Kolumne

China: Xi lernt von Deng

Alt-Reformer Deng Xiaoping hilft Neu-Reformer Xi Jinping. Auf unerwartete Weise. Kurz vor dem entscheidenden Parteiplenum im Oktober sorgt eine Fernsehserie für hohe Einschaltquoten.
22.09.2014 04:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
China: Xi lernt von Deng
Bild: ZVG

Die 48-teilige Fernsehserie "Am Scheidweg der Geschichte" zeigt in schönen bunten Bildern den steinigen Weg des grossen Revolutionärs und Reformers Deng Xiaoping für ein besseres China ohne Armut.  Die Produktion ist lang, teuer und für eine amtlich abgesegnete Geschichte über einen hohen Mandarin spannend, unterhaltend und in einigen Aspekten sogar überraschend. Auf dem ersten Kanal des Zentralfernsehens CCTV ausgestrahlt, ist die Serie ein durchschlagender Publikumserfolg, vor allem bei Chinesinnen und Chinesen jener Generation, die noch die Kulturrevolution (1966-76) und den Beginn der Reform in den 1980er Jahren miterlebt hat. 

Am 48-Teiler wurde unter der Ägide des Literaturforschungszentrums  des Partei-Zentralkomitees fünf Jahre lang  gearbeitet und gedreht. Kostenpunkt: für chinesische Verhältnisse happige 120 Millionen Yuan (rund 18 Millionen Franken). Einige Darsteller, so die Medien ergriffen, hätten gar auf ein Honorar verzichtet, weil es eine grosse Ehre sei, in diesem historischen TV-Epos mitzuspielen. Ob zu den Geehrten auch der Hauptdarsteller gehört, darüber ist nichts bekannt. Die Hauptrolle ist zwar gut besetzt. Physisch freilich überragt der Hauptdarsteller  mit 1,72 Meter die historische Figur bei weitem. Deng Xiaoping mass gerade einmal 1,52 Meter.

Inhaltlich einige Überraschungen

In den vier Dutzend Folgen wird Dengs Weg vom Sturz der ominösen, kulturrevolutionären  "Vierer-Bande" im Oktober 1976 bis ins Jahr 1984 nachgezeichnet, als die Politik der Wirtschaftsreform und Öffnung hin zum "Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten" in vollem Schwunge war. Auch inhaltlich gab es einige Überraschungen. Regisseur Wu Ziniu - wie Deng Xiaoping aus der Provinz Sichuan stammend - formuliert es so: "Wenn ich in der Vergangenheit eine solche TV-Serie hätte machen wollen, wäre das, so fürchte ich, fast unmöglich gewesen."

Die ersten Studentenproteste 1986 (Provinz Anhui)  jedoch sind nicht mehr im 48-Teiler enthalten, genausowenig wie die Proteste von Studenten, Arbeitern, Parteikadern und Intellektuellen auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989. Drehbuchschreiber Long Pingping vom Literaturforschungsinstitut der Partei drückt sich gegenüber der amtlichen Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) so aus: "Die Geschichte nach 1984 ist zu schwierig, um nachgezeichnet zu werden. In einem Buch könnte man das beschreiben, aber zum dramatisieren wäre das ganz einfach zu schwierig." In einem Kommentar der "Global Times" - einem Ableger des Sprachrohrs der Partei "Renimin Ribao" (Volkszeitung) - heisst es dazu im chinesischen Kontext erstaunlich offen: "Einige Themen, die die TV-Serie nicht anspricht, bleiben diffizil."

Tiananmen immer noch absolut tabu

"China Daily", offizielles englischsprachiges Organ der Regierung, weiss offensichtlich, was diffizil ist und beurteilt das TV-Spektakel als "Durchbruch in der Diskussion um alte neuralgische Themen der Geschichte". In Zeiten eines breiten Zugangs zum Internet, fügt "China Daily" hinzu, "werden manche politischen Tabus durch offene Diskussionen abgelöst". Was Tiananmen 1989 betrifft, ist das Thema natürlich in China noch immer absolut tabu. Dazu "China Daily": "Andere sensitive Themen in Chinas Geschichte werden wahrscheinlich einst auch zur Diskussion gebracht, doch das wird zur richtigen Zeit geschehen." Die Bevölkerung, vor allem aber Journalisten und Internet-Blogger warten also ungedultig auf die im Kommentar versprochene  "richtige Zeit".

Von Deng Xiaoping profitiert jetzt Staats- und Parteichef Xi Jinping. Seit knapp zwei Jahren im Amt hat Xi sich zu einem starken, überzeugenden Reformer profiliert und ähnlich wie Deng die Propagandaschraube angezogen. Kurz vor dem entscheidenden Parteiplenum im Oktober ist der Glanz von Reformer Deng, der jetzt auf seinen Nach-Nach-Nachfolger Xi fällt, politisch durchaus erwünscht, wenn nicht gar provoziert. Wie Deng 1978 steht jetzt auch Xi 2014 mit einem neuen Reformschub "am Scheideweg der Geschichte".

Steifer Wind an der Parteispitze

Geschichtsprofessor Yuan Wuzhen aus Xi’an bringt es präzise auf den Punkt: "Reformen sind in eine komplizierte Phase getreten. Wir können viel Nützliches von Dengs Theorie und Praxis lernen." Das Parteiblatt "Renmin Ribao" schreibt, dass Xis Reformanstrengungen viel mit Dengs Vision zu tun haben und formuliert deshalb chinesisch-poetisch: "Einige Leute sagten in der Vergangenheit: 'Wenn es Entbehrung auf dem Weg gibt, denke an Deng Xiaoping.' Jetzt heisst es: 'Wenn es Entbehrung gibt, schaue einfach auf Xi Jinping.'"

Das Parteiplenum vom Oktober wird wichtige Beschlüsse für dringend nötige wirtschaftliche Strukturreformen fassen müssen. Natürlich werden, wie die Volkszeitung prophezeit, alle auf Xi Jinping schauen. Noch mehr aber wird das knapp 300-köpfige Zentralkomitee im Brennpunkt stehen, denn parteiintern ganz oben -  so wollen es viele Laobaixing (Durchschnittschinesen) wissen - weht Parteichef Xi Jinping wegen alteingesessener Interessen ein steifer Wind entgegen.

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.