Kolumne

China - Weltmeister in (fast) allem

Wer wüsste es nicht: China hat schon (fast) die ganze Welt eingeholt und überholt. So wie es einst der «Grosse Steuermann» utopisch ins Auge gefasst hatte. Mao freilich produzierte nur Schrott und soziale Katastrophen.
27.07.2015 11:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
China - Weltmeister in (fast) allem
Bild: ZVG

Schon heute ist das Reich der Mitte Exportweltmeister, verfügt kaufkraftbereinigt über die weltgrösste Volkswirtschaft, ist das bevölkerungsreichste Land des Globus‘, hat das längste Streckennetz für Hochgeschwindigkeitszüge gebaut, am meisten Wolkenkratzer (200 bis 632 Meter) errichtet oder hat mit 800 Millionen am meisten Handy-Nutzer der Welt. Nicht zu vergessen: China hat nach eigenen Angaben auch die meisten Erfindungen der Weltgeschichte ersonnen, vom Papier über den Druck mit beweglichen Lettern und das Pulver bis hin zur Toilette mit Wasserspülung. Die Liste könnte seitenweise verlängert werden.

«Sei ein friedlicher Panda!»

Zur Abrundung der chinesischen Superlative und rechtzeitig zur Ferienzeit verlauten Chinas Medien nun offiziell: China ist auch Reiseweltmeister und hat damit  zunächst Japan und dann Deutschland überholt. Im vergangenen Jahr sind nach amtlichen Zahlen 109 Millionen Chinesinnen und Chinesen ins Ausland gereist. Dabei haben sie 165 Milliarden Dollar ausgegeben. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein satter Anstieg von 28 Prozent. Und in diesem Wachstumstempo soll es weitergehen. Dai Bin, Vorsitzender der staatlichen Tourismusakademie in Peking, erwartet fürs Jahr 2020 rund 200 Millionen chinesische Touristen, die 250 Milliarden Dollar im Ausland liegen lassen werden. Die Regierung hat unter dem Slogarn "Sei ein friedlicher Panda!" sogar schon eine Kampagne lanciert, um die chinesischen Touristen im Ausland Manieren beizubringen.

Wohlstandsmigranten

Die Zukunftsaussichten sind gut. Bislang besitzen nur 5 Prozent der 1,36 Milliarden Chinesinnen und Chinesen einen Pass. Ein solches Dokument zu bekommen, ist heute in der Regel kein Problem mehr. Etwas aufwändiger ist der bürokratische Hürdenlauf für ein amerikanisches oder europäisches Visum, aber nicht mehr so schikanös wie vor zehn, zwanzig Jahren. Nach der Niederschlagung des Protests der Studenten und Arbeiter auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989 tönte es noch ganz anders. Menschenrechtler aber auch Regierungen in Europa und Amerika forderten ultimativ das Recht auf freies Reisen.

Zehn Jahr danach und zum Teil noch heute nehmen dieselben Befürworter des freien Reisens den Mund nicht mehr ganz  so voll. Im Gegenteil. Zunächst wurden in den 1990er-Jahren die Visumbestimmungen in Europa und Amerika verschärft. Amtlich befürchtet wurde (auch in der Schweiz), dass viele Chinesinnen und Chinesen illegal in den Gastländern untertauchen.Das ist mit wenigen Ausnahmen nicht eingetroffen. Im Gegenteil: Jene Chinesen die bleiben, machen das ganz legal mit Kauf von Immobilien und Investitionen, also Geld. Im Gegensatz zu den Armutsmigranten etwa aus Afrika oder dem Nahen Osten sind jende aus dem Reich der Mitte Wohlstandsmigranten .

«Falsche ideologische Trends»

Partei und Regierung lassen die chinesischen Touristen gewähren. Das ist nicht selbstverständlich, zumal Parteichef Xi mittlerweile beim Internet und den Medien die Schraube etwas angezogen hat. Noch vor zwei Jahren wurde in einem vertraulichen Papier der Parteileitung vor "falschen ideologischen Trends und Konzepten" gewarnt. Darunter fallen etwa der "Westliche Verfassungsstaat", "Bürgerbeteiligung", die "universellen Werte", "Neoliberalismus", die Prinzipien des "westlichen Journalismus", "historischer Nihilismus" oder die "Hinterfragung der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik". Offensichtlich ist die Führung der Volksrepublik selbstsicherer geworden. Und lässt reisen.

Für die Elite war der Westen schon immer attraktiv. Etwas maliziös könnte man sagen, auch Marx und Engels und erst recht die moderne Technik, die China zu dem machten, was es heute ist, stammen aus dem Westen. Schon Söhne des Reformers Deng Xiaoping haben an Elite Universitäten der USA studiert, und von Parteichef Xi Jinping ist bekannt, dass dessen Tochter in Harvard ihren Studien nachgegangen ist. Dieser Austausch und diese Öffnung  werden gewiss Folgen haben. Dai Bin, Chef der staatlichen Tourismusakademie, formulierte das in Bezug auf Japan im deutschen Wochenmagazin "Spiegel" so:" Der Tourismus der Japaner hat Japan verändert, Der chinesische Tourismus wird die Welt verändern". Was Dai Bin vergessen hat: Der chinesische Tourismus wird auch China verändern. Und zwar gründlich.

Fan-Ostkurve im Arbeiterstadion

Eines muss im Zusammenhang mit Weltmeister China - um Missverständnissen vorzubeugen - noch angefügt werden: China ist derzeit definitiv (noch) nicht Fussballweltmeister. Das aber soll sich nach Überzeugung von Partei-, Militär- und Staatschef Xi Jinping bald ändern. Der überzeugte, in der Wolle rotgefärbte Fussballfan an der Parteispitze will zunächst die WM 2026 nach China holen und wenig später gar Fussballweltmeister werden. Das wird nicht einfach. Denn mein chinesischer Lieblingsclub FCB (FC Beijing Guo’an) kann meinem Schweizer Lieblingsclub FCB (FC Basel) noch längst nicht einmal den grünen Pausentee reichen. Aber Vorsicht, der Sepp auf dem Zürcher Sonnenberg weiss, wovon hier die Rede ist. Die Drohungen aus der Fan-Ostkurve des Pekinger Arbeiterstadions, nämlich Welmeister zu werden, sollten ernst genommen werden. Die Schweizer Nati jedenfalls kann sich trotz sogenannten Kraftwürfeln, Zauberzwergen und dergleichen erst einmal sehr warm anziehen.
 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.