Kolumne

Frankreich nicht alleine lassen

Ausländer- und europafeindliche Töne machen Stritti wütend und traurig – und um 100 Jahre älter.
03.02.2014 10:45
Hermann Strittmatter, VR-Präsident GGK Zürich
Frankreich nicht alleine lassen
Bild: ZVG

"Europa kann Frankreich nicht alleine lassen", sagte kürzlich der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier. Sein Bundespräsident und die Verteidigungsministerin bestätigten an der Münchner Sicherheitskonferenz die neue Haltung der Bundesrepublik hinsichtlich der Verantwortung für die Sicherheit der Staatengemeinschaft. Gemeint war damit vor allem ein verstärktes Engagement Deutschlands in den afrikanischen Krisenländern.

Deutschland kann Frankreich nicht alleine lassen! Das hört man gerne. Leider kommt dieses grenzüberschreitende, solidarische Selbstverständnis unter den Europäern 100 Jahre zu spät. Sonst wären nicht schon 1914-18 Millionen von Soldaten in und zwischen den Schützengräben sinnlos verreckt, in einem kriegsverbrecherischen Gemetzel. Beidseitig organisiert von wahnsinnigen Generälen, deren strategische und taktische Relevanz offenbar nur darin bestand, herauszufinden, ob der Feind über genügend Munition verfüge, um alle zum Sturmangriff genötigten Infanteristen bis auf den letzten Mann umzubringen.

Und es brauchte dann leider noch einen Zweiten Weltkrieg, bis endlich klar wurde, dass von Europa nur dann nie mehr ein Krieg ausgehen könne, wenn die Länder in ein System eingebaut würden, in dem kulturelle Gemeinsamkeiten und wirtschaftliche Zusammenarbeit für alle mehr Erfolge einbringen als nationalstaatlich motivierter, tödlicher Expansionsdrang.

Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, aber immerhin gab es seit bald 70 Jahren keine Kriege mehr zwischen den vorher Verfeindeten. Und dieses freie Europa reicht inzwischen bis weit in den Osten.

Die Schweiz hat sich noch nicht zurechtgefunden in dieser stürmischen Entwicklung. Die Zuwanderung bringt Probleme, die noch besser gelöst werden müssen. Aber immer nur den Fünfer und das Weggli wollen und die Rosinen aus dem Kuchen picken, geht langfristig nicht.

Ganz und gar nicht geht zudem, wenn bei den politischen Diskussionen um die Personenfreizügigkeit auch ausländer- und europafeindliche Töne erdröhnen.

Da werde ich wütend und traurig und um 100 Jahre älter.

 

Hermann Strittmatter

Hermann Strittmatter ist aktiver VR-Präsident der von ihm gegründeten Werbeagentur GGK in Zürich. Betriebswirtschafter, Swissair-Werber, Weinbauer, Gastrokritiker und Kommunikationsberater für Wirtschaft und Politik. Schreiben Sie Ihre Meinung Hermann Strittmatter direkt stritti2@bluewin.ch oder an die Redaktion.