Kolumne

Humor in der Geschichte entdecken

Die Rückverschiebung des Rütlischwurs von 1307 auf 1291 und andere Merkwürdigkeiten. Stritti fordert etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit der Schweizer Geschichte.
13.04.2015 00:01
Hermann Strittmatter, VR-Präsident GGK Zürich
Humor in der Geschichte entdecken
Bild: ZVG

Unsere Geschichte ist voller Geschichten voller unglaublichen, skurrilen Geschehens: Chaos, Heldentaten, Missverständnisse, Tricks, Untätigkeit, Siege und Niederlagen, Religionskriege, Tragik und Komik. Der Entspannung der heute teilweise gehässig geführten Diskussion wäre es förderlich, Historiker und Politiker könnten das Kriterium Humor einbringen, auch wenn der meistens nicht freiwillig war. Als Beispiel zwei tragikomische Events.

Die Abstimmungs-Fälschung vom 6. Juni 1848:

1832, also erst 17 Jahre nach dem für die Schweiz wegweisenden Wiener Kongress, wurde mit dem Projekt für eine "Bundesurkunde" begonnen. Rechtsprofessor Pellegrino Rossi von der Uni Genf, ein
italienischer Asylant übrigens, verfasste den ersten Entwurf, an dem dann weitere 16 Jahre herumgewürgt wurde, bis er 1848 endlich der Volksabstimmung zugeführt werden konnte.
 
Neben anderen Merkwürdigkeiten wie in Freiburg, wo der Grossrat und in Graubünden, wo die "Komitatstimmen" entschieden, manipulierte der damals "liberale" Kanton Luzern ein Jahr nach Ende des Sonderbundskriegs noch eindeutiger das Ergebnis. Damit das Resultat positiv ausfiel, zählte er die Nichtstimmenden kurzerhand als Ja-Stimmen! Mit der Begründung, diese seien ja mit ihrer Stimmenthaltung nicht dagegen gewesen.

Vorverschiebung Rütlischwur:

Bis 1889 galt gemäss dem Historiker Aegidius Tschudi 1307 mit seinem Rütlischwur als Gründungsjahr der Eidgenossenschaft. Da die Stadt Bern 1891 eine 600-Jahrfeier veranstalten wollte, forderte er Bundesrat und Parlament auf, zwecks doppelter Jubiläumsfreude den Rütlischwur auf das Jahr 1291 zurück zu verschieben. (Schliesslich habe es ja schon damals einen staatsgründenden "Bundesbrief" gegeben.) Was dann zum Entsetzen der Innerschweizer auch so beschlossen wurde.  Die Motivation bestand wohl darin, dass damit Regierung und Parlament noch zu ihrer Amtszeit an diesem nationalen Feiertag in corpore teilnehmen konnten. Denn 1907 wäre das für die meisten wohl nicht mehr möglich gewesen. Auf dem Tell-Denkmal in Altdorf steht jedoch noch heute aus Protest klar und deutlich die Jahreszahl 1307.

Wer kennt noch mehr solcher lustiger wahren Geschichten?

 

Hermann Strittmatter

Hermann Strittmatter ist aktiver VR-Präsident der von ihm gegründeten Werbeagentur GGK in Zürich. Betriebswirtschafter, Swissair-Werber, Weinbauer, Gastrokritiker und Kommunikationsberater für Wirtschaft und Politik. Schreiben Sie Ihre Meinung Hermann Strittmatter direkt stritti2@bluewin.ch oder an die Redaktion.