Kolumne

Der Franken offenbart Bildungslücke

Die spektakuläre Aufwertung des Frankens hat - als kleiner Nebeneffekt - offenbart, wie schlecht es auch in unserem Land um die Fähigkeit steht, volkswirtschaftlich zu denken.
26.01.2015 11:00
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Der Franken offenbart Bildungslücke
Bild: Sobli

Fangen wir mit unsrem Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann an. Im morgendlichen Interview mit Radio SRF wird er nicht müde zu betonen, wie wichtig der Erhalt der Arbeitsplätze gerade jetzt sei. Zum Schluss fragt ihn der Reporter, was denn das einzelne Unternehmen konkret dazu beitragen könne. Antwort: Jetzt müsse man halt die Kosten senken und vermehrt billig im Euroraum einkaufen. Bingo! Damit hat zwar der Betrieb X seine Arbeitsplätze ein wenig sicherer gemacht, dafür verlieren alle seine Ex-Lieferanten aus der Schweiz wichtige Aufträge. Auch der Radiomann fragt nicht nach. Für beide sind offenbar Betriebs- und Volkswirtschaft dasselbe.

Adecco-Chef De Maesenaire fordert - wie viele andere auch - längere Arbeitszeiten. Damit könnten die Stundenlöhne und die Kosten gesenkt werden, ohne dass die Monatslöhne sinken. Ja, für die, die dann mehr arbeiten können.  Doch da voraussichtlich die Exporte deutlich sinken werden, gibt es für die Schweiz insgesamt weniger zu arbeiten und wenn sich dann von diesen kleineren Kuchen ein paar Leute noch ein grösseres Stück abschneiden, dann steigt die Arbeitslosigkeit erst recht.

Arthur Rutishauser von der SonntagsZeitung will den Agrarmarkt voll deregulieren, damit die Preise sinken und die Nominallöhne ohne Kaufkrafteinbusse gesenkt werden können. Doch damit lädt er erstens die Kosten der Anpassung ausgerechnet auf die Schwächsten (na ja, zweitschwächsten) ab und zweitens überschätzt er die Bedeutung dieser Massnahme. Das senkt das Preisniveau noch nicht einmal um 1 Prozent.

Thomas Straubhaar kennt als Professor für Ökonomie zwar den Unterschied zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft. Er denkt aber leider in der Uralt-Schablone des  Gleichgewichtsmodells. Darin ist zum vornherein die Annahme eingebaut, dass die Wirtschaft nach jedem Schock rasch wieder ins Gleichgewicht zurückfällt. Genau zu diesen (Zirkel-)Schluss kommt er in seinem Beitrag für die "Sonntagszeitung" unter dem obszönen Titel "Solche Peitschenhiebe stärken die Wirtschaft". Auch die oft zitierte Modellrechnung von Peter Stalder von der SNB basiert auf einem Modell, in dem der rasche Wiederaufschwung vorprogrammiert ist. Solche Modelle hatten auch Griechenland vor sechs Jahren eine sehr kurze Krise prophezeit. Dass es ganz anders herauskommen kann, zeigt schon die Lebenserfahrung: Mindestens ein Viertel von dem, was wir konsumieren (und wofür wir arbeiten) ist zumindest kurzfristig verzichtbar. Besonders dann, wenn das Vertrauen schwindet und die Angst vor einer ungewissen Zukunft regiert. Dann kann rasch einmal ein Teufelkreis in Gang  kommen - auch bei uns.

Und fast alle "sehen ein", dass die Nationalbank machtlos sei angesichts der Hunderten von Milliarden, mit denen die EZB "den Markt flute". Wehe, wenn auch nur ein Bruchteil davon in die Schweiz schwemmt! Haben dieselben Leute auch Angst davor, dass sich "auch nur ein Bruchteil" der Weltmeere in den Zürichsee ergiessen könnte? Natürlich nicht, weil es eben nicht nur auf die beeindruckenden Grössenordnungen ankommt, sondern auch auf die Kräfte, die diese Grössen bewegen.

War Thomas Jordan bei Sinnen?

Ich bin überzeugt, dass kein Spekulant der Welt auch nur eine popelige Milliarde gegen eine neue Untergrenze von 1,10 gewettet hätte. Er müsste dazu nämlich verzinste Wertpapiere gegen Guthaben bei der SNB tauschen, wofür ihm ein Strafzins von 0,75 Prozent aufgebrummt wird. Er verliert damit pro Jahr etwa 2,75 Prozent. Das heisst: Die SNB könnte fortan den Franken alle zwei Jahre um 5 Prozent aufwerten lassen (bzw. ihre Devisenguthaben abwerten) und würde dennoch einen leichten Gewinn - zulasten der Spekulanten - erzielen. Dagegen wettet niemand, der bei Sinnen ist. Fragt sich bloss, ob auch Thomas Jordan und seine zwei Stellvertreter bei Sinnen waren, also sie diese naheliegende Möglichkeit übersehen haben. Vermutlich ist auch er in Anbetracht der Hunderten von Milliarden in Denkstarre verfallen. Vielleicht kommt er ja in ein paar  Wochen noch zur Besinnung. Es wäre auch dann nicht  zu spät.

Die Schweiz steht vor sehr schwierigen Zeiten. Und ausgerechnet jetzt müssen wir erkennen: Unser Volkswirtschaftsminister kennt den Unterschied zwischen Ökonomie und Betriebswirtschaft nicht und Thomas Jordan kann nicht Nationalbank.

 

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Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».