Kolumne

Hildebrand kann nur Kapitalmarkt

Höheres Rentenalter, flexibler Arbeitsmarkt, tiefere Unternehmenssteuern - Philipp Hildebrands Rezepte für Wachstum unterscheiden sich nicht von jenen anderer Manager. Von einem Ex-Nationalbanker hätte ich mehr erwartet.
25.08.2014 12:54
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Hildebrand kann nur Kapitalmarkt
Bild: Sobli

Als Philipp Hildebrand vor bald drei Jahren zurücktreten musste, fand ich das schade. Er hatte als Nationalbank-Präsident einen guten Job gemacht. Inzwischen bezweifle ich, dass der gelernte Investmentbanker in seiner Zeit bei im SNB-Direktorium etwas dazu gelernt hat: In seinem jüngsten Beitrag für die "Financial Times" begründet Hildebrand, warum die Europäische Zentralbank die Geldpolitik der Fed (Kauf von Staatsschulden) nicht nachahmen sollte. Das würde erstens den Euro nicht – wie erhofft – schwächen und zweites würde es Europas Regierungen bloss dazu verleiten, die dringend nötigen Reformen aufzuschieben.

Im Detail erwähnt Hildebrand die Erhöhung des Rentenalters, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Senkung der Unternehmenssteuer, die Sanierung der Staatsfinanzen und die Rekapitalisierung der Banken. Doch wie genau sollten diese Reformen zu mehr Wachstum führen? Darüber verliert Hildebrand kein Wort. Vermutlich weil er nie ernsthaft darüber nachgedacht hat. Der Mann kann nur Kapitalmarkt. Die Realwirtschaft ist ihm abhanden gekommen.

Beispiele: Die Arbeitslosenquote liegt in Europa hartnäckig bei 10, die Jugendarbeitslosigkeit gar bei 23 Prozent. Wem ist da geholfen, wenn die Alten noch länger arbeiten? Hildebrand verlangt tiefere Gewinnsteuern und meint, dass die Unternehmen das gesparte Geld im Maschinen und Fabriken investieren würden. Dabei zeigen die Statistiken, dass die Unternehmen der EU heute schon jährlich rund 300 Milliarden mehr einnehmen als sie für ihre Investitionen benötigen. An Geld fehlt es zuletzt.  Wer sich die Mühe nimmt, die einschlägigen Statistiken zu konsultieren, kommt vielmehr um eine Erkenntnis – oder zumindest um einen schweren Verdacht – nicht herum: Europas Problem liegt bei der Nachfrage. Der private Konsum liegt heute noch unter dem Niveau von 2007. Wer will da noch in neue Produktionskapazitäten investieren? Das macht betriebswirtschaftlich keinen Sinn und kann deshalb auch (volkswirtschaftlich) nicht erwartet werden.

Damit ist allerdings auch gesagt, dass Hildebrand mit seiner zentralen Aussage recht hat: Noch tiefere Zinsen werden die Unternehmen nicht dazu bewegen, mehr zu investieren. Aus demselben Grund wird aber auch die von Hildebrand dringend geforderte Sanierung (bzw. bessere Kapitalisierung) der Banken wenig nützen. Zwar mag es ein paar kleine Unternehmen geben, die mangels Kredit nicht investieren, doch das sind Randerscheinungen. Insgesamt schwimmt der Unternehmenssektor im Geld und ist kaum auf Bankenkredite angewiesen.

Was dann? Nun, so wie wir von einem Chirurgen erwarten, dass er die Grenzen seiner Kunst kennt und nicht jeder Krankheit mit dem Skalpell zu Leibe rückt, so müssen auch (ehemalige) Zentralbanker in der Lage sein, über ihren Tellerrand hinaus zu sehen. Hildebrand tut dies scheinbar, in dem er auf die "strukturellen" Probleme hinweist und "strukturelle" Reformen fordert. Doch nichts in seinem Text weist darauf hin, dass er sich mit diesen wirklich entscheidenden Fragen ernsthaft auseinandergesetzt hat. Er betet einfach das wieder, was Tausende vor ihm auch schon gefordert haben.

Von einem ehemaligen Nationalbank-Präsidenten dürfte man mehr erwarten.

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».