Kolumne

Firmen horten Milliarden

Unternehmen rund um den Globus horten 7000 Milliarden Dollar Bargeld – und es ist kein Ende in Sicht. Wie bringt man die Firmen dazu, das Geld zu investieren?
27.01.2014 01:00
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Firmen horten Milliarden
Bild: Sobli

Das Thema machte diese Woche in allen Wirtschaftsgazetten Schlagzeilen: 7000 Milliarden Dollar ist der aktuelle weltweite Cash-Bestand bei den kotierten Unternehmen. Und das Verhältnis zwischen Investitionen und Umsatz sei so tief wie noch nie. Die Meinungen waren einhellig: Die Unternehmen müssen wieder dazu gebracht werden, mehr zu investieren, statt beispielsweise Kapital an die Aktionäre zurück zu zahlen. Nur so könne der zaghafte Aufschwung nachhaltig werden.

Richtig. Doch wie? Die „Financial Times“ sieht den Hoffnungsschimmer, dass die Analysten von „ihren“ Unternehmen heute mehrheitlich Investitionen fordern, statt Dividenden oder Kapitalrückzahlungen. In den USA dreht sich die Diskussion vor allem um den Umstand, dass die US-Unternehmen ihre Cash-Bestände aus steuerlichen Gründen vorwiegend im Ausland halten. Also soll man ihnen punkto Steuern entgegen kommen, damit sie ihr Geld „repatriieren“.

Weniger Kapitalbedarf

Doch das sind Nebenschauplätze. Dass die Unternehme so wenig investieren hängt in erster Linie damit zusammen, dass sie Produktion und Absatz mit den vorhandenen  Produktionskapazitäten bewältigen können. Es ist nun einmal so, dass moderne Ökonomien viel weniger Kapital brauchen als einst. Noch in den 60er-Jahren waren Investitionsquoten von 35 Prozent des BIP normal. Heute braucht es noch gut die Hälfte davon. Einerseits weil der Anteil der - praktisch investitionsfreien - Dienstleistungen am BIP stark zugenommen hat. Andererseits weil moderne Kapitalgüter viel effizienter sind. Mit einer Maschine für real 100'000 Franken kann man heute mindestens doppelt soviel Output produzieren wie vor 20 Jahren.

Die grossen Cash-Bestände der Unternehmen hängen zweitens damit zusammen, dass die trotz sinkenden Investitionsquoten, tieferen Steuersätzen und gedrückten Löhnen (die Globalisierung lässt grüssen), aber dank er Ausschaltung des Preiswettbewerbs (nicht zuletzt durch Fusionen) die Preise dennoch hoch halten konnten. Was weitere steuerliche Anreize unter es unter diesen Umständen bringen sollen ist schleierhaft.  Allenfalls führt das dazu, dass die Unternehmen im In- statt im Ausland investieren, aber wie die Zahl von 7000 Milliarden Dollar zeigt, handelt es sich um ein globales Problem, das nicht durch Flickwerk in einzelnen Ländern gelöst werden kann.

"Wettbewerbsfähigkeit" bringt nichts

Auch der modische Ruf nach mehr Wettbewerbsfähigkeit, der dieser Tage wieder aus Davos erschallt ist, bringt gar nichts. Wie „Wettbewerbsfähigkeit“ gehen soll, kann man aktuell am Beispiel Frankreichs sehen: Nämlich durch Entlastung der Unternehmen (um 30 Milliarden Euro jährlich), durch eine Reduktion der Staatsausgaben und durch eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Insgesamt wird damit noch mehr Geld von der ärmeren Hälfte der Privathaushalte zu den reichen Firmen und den oberen 10 Prozent der Haushalte verschoben. Zudem wird die Nachfrage genau dort gebremst, wo es sie noch geben könnte, nämlich bei den (meist staatlich finanzierten) Dienstleistungen für Gesundheit, Bildung, Sicherheit etc.

Hollande war bis vor kurzem noch einer der wenigen, dem man zugetraut hätte, die unselige Wirtschaftspolitik der EU zum Besseren zu wenden. Zumindest liess er solche Absichten im Wahlkampf erkennen. Mit seiner Kehrtwende zum Sozialdemokraten, bzw. mit seinem Bekenntnis  zur Wettbewerbsideologie von Brüssel und Berlin, ist auch diese schwache Hoffnung gestorben. Der „Aufschwung“ wird wohl ein Strohfeuer bleiben und die Cash–Bestände der Unternehmen dürfen weiter anschwellen.

 

 

 

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».