Kolumne

Die Arbeitslosigkeit steigt, weil wir sie falsch bekämpfen

Wenn wir die Trümmer der alten Wirtschaftsordnung wegräumen wollen, sollten wir wenigstens eine schwache Ahnung davon haben, wohin die Reise gehen könnte.
15.08.2016 01:00
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Die Arbeitslosigkeit steigt, weil wir sie falsch bekämpfen
Bild: ZVG

Der Charme der Marktwirtschaft zielt darauf, dass er eine bisher nie dagewesene Arbeitsteilung erlaubt. Der Preis dafür ist, dass die Bedürfnisse immer nur indirekt gedeckt werden. Niemand produziert das, was er am meisten braucht, sondern das, was er oder sie am besten kann, oder dort, wo er am besten bezahlt wird. Erst mit dem Erlös aus dieser Tätigkeit kann man dann die eigenen Bedürfnisse befriedigen. Die modernen Ökonomen und Wirtschaftspolitiker haben dieses Denken verinnerlicht. Sie können nur noch im Marktmodus denken. Deswegen ist Arbeitslosigkeit und Armut für sie immer in Problem der (mangelnden) Wettbewerbsfähigkeit. Im Klartext: Den Leuten gelingt es nicht, etwas herzustellen, was sie anderen verkaufen können.

Und warum gelingt es ihnen nicht, weil der Standort nicht wettbewerbsfähig ist, nicht genug attraktiv für die globalen Investoren, die durch schlechte Rahmenbedingungen wie zu hohe Löhne, Steuern, Staatsschulden abgeschreckt werden. Also müssen Strukturreformen her. Damit sind die vier Schlagworte genannt: Wettbewerbsfähigkeit, Standort, Rahmenbedingungen, Strukturreformen. Wirtschaftsjournalismus und Wirtschaftspolitik bestehen heute darin, diese Schlagworte immer neu zu kombinieren.

Regenrituale für die Investitions-Götter

Das ganze erinnert an die Regenrituale, bloss, dass die Götter, die man dabei beschwört jetzt Investoren heissen. Doch das ist absurd. In diesem Denkmodus bekämpft man den Hunger vor Ort, indem man z.B. eine Tourismusdestination wird, ein Verteilzentrum baut oder eine Plüschbären-Fabrik. Doch zu diesem Zweck muss man erst alle anderen möglichen Standorte preislich unterbietet – mit tieferen Löhnen, günstigeren Steuern und Investitionsbeihilfen. Auf volkswirtschaftlich übersetzt heisst dies, dass die Gegend oder das Land den Auftrag erhält, dass seine eigene Nachfrage nach privaten und öffentlichen Gütern am meisten einschränkt – und damit natürlich auch Jobs vernichtet. Immer öfter zahlen die Jobs, die man damit anlockt – und anderen Standorten weg nimmt – noch nicht einmal existenzsichernde Löhne. Der Staat zahlt drauf. In Deutschland nennt man die Betroffenen „Hartz-4-Aufstocker“. Arbeit wird zur Arbeitstherapie.

Diese Rechnung geht offensichtlich nicht auf. Wäre es nicht vielleicht intelligenter, direkt statt über dem Umweg des Marktes für seine eigenen Bedürfnisse tätig zu werden? Natürlich. Aber auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Doch wenn das Gehirn erst einmal gründlich mit den vier Schlagwörtern gewaschen worden ist, fällt das schwer. Zudem ist natürlich auch ein Aufbau von unten her nicht trivial. Dazu braucht es Know-how – das man an unseren Universitäten nicht lernen kann. Auch die können nur Standortwettbewerb.

Doch das Knowhow ist da. Schon lange. Überall in der Welt gibt es Bewegungen, die lokale und regionale Entwicklung vorantreiben. Sie haben durch die Solarenergie, durch die 3-D-Technologie, durch Urban Gardening und durch die verbesserten Möglichkeiten der elektronischen Vernetzung in jüngster Zeit noch an Bedeutung und an Kraft gewonnen. In England, wo diese Szene eh schon eine lange Tradition hat, ist nach dem Brexit erst recht Aufbruchsstimmung zu spüren. Die Royal Society for the ecouragement of Art, Manufactoring an Commerce, kurz RSA ist zu einem Sammelbecken für lokale Entwicklung geworden. Das geht etwa um Lokalwährungen wie das Bristol Pound oder um ein Inventar der lokalen handwerklichen und industriellen Tätigkeiten mit dem Ziel, neue Verbindungen und Rückkoppelungen zu schaffen.

Auch in der Schweiz tut sich etwas. Einer der Pioniere ist der Zürcher Hans Widmer. Er hat in Zürich unter anderem zwei Wohnbaugenossenschaften mitgegründet und rechtzeitig gemerkt, dass die Menschen nicht nur wohnen, sondern auch leben und arbeiten wollen. Daraus ist ein modulares Konzept geworden: Familie, Nachbarschaften mit Mikrozentrum (für Gebäudeunterhalt, Kleider, Reinigen, Werkstatt usw.) Quartier, Metropolitanregion usw. Sein Projektbeschrieb „Neustart Schweiz“ liest sich wie ein Handbuch der Ökonomie der Nähe. Er entwickelt konkrete Vorstellungen davon, welche Produkte auf welcher Ebene produziert werden sollen. Auf der planetaren Ebene z.B. bleiben unter anderem noch Software, Medikamente, Musik, Saatgut, Gewürze, Kaffee, Kakao und Tee.

Doch wie bringt man diese lokalen Inivitativen auf der nationalen und supranationalen Ebene zum Blühen – dort wo eben doch noch die wichtigen Entscheide fallen? Ein entscheidender Faktor ist die Raumplanung. Deshalb hat Neustart Schweiz eine nationale „Volksinitiative für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung“  gestartet. Bund, Kantone und Gemeinden sollen „nachhaltige Formen des Wohnens und Arbeitens in kleinräumigen Strukturen mit kurzen Verkehrswegen“ fördern. Auch in Bristol geschieht nicht alles nur von unten und an der etablierten Politik vorbei. So ist etwa das Bristol Pound auch deshalb ein Erfolg, weil man seit einem Jahr auch die städtischen Steuern in dieser Währung zahlen kann.

Einverstanden. Was in Zürich, in Bristol und an vielen anderen Orten geschieht, und unter anderem in der Royal Society und Hans Widmer angedacht wird, sind erst Mosaiksteinchen einer intelligenteren Wirtschaftsordnung. Aber wenn wir die Trümmer der alten Ordnung wegräumen wollen, sollten wir wenigstens eine schwache Ahnung davon haben, wohin die Reise gehen könnte.

 

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Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».