Kolumne

Das goldene Dilemma

Eine Studie belegt: Gold ist entgegen der vorherrschenden Meinung keine «sichere» Anlage. Trotzdem wird die Nachfrage nach dem Edelmetall noch erheblich zunehmen.
05.08.2013 01:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Das goldene Dilemma
Bild: ZVG

Von 2000 bis 2012 ist der Goldpreis je Feinunze von rund 280 auf knapp 1670 Dollar gestiegen. Dies ergibt eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von über 16 Prozent. Sein Allzeithoch erreichte der Goldpreis im September 2011 mit rund 1900 Dollar. Aktuell liegt der Kurs um die 1300 Dollar.

Bezüglich der Frage, ob Gold eine gute Investition ist oder nicht, liegen die Expertenmeinungen weit auseinander. Die lebende Investmentlegende Warren Buffett sagte kürzlich, er würde selbst nach einem Rückgang des Goldpreises auf 800 Dollar kein Gold kaufen. Demgegenüber stocken die Notenbanken ihre Goldreserven immer weiter auf. Im letzten Jahr haben sie weltweit 534,6 Tonnen Gold gekauft, der höchste Wert seit 1964. Der World Gold Council schätzt, dass die Zentralbanken dieses Jahr über 550 Tonnen kaufen werden.

Ende 2011 gab es nach Angaben des World Gold Council weltweit 171‘300 Tonnen Gold. Dies entspricht einem Goldwürfel mit 20 Meter Seitenlänge. Hierzu kommen noch ca. 51‘000 Tonnen Gold, die noch unter der Erde liegen. Wenn die aktuellen Fördermengen konstant bleiben, werden diese Vorkommen in 20 Jahren zu Tage gefördert sein. Weitere Goldvorkommen werden in grösserem Umfang in den Weltmeeren und auf Asteroiden vermutet. Rund die Hälfte des vorhandenen Goldes ist Schmuck, jeweils 18% werden von Zentralbanken und Privaten als Anlage gehalten und der Rest wird für industrielle Zwecke verwendet.

Wie geht es vor diesem Hintergrund mit dem Goldpreis weiter? Ist Gold überbewertet oder sind wir erst am Anfang einer langfristigen Goldrally? Claude B. Erb und Campbell R. Harvey sind dieser Frage in ihrer Studie „The Golden Dilemma“ nachgegangen und zu interessanten Ergebnissen gekommen. Zunächst zeigen sie, dass Gold entgegen der vorherrschenden Meinung keine „sichere“ Anlage ist. Gold bietet weder kurz- noch langfristig einen verlässlichen Inflationsschutz. Auch als Absicherung gegen Währungsrisiken ist Gold nicht geeignet, da der reale Goldpreis stärker schwankt als die Wechselkurse. Schliesslich ist Gold auch in Kriegszeiten keine verlässliche Anlage, da es aufgrund seines Gewichts bei einer etwaigen Flucht eher hinderlich ist.

Während diese Argumente für eine Überbewertung sprechen, versuchen Erb und Harvey mit portfoliotheoretischen Überlegungen eine künftige Goldrally zu rechtfertigen, und argumentieren dabei wie folgt: Gold weist gegenüber Aktien und Anleihen zwar instabile aber sehr geringe Renditekorrelationen auf. In einem diversifizierten Portfolio sollte demzufolge auch Gold enthalten sein. Zum Zeitpunkt ihrer Studie (Mai 2013) lag der Gesamtwert aller Aktien dieser Welt laut Bloomberg bei 48 Billionen Dollar, der aller Anleihen bei 41 Billionen Dollar und der aller Goldanlagen, die nicht von Zentralbanken gehalten werden, bei 1,8 Billionen Dollar. Demzufolge besteht ein diversifiziertes „Marktportfolio“ zu 53% aus Aktien, 45% aus Anleihen und 2% aus Gold. Da aber viele institutionelle Anleger wie etwa Pensionskassen viel geringere oder gar keine Goldanlagen haben, würde der Goldpreis weiter steigen, wenn diese Investoren jeweils einen Goldanteil von 2% in ihrem Portfolio anstreben würden.

Ich halte dieses Argument allerdings für weniger stichhaltig, weil es umgekehrt viele Privatinvestoren gibt, die mehr als 2% ihres Portfoliowertes in Gold investiert haben. Diese Anleger müssten aus portfoliotheoretischer Sicht einen Anteil ihrer Goldbestände verkaufen, um das Marktportfolio abzubilden. Zudem berücksichtigen Erb und Harvey offenbar die Anlagen in Goldminen bei ihrer Studie nicht.

Überzeugender erscheint mir hingegen ihr Argument, dass die Goldnachfrage erheblich ansteigt, wenn die Zentralbanken der so genannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) ihre Goldreserven westlichen Standards anpassen. Im Mai 2013 betrugen die Goldreserven der USA rund 8000 Tonnen und die der Schweiz ca. 1000 Tonnen. Im Vergleich dazu besassen die BRIC-Länder insgesamt 2457 Tonnen Gold. Falls die BRIC-Länder dasselbe Verhältnis von Goldreserven zu Bruttoinlandsprodukt anstreben wie die USA, müssten sie ihre Goldreserven auf 6233 Tonnen aufstocken. Wollten sie pro Kopf genauso hohe Goldreserven wie die USA, müssten sie 77‘811 Tonnen Gold besitzen.

Die Goldnachfrage würde noch viel stärker ansteigen, wenn die BRIC-Länder dieselben Relationen wie die Schweiz anstreben. Falls sie beim Verhältnis Goldreserven zu Bruttoinlandsprodukt mit der Schweiz gleichziehen wollten, müssten ihre Goldreserven laut Erb und Harvey auf 22‘191 Tonnen anwachsen. Wollten sie dieselbe Pro-Kopf-Relation wie die Schweiz erreichen, müssten sie ihre Goldreserven auf 415‘812 Tonnen aufstocken, also rund das 2,5-Fache aller weltweit verfügbaren Goldbestände.

Während also viele glauben, dass sich der Goldpreis nach dem langjährigen Anstieg wieder seinem historischen Mittelwert annähern wird, gibt es auch gute Gründe, die für eine weitere Goldrally sprechen. Mit diesem „goldenen Dilemma“ ist letztendlich jeder Investor konfrontiert, ob er will oder nicht.