Kolumne

Hiob, Analysten und der Crash

Yuan-Abwertung, Börsen-Crash, sinkende Wachstumsraten, Korruption – weisen die Negativ-Schlagzeilen auf eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft hin? Mit weltweiten Folgen?
31.08.2015 01:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
Hiob, Analysten und der Crash
Bild: ZVG

Hiobs-Botschaften aus China sind nichts Neues. In den letzten 35 Reform-Jahren oszillierte die westliche Wahrnehmung stets zwischen rosarotem Optimismus und pechschwarzem Pessimismus. Trotz aller Unkenrufe hat dabei die kommunistische Führung, ganz einem paternalistischen Staatskapitalismus verpflichtet, doch immer etwas richtig gemacht. China ist politisch stabil, Export-Weltmeister und nach den USA die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Den Chinesinnen und Chinesen geht es so gut wie nie zuvor in der Geschichte.

Gerade aber weil das Reich der Mitte in den letzten dreieinhalb Reform-Jahrzehnten so schnell gewachsen ist – im Durchschnitt mit etwas über 9 Prozent pro Jahr -  spielt es mittlerweile ökonomisch eine weltweit tragende Rolle. Nach Erkenntnissen des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist China seit fünf Jahren für über 30 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums verantwortlich, die USA für 17 Prozent sowie Japan und Europa für 10 Prozent. Für Amerika und Europa ist China ein willkommener Abnehmer hochwertiger Industriegüter, und Schwellen- und Entwicklungsländer profitieren als wichtige Rohstofflieferanten. Jetzt sieht alles düsterer aus. Chinas Wachstum normalisiert sich,  westliche Exporte und Rohstoffpreise leiden. Das Leitmedium des internationalen Kapitalismus, das „Wall Street Journal“, munkelt bereits dunkel, vielleicht sei China jetzt die Quelle der nächsten Weltrezession.

Kein Crash, eine überfällige Korrektur

Negativ-Nachrichten aus dem Wirtschaftswunderland China häuften sich in den letzten drei Monaten. Zunächst tauchten die Börsen in Shanghai und Shenzhen markant Richtung Süden. Der grösste Kurseinbruch seit Beginn der Finanzkrise 2007 wurde registriert. Die Konjunkturabkühlung, schlossen kurzatmig und kurzsichtig westliche Analysten, sei der Grund, warum die Anleger sich zurückziehen. Oder die Abwertung des Yuans. Das alles ist allenfalls nicht einmal ein Fünftel der Wahrheit, denn im Reich der Mitte zocken an der Börse – wegen Glücksspielverbot eine Art Ersatzcasino – vor allem Klein- und Kleinstverdiener. Es war kein Crash, sondern die längst überfällige Kurskorrektur des grotesk überbewerteten chinesischen Aktienmarktes.

Auch die Nachrichten aus der chinesischen Realwirtschaft zeigen mit der westlichen Ökonomen-Brille eher ins Negative. Das Wachstum in den beiden ersten Quartalen war nach den Vorgaben der Regierung mit plus 7 Prozent knapp genügend, und das laufende dritte Quartal entwickelt sich in Richtung einer weiteren Abschwächung. Die Prognosen chinesischer Wirtschaftsprofessoren: plus 6,8 Prozent für 2015.

Mit Enttäuschung wurde im Westen – zumal in den USA – auch die Abwertung der chinesischen Währung Yuan Renminbi registriert. Zu Unrecht, denn was die kapitalistischen Staaten seit Jahren fordern, wird jetzt langsam Realität. Mit der neuen Referenz-Setzung des Wechselkurses steuert  Chinas Zentralbank – die Volksbank – unter Notenbankchef Zhou Xiaochuan eine Annäherung an den Markt an. Lob deshalb vom Internationalen Währungsfond IMF, der den Schritt als eine „willkommene Etappe“ zur  Verbesserung bei der Bildung des Wechselkurses bezeichnet und hinzufügt.

Der Yuan erobert die Welt

Unterdessen ist der Yuan Renminbi die im Handelsverkehr fünfthäufigste Währung der Welt, und wird neben dem US-Dollar, dem japanischen Yen, dem britischen Pfund und dem Euro wohl bald in den IMF-Währungskorb der Sonderziehungsrechte eingebettet. Nach Einschätzung sowohl westlicher als auch chinesischer Ökonomen ist das nicht mehr eine Frage des Ob sondern nur noch des Wann. Was noch fehlt ist die Konvertibilität – die freie Handelbarkeit – des Yuan. Wenn nicht alles täuscht, wird also in kurzer Zeit ein Meilenstein in der Internationalisierung des Yuan erreicht. Bereits gibt es Yuan-Handelszentren in über einem Dutzend Städten, darunter Hong Kong, Singapur, Sidney, Toronto, Frankfurt oder Dubai. Bald wird auch Zürich dazugehören.

Der Internationale Währungsfonds lobt nicht nur, sondern mahnt China auch zu „mutigen Strukturreformen“. Das hat die allmächtige Kommunistische Partei unter der Führung von Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping längst erkannt. Doch Strukturreformen sind leichter dekretiert als durchgesetzt. Interessen der Partei-, Regierungs- und Staatsbetriebs-Bürokratie stehen auf dem Spiel. Seit über zwei Jahren wird an einem neuen, „nachhaltigeren“  Wirtschaftsmodell gearbeitet: Weniger Abhängigkeit von Export sowie von Infrastruktur- und Immobilien-Investitionen und mehr Gewicht auf Binnennachfrage, Konsum, Innovation, High-Tech, Qualität und Umwelt. Grundtenor: Mehr Markt in allen Bereichen.

Nicht schlechte Wirtschaftsdaten

Die Wirtschaftsdaten aus dem Reich des Wirtschaftswunders sind entgegen der allgemeinen Börsen-Hysterie gar nicht so schlecht. Ein Wachstum zwischen 6 und 7 Prozent kann sich durchaus sehen lassen. Von Rezessionsängsten, wie westliche Finanz- und Börsen-Analysten schwadronieren, keine Spur. Parteichef Xi Jinping hat schon vor längerem das Wort vom „Neuen Normalen“ geprägt. Was Xi mit seiner Wortschöpfung auszudrücken versucht, ist – für Westler übersetzt – das einfache Faktum, dass China in der neuesten Wirtschaftsphase ein zwar wichtiges, dennoch aber normales Land geworden ist. Ähnlich wie vor einiger Zeit etwa Japan, Taiwan oder Südkorea schwenkt jetzt auch China von exorbitanten Wachstumsraten auf moderateres Wachstum ein. Wie immer bis anhin, so hoffen die roten Kapitalisten, mit einer weichen Landung der Wirtschaft.

So betrachtet ist China zusammen mit den USA zwar immer noch die Wachstums-Lokomotive der Weltwirtschaft. Doch die Entwicklungen anderswo auf der Welt, zumal in Europa und den Schwellenländern, sind bei der Analyse der Weltkonjunktur nicht zu vernachlässigen. Ökonomisch ist die interdependente Welt heute auch eine andere als noch zur Zeit der asiatischen Finanz- und Wirtschaftskrise 1997/98 oder dem weltweiten Finanz-Debakel 2007/09. Die Schwellenländer sind bei allen wirtschaftlichen und politischen Problemen heute wirtschaftlich besser aufgestellt als damals.

News- und Börsen-Hysterie

Wirtschaftswissenschafter mit ihrer eher langfristigen Perspektive wissen das alles. Die KP Chinas auch. Tian Yun, Chefredaktor einer wichtigen Wirtschafts-Website, wird in der Tageszeitung „Global Times“ – einem Ableger des Parteisprachrohrs „Renmin Ribao“ (Volkkszeitung) -  mit den Worten zitiert: „Die Regierung versucht mit Taten und nicht mit Worten zu führen“. Von Taten erwarten die Chinesinnen und Chinesen – vom Bauern bis hin zum städtischen Mittelständler – vor allem eines: jedes Jahr mehr Wohlstand, jedes Jahr die nötigen gut zehn Millionen neuen Arbeitsplätze. Ohne das droht Chaos (Luan). Das wiederum bringt – wie so oft zur Zeit der Kaiser-Dynastien – das Mandat des Himmels und mithin die Macht in Gefahr.

Die hochbezahlten Finanz- und Börsen-Analysten und auf schnelle Profite orientierte Investoren freilich kümmern langfristige Perspektiven im permanenten digitalen News-Gehechel keinen Deut. Es gibt zwar Turbulenzen an der Börse, auf den Finanzmärkten und in der Wirtschaft, gewiss, doch bei genauer, faktenorientierter Analyse steht die Welt nicht vor einem Wirtschafts-Kollaps. Schon gar nicht vor einer durch China verursachten weltweiten Rezession. Es sei denn, dass durch News- und Börsen-Hysterie und durch Einprügeln auf den wohlfeilen Sündenbock China sich die aktuelle Lage in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verwandeln wird.

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.