach Blickwinkel, ausgeklügelte neue Wasserzeichen, Seriennummern zur Bekämpfung von Geldwäsche und Korruption und weiteren Finessen. Mao natürlich blickt, politisch korrekt, nach wie vor den Zahlern und den Bezahlten ins Gesicht.

Clandestine Druckereien

Die Falschmünzer werden es in Zukunft schwerer haben als bisher. Das ist wohl auch die Absicht der Neuausgabe, denn in den letzten Jahren nahmen die Fälschungen rapide zu. Selbst Bankautomaten sind hin und wieder keine Ausnahme, wie Ihr Kolumnist in den letzten zwölf Monaten dreimal erfahren musste. Die gefälschten Scheine, sagen gut informierte Finanzbeobachter, gelangen mit Hilfe aus dem Innern der Bank in die Geldmaschinen. Denn falsche rosarote100er sind bei einem Produktionspreis von nur sechs Yuan pro Stück extrem lukrativ.

Die offiziellen Zahlen geben zu denken: Vor drei Jahren beschlagnahmte die Polizei falsche 100er im Wert von 330 Millionen Yuan, im verganenen Jahr wurden dann schon 535 Millionen sichergestellt. Gedruckt wird der falsche papierene 100er in hoher Qualität oft in clandestinen Druckereien in der südlichen Boom-Provinz Guangdong (Kanton). In einer ausgehobenen Fabrik wurden nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua in einer einzigen Woche eine Tonne der rosaroten Scheine produziert, und die Arbeiter erhielten einen Lohn von 10'000 Yuan. Nicht pro Monat oder Woche, sondern pro Tag - und das erst noch in echten Scheinen. Neuerdings sollen sich die Falschmünzer auf kleinere Noten spezialisiert haben, also den 50er-, den 20er- und den 10er-Schein. Zwar bringt das nicht mehr so viel Profit,  ist aber beim Normalverbraucher und beim Normalgeschäft  weit weniger verdächtig.

Geldwäsche: Sachwerte anstatt Cash

Schon bis anhin wurde an den Kassen eines jeden Geschäfts, Restaurants oder Supermarkts mit einer kleinen Maschine die Echtheit des rosaroten Hunderters getestet. Auch mit Fingerspitzenribbeln am Revers von Maos Anzug, so erklärt es ein Strassenhändler, lasse sich eine Fälschung leicht feststellen. Im Kampf gegen Geldwäscherei und Korruption soll jetzt aber eine raffinierte Seriennummer es gar ermöglichen,  Zahlende und Bezahlte einer verbrecherischen Transaktion zu eruieren. Das ist möglich dank einer autoritären monetären Kontrolle. Cash als Geldwaschmaschine fällt mithin ausser Betracht. In Zukunft werden wohl Sachwerte wie Kalligraphien, Jade, Smaradge, Bilder oder ähnlich Handfestes Cash als Fluchtwerte ersetzen.

Die junge Generation ist zwar wie anderswo auf der Welt dank Smartphone und Kärtchen schon fast ganz auf der digitalen Zahlungsebene angelangt. Dennoch, in China wird Cash nicht so schnell verschwinden und wohl noch lange König bleiben.

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.