Kolumne

Ein Haufen Altpapier

Ein beliebter Brauch gehört beim Jahreswechsel in China der Vergangenheit an: Die Kommunistische Partei verbietet staatlich finanzierte Kalendergeschenke. Und die Digitalisierung gibt der Kalenderindustrie den Rest.
23.02.2015 01:30
Peter Achten, Asienkorrespondent
Ein Haufen Altpapier
Bild: ZVG

Chinesinnen und Chinesen leben in den besten aller Welten. Sie feiern nämlich zweimal Neujahr. Das westliche, nach dem gregorianischen Kalender berechnete Neujahr ist längst vorbei. Am 19. Februar folgte dann nach dem Mondkalender das chinesische Neujahr oder Frühlingsfest. Die beiden Neujahrfeierlichkeiten waren für die Produzenten von Kalendern stets ein gutes, hochprofitables Geschäft. Im Januar jeweils stapelten sich mehr oder weniger schöne Kalender auf dem Tisch des Korrespondenten: von der Bank über den Handy-Anbieter bis hin zur Verwaltung des Pekinger Distrikts, in dem ich wohne.

Reispapier und Seide

Die Druckereien von Wand- und Schreibtischkalendern tätigten gute Geschäfte, denn es gehörte zum politisch und wirtschaftlich korrekten Ton, dass Banken, Staatsfirmen, Telekoms, die Partei, die Regierung und viele andere zum Jahreswechsel Kalender verschenken und Neujahrskarten verschicken. Besonders beliebt waren teure Exemplare. Aus Seide, wertvollen andern Stoffen oder aus feinem Reispapier gefertigte Kalender waren sündhaft teuer und deshalb gefragt. Auch die mit traditionellen Tuschzeichnungen versehenen Neujahrskarten waren – auch beim Korrespondenten – jeweils hoch willkommen.

Doch vor etwas mehr als einem Jahr erliess die Disziplinarkommission der allmächtigen Kommunistischen Partei eine Verfügung, die den Kalender- und Neujahrskartenproduzenten einen Strich durch die lukrative Rechnung machte. Öffentliche Gelder, so der parteiliche Bannstrahl, dürften in Zukunft nicht mehr für solch "extravagante" Geschenke ausgegeben werden. Partei-Organen, Regierungsabteilungen, Staatsbetrieben und anderen öffentlichen Institutionen ist es jetzt ausdrücklich verboten, solche "formalistischen Geschenke" zu kaufen, zu drucken, zu versenden und zu verschenken.

«Frugalität»

Dieses Kalenderverbot reiht sich nahtlos ein in die von Staats- und Parteichef Xi Jinping seit seinem Amtsantritt im November 2012 verordnete Linie des Masshaltens und der "Frugalität" für Parteikader und Regierungsangestellte. Zuvor bereits wurde ein Gürtel-enger-schnallen bei offiziellen Essen und Festen befohlen unter dem Motto "vier Gerichte, eine Suppe". Geschenke überhaupt sind – theoretisch jedenfalls – im Zuge der Antikorruptionskampagne tabu.

Das Kalenderverdikt traf die Industrie unerwartet. Auf dem Internationalen Handelsmarkt Yiwu in der boomenden Küstenprovinz Zhejiang – auch als der grösste Engrosmarkt der Welt für Kleinprodukte bezeichnet – wurden wegen unverkaufter Kalender im vergangenen Jahr mehr als 100 Millionen Yuan (umgerechnet rund 17 Millionen Franken) verloren. Ein Kalenderproduzent klagt der Regierungszeitung "China Daily", dass er auf einem "Haufen Altpapier" sitze, denn die Bestellungen der Privatfirmen hätten die Orders der öffentlichen Institutionen bei weitem nicht wettgemacht. Für die 2015er Kalender ist die Nachfrage massiv eingebrochen, waren doch Staatsbetriebe und öffentliche Institutionen die Hauptauftraggeber.

Online statt Tischkalender

Zentrum der Produktion ist der Cangnan-Kreis in Wenzhou (Provinz Zhejiang), wo 200 Druckereien für drei Viertel aller in China produzierten Kalender verantwortlich sind. Die Nachfrage, so wird Chen Bangding, Präsident der lokalen Kalenderindustrievereinigung Cangang in der Parteitageszeitung "Global Times" zitiert, ist im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent eingebrochen. "Es wird in Zukunft nicht leicht sein", sagte Chen, "sich auf die neue Situation einzustellen".

Chinesische Marktbeobachter weisen aber auch noch auf einen ganz andern Umstand hin. Sicher habe das parteiliche Verbot von Kalendergeschenken die Kalenderindustrie stark getroffen, doch das sei nicht der einzige Grund. Die Digitalsierung hat offensichtlich eine nicht weniger wichtige Rolle gespielt. Die jungen Chinesinnen und Chinesen hätten längst, so das plausible Argument, den Schreibtisch- oder Wandkalender durch ein entsprechendes Angebot auf dem Smartphone oder dem Tablet ersetzt.

Flexibilität und Anpassung

Nicht nur das. In den letzten paar Jahren haben Online-Angebote Auftrieb erhalten und sind sehr populär. Damit können ganz persönliche Kalender gestaltet und zusammengestellt werden mit Photos beispielshalber der Kinder, Ferienbildern und dergleichen mehr. Viele machen davon Gebrauch und bezahlen je nach Ausführung zwischen 20 und 40 Yuan (rund 3 bis 6 Franken). Auch Neujahrskarten sind ein Verkaufsschlager. Für die mehr der Tradition verpflichteten Älteren indes gibt es nach wie vor eine reiche Auswahl an gedruckten Kalendern. Nur eben, diese zum Teil "extravaganten" Geschenke flattern am Jahresende oder Jahresanfang nicht mehr wie gewohnt gratis und franko ins Haus.

Die chinesische Kalendergeschichte zeigt beispielhaft, wie schnell sich sicher geglaubte traditionelle Geschäftsfelder von Grund auf verändern können. Flexibilität und Anpassung sind im digitalen Zeitalter gefordert. Die "Sozialistische Marktwirtschaft mit chinesischen Besonderheiten" ist dafür, wie die Kalenderpraxis beim Übergang vom Jahr des Holzpferdes zum Jahr des Schafes wieder einmal zeigt, besonders geeignet. Mit einem kleinen Wink der Partei natürlich...

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.